Die abgewickelte Demokratie
Politik, Plot und Plattitüden: In ihrem neuen Roman „Leere Herzen“ rechnet die Bestsellerautorin Juli Zeh gegenwärtige Gefahren zum bedrohlichen Übermorgen hoch.
Von Joachim Leitner
Innsbruck –Mit „Unterleuten“ legte Juli Zeh im Vorjahr ein multiperspektivisch aufgefächertes und kunstvoll in die brandenburgische Provinz gepflanztes Gesellschaftspanorama, das sich in den vergangenen zwölf Monaten so beharrlich in den einschlägigen Bestsellerlisten hielt, als wäre es ein Thriller. Jetzt ist Zehs neuer Roman, „Leere Herzen“, erschienen. Schon vorab wurde verlautbart: „Leere Herzen“ soll sich nicht nur wie Spannungsliteratur verkaufen, sondern auch Spannungsliteratur sein. Und Science-Fiction.
„Leere Herzen“ also ist ein Zukunftsroman. Wobei es kein fantastisches Irgendwann ist, das Juli Zeh entwirft, sondern ein nicht unwahrscheinliches Übermorgen. In dem Stück „Corpus delicti“ (2007) und dem daraus entstandenen Roman (2009) hat Zeh etwas ganz Ähnliches gemacht.
Damals spielte sie die Gefahren einer sich ankündigenden Gesundheitsdiktatur durch. Diesmal geht es um die restlose Durchökonomisierung alles Politischen – und um die damit einhergehende freiwillige Abwahl demokratischer Errungenschaften. Die „gemäßigte Diktatur“, von der ein hiesiger Stratos-Springer schon vor Jahren schwärmte, hat sich in „Leere Herzen“ durchgesetzt.
Der Reiz dieser Spielart von Science-Fiction liegt in der verstörenden Vertrautheit, die entsteht, wenn man gegenwärtige Entwicklungen hochrechnet auf das, was – ganz ohne wundern – möglich werden könnte. Ein solcher Ansatz freilich birgt auch Gefahren: Es droht die Tendenz zur These. Die etwa ließ sich zuletzt in Doron Rabinovicis „Die Außerirdischen“ ausmachen. Auch „Leere Herzen“ krankt bisweilen daran, dass sich die Erzählung immer wieder in den Dienst einer Lektion stellt, die ausgestaltet werden soll.
Der Roman spielt im Deutschland des Jahres 2025: Langzeitkanzlerin Angela Merkel wurde abgewählt; die „Bewegung besorgter Bürger“ (BBB) regiert mit absoluter Mehrheit; die Demokratie wird mittels „Effizienzpaketen“ abgewickelt; alles politisches Widerstandspotenzial mittels bedingungslosen Grundeinkommens ins beschaulich Private entlassen. Ein Song namens „Full Hands Empty Hearts“ ist die Rundfunknudel der Stunde – und bringt die Situation ziemlich genau auf den Punkt.
Selbst suizidale Absichten taugen zum Geschäftsmodell: Britta, die Protagonistin, führt eine einträgliche Agentur, die Selbstmordgefährdete entweder mittels eines drastischen Programms therapiert oder als willfährige Attentäter an den Untergrund vermittelt. Schließlich gäbe es immer ein gewisses Amok-Potenzial – und so sei es wenigstens säuberlich organisiert. Zumal sich Opferzahlen und Kollateralschäden genauer prognostizieren lassen, wenn man weiß, wann wer wo seinen Sprengstoffgürtel zündet. Da Brittas Kompagnon ein ausgewiesenes IT-Genie ist, ist man sowieso auf alle Eventualitäten vorbereitet. Bis etwas Unerwartetes passiert: ein stümperhafter Anschlag auf den Leipziger Flughafen zum Beispiel, den keiner von Brittas Patientenklienten zu verantworten hat.
Damit setzt nach – atmosphärisch durchaus dichter – Bestandsaufnahme künftig-kühler Biederkeit das ein, was man den Thrillerplot des Buches nennen könnte. Er beinhaltet: einen dubiosen Investor, dunkle Machenschaften, dreckige Geschäfte und einen etwas bemühten Befreiungsschlag. Und dieser Plot ist flott erzählt – flott genug jedenfalls, um manche Ungereimtheit schnell vergessen zu lassen. Auch die eine oder andere als mutige Metapher getarnte Plattitüde nimmt man noch in Kauf, weil sie eh nur Zwischenspiel für Zehs Dialoge sind, die die Handlung wirklich vorantreiben. Dass die Figuren mitunter eher dozieren, als wirklich miteinander zu reden, trübt den Eindruck, den „Leere Herzen“ hinterlässt, allerdings doch.
Roman Juli Zeh: Leere Herzen. Luchterhand Literaturverlag. 347 Seiten, 20.60 Euro.