Schiitische Miliz im Zentrum des Konflikts zwischen Riad und Teheran

Beirut (APA/AFP) - Im Machtkampf zwischen dem Iran und Saudi-Arabien spielt die libanesische Hisbollah-Miliz eine Schlüsselrolle. Für die Re...

Beirut (APA/AFP) - Im Machtkampf zwischen dem Iran und Saudi-Arabien spielt die libanesische Hisbollah-Miliz eine Schlüsselrolle. Für die Regierung in Teheran ist die schiitische Bewegung ein wichtiger Verbündeter, der ihr in den vergangenen Jahren geholfen hat, ihren Einfluss in der Region deutlich auszuweiten. Für das saudi-arabische Königreich ist die schlagkräftige Miliz dagegen eine „Terrorgruppe.

Als Libanons Ministerpräsident Saad Hariri am 4. November überraschend seinen Rücktritt erklärte, begründete er dies mit der destabilisierenden Politik der Hisbollah in der Region und warf ihr vor, ihn ermorden zu wollen, wie auch sein Vater Rafik Hariri 2005 ermordet wurde. Dass er seinen Rücktritt in Riad verkündete, führte aber zu Spekulationen, dass er von Saudi-Arabien dazu gezwungen wurde.

Der Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah zeigte sich überzeugt, dass Hariris Rücktritt „weder sein Wille, noch seine Entscheidung“ gewesen sei. Auch Libanons Präsident Michel Aoun verlangte, dass Hariri erst in den Libanon zurückkehrt, bevor er dessen Rücktritt annehmen könne. Zwar dementierte Hariri, in Riad unter Hausarrest zu stehen, doch bleiben Zweifel, dass er frei handelt.

Der Sunnit Hariri führte seit einem Jahr in Beirut eine fragile Koalitionsregierung unter Beteiligung der Hisbollah. Die schiitische Bewegung ist die einzige Gruppierung im Libanon, die nach dem Ende des Bürgerkriegs 1990 ihre Waffen behalten hat. Die Miliz, die besonders im Süden des Libanon stark verwurzelt ist, begründet dies mit der Notwendigkeit, das Land gegen Israel zu verteidigen.

Ihr Widerstand gegen Israel im Krieg von 2006 hat ihre Stellung im Libanon weiter gestärkt. Obwohl sie wegen ihrer Rolle bei Geiselnahmen, Entführungen und Anschlägen seit Jahrzehnten von den USA und anderen Ländern als „Terrororganisation“ gelistet ist und Sanktionen unterliegt, hat sie militärisch wie politisch ständig an Einfluss gewonnen. Heute führt in Beirut kein Weg mehr an der Hisbollah vorbei.

Allerdings hat ihr Prestige durch ihre Waffenhilfe für den syrischen Machthaber Bashar al-Assad gelitten. Zwar hat ihre Intervention die Balance zugunsten Assads verschoben, doch hat sie ihr viele Sympathien gekostet. Nicht nur Saudi-Arabien sieht die Hisbollah als Marionette des Iran, der die Gruppe seit ihrer Gründung in den 80er-Jahren als Schutzmacht der libanesischen Schiiten politisch, finanziell und militärisch unterstützt.

Der Politikwissenschafter Hilal Chashan von der Amerikanischen Universität in Beirut sieht die Hisbollah heute als „wichtigstes Instrument“ des Iran zur Ausweitung seines Einflusses in Syrien, im Irak und im Jemen. Laut Chashan trainiert die Hisbollah die schiitischen Hashed-al-Shaabi-Milizen im Irak und unterstützt auch die jemenitischen Houthi-Rebellen im Kampf gegen die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition.

Joseph Bahout von der Carnegie Foundation bezeichnet die Miliz als „Kronjuwel“ des Iran, die als „Modell“ für andere proiranische Bewegungen in der Region diene. Hariri warf der Hisbollah nach seinem Rücktritt vor, durch ihre Beteiligung an den Kriegen in Syrien und im Jemen den Zorn Riads erregt zu haben. Im eigenen Interesse und zum Wohle des Libanon müsse sie sich aus den Konflikten zurückziehen, forderte er.

Die Führung in Saudi-Arabien ist da ganz seiner Meinung. Jeder Versuch, den Einfluss der Hisbollah zu beschneiden, droht aber, das fragile Gleichgewicht des Libanon zu zerstören. Karim Bitar vom Institut für Internationale und Strategische Beziehungen in Paris geht davon aus, dass beide Seiten eine militärische Konfrontation vermeiden werden, da sie wüssten, welch verheerende Folgen ein Krieg hätte. Im Moment herrsche in der Region ein „Gleichgewicht des Schreckens“.