Flüchtlinge - Experte: EZA kann Armutsmigration nicht stoppen

Wien/Graz (APA) - Im Zuge der Migrationsdebatte ist das Thema Entwicklungszusammenarbeit (EZA) etwas populärer geworden. Mit der viel zitier...

Wien/Graz (APA) - Im Zuge der Migrationsdebatte ist das Thema Entwicklungszusammenarbeit (EZA) etwas populärer geworden. Mit der viel zitierten „Hilfe vor Ort“ soll Migration eingedämmt werden, so die Vorstellung. Doch EZA wird oft überschätzt und hat nur eine begrenzte Reichweite, sagt Entwicklungsforscher Andreas Obrecht im APA-Gespräch im Vorfeld der Österreichischen Entwicklungstagung, die Freitag beginnt.

Die Armutsmigration aus Afrika mittels Entwicklungshilfe zu begrenzen, sei etwas, was die EZA nicht leisten kann. „Dafür ist EZA zu klein. Sie alleine kann Armut nicht bekämpfen“, betont Obrecht, Leiter der Geschäftsstelle der Kommission für Entwicklungsfragen (KEF) im Österreichischen Austauschdienst (OeAD). Vielmehr brauche es wirtschaftliches Wachstum und geeignete politische Rahmenbedingungen.

Ob EZA vielleicht sogar eher Menschen dazu bewege, auszuwandern? „Tatsächlich ist es so, dass nicht die Ärmsten der Armen emigrieren sondern die, die den Sprung aus der ländlichen Armut in die städtische Mittelklasse gemachen haben. Genau die haben die Ressourcen“, so Obrecht. „Wenn Sie also Armutsbekämpfung ernst nehmen, dann haben Sie eine andere Zielgruppe als die, die migrieren. Da wird es mit der Argumentation eng, obwohl EZA derzeit so argumentiert wird“, gibt der Experte zu bedenken. EZA habe natürlich mit Asyl und Migration zu tun, dürfe damit aber nicht verwechselt und vor allem nicht dafür instrumentalisiert werden.

Die Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen erachtet Obrecht als „großen Schritt“ in der globalen Entwicklungsdebatte. Allein die Tatsache, dass sich alle UNO-Mitgliedsländer auf die 17 Rahmenziele, laut denen bis 2030 unter anderem Armut und Hunger bekämpft werden sollen, einigten, sei beachtlich. In Österreich sei bisher jedoch noch wenig passiert, auch im Wahlkampf und bei den derzeitigen Koalitionsverhandlungen höre man bedauerlicherweise wenig über eventuelle Pläne zur Erreichung der SDGs, kritisierte Obrecht.

Welche Rolle die SDGs tatsächlich in Zukunft spielen können oder sollen, ist auch eines der Themen der Österreichischen Entwicklungstagung, die heuer bereits zum siebenten Mal stattfindet, diesmal in Graz. Von Freitag bis Sonntag diskutieren entwicklungspolitische Akteure auch über die Frage, ob und welche sozial-ökologischen Transformationen global benötigt werden. Organisiert wird die Tagung unter anderem von der KEF, unter der Ägide des Paolo Freire Zentrums (PFZ). Sie findet alle drei Jahre statt. Im Zuge der Tagung wird am Sonntag auch der Österreichische Preis für Entwicklungsforschung vergeben.

(Das Gespräch führte Christina Schwaha/APA.)

Zur Person: Andreas Obrecht (ao. Univ.-Prof. Mag. Dr.) ist Soziologe, Ethnologe, Schriftsteller, Radiomoderator und Leiter der Geschäftsstelle der Kommission für Entwicklungsfragen (KEF) sowie Leiter des „Austrian Partnership Programme in Higher Education und Research for Development“ (APPEAR) an der OeAD-GmbH im Auftrag der Austrian Development Agency (ADA).

(SERVICE: 7. Österreichische Entwicklungstagung: „Sozial-ökologische Transformationen jetzt!“, 17. bis 19. November 2017; Karl-Franzens-Universität Graz, Universitätsplatz 3, 8010 Graz. https://www.pfz.at/article1887.htm)