Träume von Tieren und Toten
Im Psychothriller „Tiere“ brillieren Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair.
Innsbruck –In der ersten Einstellung beugt sich eine Frau im roten Nachthemd aus dem Fenster, lässt sich fallen, mit einem dumpfen Geräusch ist der Aufprall des Körpers zu hören. Nach einer Schrecksekunde folgt die Kamera der Fallrichtung, aber auf der Straße ist keine Leiche zu sehen, nicht einmal eine Blutspur. Es ist also für das Kommende in Greg Zglinskis „Tiere“ mit Irritationen zu rechnen.
Anna (Birgit Minichmayr) und Nick (Philipp Hochmair) geben in ihrer Wiener Wohnung Mischa (Mona Petri) letzte Anweisungen zur Betreuung von Blumen und Inventar, da sie für ein halbes Jahr in der Schweiz ein Chalet gemietet haben. Die Kinderbuchautorin möchte dort endlich ihren ersten Roman für Erwachsene schreiben, der ambitionierte Koch sucht nach neuen Rezepten. Kaum ist das Gepäck im schwedischen Cabrio verstaut, erinnert ihn ein Anruf daran, etwas vergessen zu haben. Es ist Andrea (Mona Petri), die ihn in ihrem roten Nachthemd im dritten Stock erwartet. Wegen der besitzergreifenden Aspekte in ihrer Beziehung möchte Nick die Affäre beenden. Um nicht auf die angesammelten Probleme ihrer Ehe zurückgeworfen zu werden, vertreibt sich das Paar im Auto die Zeit mit Rätselspielen. Während einer der Spieler im Kopf das Alphabet durchrattert, muss der andere „Stopp!“ sagen. Beim Buchstaben T sind „Tiere“ zu nennen und Anna sagt dreimal „Schaf“. Das ist gegen die Regel, benennt dafür das Hindernis auf der Straße kurz vor Vevey. Stunden später darf Anna mit einem Kopfverband die Klinik verlassen und Nick das tote Schaf zur Verarbeitung mitnehmen, obwohl seine Frau kein Schaffleisch mag. Die nächsten Tage vergehen mit Vorwürfen und kleinen Ausflügen. Das ist die eine lineare Erzählung von „Tiere“, die Zglinski mit einer zweiten, zeitlich mal in die Vergangenheit und in die Zukunft versetzten Geschichte unterbricht, wobei ein sprechender Sphynx-Kater als Agent provocateur neben anderen Tiersymbolen die Elemente verbindet.
Mit seinem Film „Crash Test Dummies“ wurde der Regisseur Jörg Kalt 2005 zu einer der großen Hoffnungen des österreichischen Kinos. Für sein nächstes Projekt schrieb Kalt das Drehbuch für „Tiere“, das man auch als subtile Studie über die Möglichkeiten des Selbstmordes und die Zufälle des Lebens lesen kann. Die Filmkommission der Zürcher Filmstiftung förderte 2006 das Projekt, dessen Realisierung Kalt mit seinem Selbstmord 2007 zuvorkam. Der polnisch-schweizerische Regisseur Greg Zglinski war damals Mitglied der Kommission und hat sich „Tiere“ als surrealen Traum eines Psychothrillers angeeignet. Bis zuletzt bleibt auch mit dem sechsten Sinn offen, wer welchen Traum träumt. (p. a.)