“Waisen“

Schwarzlicht-Spritzer und der Terror am Esstisch

Schuld sind immer die anderen: Michaela Senn und Philipp Rudig in „Waisen“.
© Pertl

Eine aufwühlende Erfahrung: Dennis Kellys „Waisen“ als tON/NOt-Koproduktion im Innsbrucker „theater praesent“.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Man kennt es aus x-beliebigen Wiederholungen der verschiedenen „CSI“-TV-Serien: Schwarzlicht macht auch jene Spritzer sichtbar, die der Schuft abgewischt hat. Auch in Agnes Mairs Inszenierung von Dennis Kellys „Waisen“, einer Koproduktio­n von theater praesent und tON/NOt, gibt es eine solche, nur wenige Augenblicke andauernde Schwarzlichtszene. Sie macht die Ausmaße eines Massakers erahnbar, das ein schleunigst entsorgtes, blutbespritztes Hemd bestenfalls angedeutet hat.

Der Hemdträger, Liam (Philipp Rudig), stammelte sich davor zum Helden einer Räuberpistole: Auf dem Heimweg habe er das Opfer eines Überfalls erstversorgt, erklärt er seiner Schwester Helen (Michaela Senn). Die wiederum bemühte sich mit ihrem Mann Danny (Edwin Hochmuth) um einen Abend trauter Zweisamkeit, als Liam die Idylle störte. Dass er den Tag bei einem ortsbekannten Schläger und Sammler von NS-Devotionalien verbrachte, macht Liams Erzählung nicht glaubwürdiger. Seine sprichwörtlich einschlägige Vorgeschichte, die schrittweise enthüllt wird, gibt ihr den Rest.

Was dann folgt, ist ebenso unwahrscheinlich wie dramaturgisch konsequent. Es – mehr sei an dieser Stell­e nicht verraten – wird auch den Zuschauern den Rest geben. „Waisen“ ist ein Schlag in die Magengrube. Beinahe unerträglich windet sich Kellys ungemein klug komponierter Text hinauf zum denkbar dunkelsten Höhepunkt.

Um das, was sich zugetragen hat, geht es irgendwann nicht mehr, sondern darum, das Geschehene zu vertuschen. Auf Teufel komm raus. Schließlich gilt es, das permanent behauptete Miteinander zu retten, es vor den anderen zu verteidigen. Und schuld sind immer die anderen. Die Fremden, Zugewanderten, die Polizei, die, die beruflich erfolgreicher sind, oder die, die es – warum auch immer – irgendwie leichter haben.

„Waisen“ entwickelt sich nach und nach zur beklemmenden Studie über die verantwortungslose Tendenz, Verantwortung auch dann noch mit verschwörerischem Blick von sich zu weisen, wenn das Blut an den eigenen Händen noch feucht ist. Ohne Zweifel: ein Stück zur Zeit. Man mag gar nicht glauben, dass seine Uraufführung bereits gut acht Jahre zurückliegt.

Mairs Zugriff auf den Stoff ist geradlinig, die Situation, die sie gemeinsam mit Ausstatterin Salha Fraidl entwirft, eine einfache: Der Terror macht sich am Esstisch breit, etwas Spielzeug deutet an, dass auch das weitere Leben eines Kindes auf dem Spiel steht.

Ein Coup freilich ist die Besetzung: Edwin Hochmuth – spätestens seit seinem artistischen Toben in „Höllenritt“ bei den Telfer Volksschauspielen 2007 auf Bühnenberserker festgelegt – spielt Danny ganz reduziert als „Saubermännchen“, das nur darauf zu warten scheint, sich als „echter Mann“ zu beweisen.

Michaela Senn zieht als Helen mit betont besorgtem Blick alle Register psychologischer Manipulation. Beinahe beiläufig wird sie zur treibenden Kraft auf dem Weg in die Katastrophe.

Und Philipp Rudig, der die Bühne als um Mitleid heischender Schussel betritt, wechselt zwischen abgründig leisen Tönen und tumb polternden Ausbrüchen.

Stück, szenische Lösung und Spiel machen „Waisen“ zu einer der intensivsten und aufwühlendsten Erfahrungen der bisherigen Theatersaison. Und trotzdem: Nach etwas mehr als eineinhalb Stunden ist man erleichtert, sie überstanden zu haben.

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