Florian Hecker-Personale: Die Kunsthalle der Klangerzeugnisse

Wien (APA) - Ton ist nicht leicht auszustellen. Im Konzert schaut man auf die Musiker, die ihn herstellen, in der Oper auf ein Bühnenbild, i...

Wien (APA) - Ton ist nicht leicht auszustellen. Im Konzert schaut man auf die Musiker, die ihn herstellen, in der Oper auf ein Bühnenbild, im Club auf ein DJ-Pult oder die Rückseite eines Laptops. In der Wiener Kunsthalle bemüht man sich in der ab Freitag geöffneten Personale von Elektroakustik-Künstler Florian Hecker um einen Objektbezug. Bleibt der Lautsprecher. Und der Raum.

Denn Florian Hecker, Psychoakustiker, Computerlinguistiker und Soundarchitekt, bespielt die Ohren exklusiv, blind müsste man seine schroffen Landschaften durchschreiten und die sinnlichen Bedürfnisse in den Schoß der Physik legen. Was kann das menschliche Ohr überhaupt noch wahrnehmen? Wie differenziert der Hörapparat zwischen Farbe und Rhythmus, zwischen Schwingung und Geräusch? Bestimmte Frequenzen, erklärte Kuratorin Vanessa Joan Müller bei der heutigen Presseführung, lösen im Innenohr die Produktion eigener Klänge aus. „Mehr als die Hälfte kommt dann nicht mehr aus dem Lautsprecher, sondern entsteht im Kopf.“

„Halluzination, Perspektive, Synthese“ nennt Hecker seine Ausstellung - und beschreibt damit nicht nur mögliche Zustände eines Ausstellungsbesuchers, sondern auch einen Herstellungsprozess. Zentrales Stück der Schau ist „Resynthese FAVN“, ein fast einstündiges Werk, das in acht verschiedenen Variationen auf Debussys „Prelude a l‘apres-midi d‘un faune“ sowie auf dessen Inspirationsquelle, das gleichnamige Gedicht von Stephane Mallarme, Bezug nimmt. Heraushören kann man das allerdings kaum. „Der Abstraktionsgrad ist sehr hoch“, so Hecker.

Vielmehr verneigt sich die Komposition, die statt als Rauminstallation auch schon „konzertant“ in der Alten Oper Frankfurt aufgeführt wurde, vor einem musikhistorischen Umbruch im tonsetzerischen Denken: Debussys impressionistischer Klassiker legte jahrhundertealte Konstruktionsprinzipien ab und verschrieb sich einzig und allein der Klangfarbe als Gestaltungsmaxime. In Heckers Version sind es Algorithmen, die das Tongeflecht analysieren und umbauen - bis zur Unkenntlichkeit, nicht nur der in ihre Atome zerlegten Melodie, sondern des Klangs selbst.

Hecker hat in Wien studiert und sei hierzulande „bekannt wie ein bunter Hund“, so Kunsthallen-Chef Nicolaus Schafhausen. „Über Florian Hecker wird viel gesprochen, aber seine Arbeiten sind in dieser Größenordnung eigentlich nicht oft zu erleben.“ Sie zu realisieren stelle jede Kunst-Institution vor enorme Herausforderungen - von denen dann, paradoxerweise, kaum etwas zu erkennen ist. Er selbst habe die Halle noch nie in solch „minimaler Strenge“ erlebt. Will heißen: leer.

Der erste Reflex: Auf Lautsprecher starren. Der zweite: Augen schließen. Der dritte: den Raum wahrnehmen als Strecke und als Körper, der von den Soundfragmenten durchmessen wird. An die visuelle Deprivation könnte man sich gewöhnen, wenn man nicht gerade in einer Kunsthalle wäre - am Samstag ist Hecker eine Halle weiter bei Wien Modern im vermutlich leichter degustierbaren Konzertformat zu erleben. Ton ist nicht leicht auszustellen.

(S E R V I C E - „Florian Hecker: Halluzination, Perspektive, Synthese“, von 17. November bis 14. Jänner 2018. Kunsthalle Wien, www.kunsthallewien.at)