Mountainfilmfestival Graz - Baumriese wird Klopapier

Graz (APA) - Regenwald in Gefahr, weil er für Soja abgeholzt wird? Geschenkt. Meere werden leergefischt? - der News-Wert eines alten Stiefel...

Graz (APA) - Regenwald in Gefahr, weil er für Soja abgeholzt wird? Geschenkt. Meere werden leergefischt? - der News-Wert eines alten Stiefels beim Angeln. Aber wenn der Regenwald in Kanada liegt und die Probleme dreier Fischerdörfer an unterschiedlichen Küste des Atlantiks dräuen, dann handelt es sich um aufrüttelnde Dokus - „The Vanishing Caribou Rainforest“, „Atlantic“ - beim Mountainfilmfestival Graz.

Das Mountainfilmfestival Graz - dessen Organisator, Everest-Bezwinger Robert Schauer über die Jahrzehnte zu einem der angesehensten der Welt aufgebaut hat - hat die ursprünglichen Themen Berge und Abenteuer schon lange erweitert. In der Kategorie „Natur & Umwelt“ ist der interessierte Festivalbesucher einem Wechselbad der Emotionen ausgesetzt. Wunderschöne Bilder letzter großer Naturräume wechseln mit eindringlich-nachdenklich machender Dokumentation menschlichen Profitstrebens. Zwei Beispiele von Mittwochnacht: „Last Stand: The Vanishing Caribou Rainforest“, der in den nordwestlichen US-Bundesstaaten und der südwestkanadischen Provinz British Columbia gedreht wurde.

„Last Stand“ klingt wie der Titel eines Actionfilms, nur dass hier die Vernichtung der Landschaft endgültig erscheint und kein Retter in Sicht ist. Colin Arisman hat in - viel länger und quälender wirkenden - 35 Minuten den größten noch verbliebenen Regenwald an der Nordwestküste des amerikanischen Kontinents porträtiert. Die Protagonisten: Umweltschützer und Forscher, die tagelang Hochwälder, Hochebenen und Hochgebirge durchstreifen, ohne auch nur auf ein einziges der einst nach Zehntausenden zählenden Wald-Karibus zu treffen.

Es ist kein Wunder - denn die Heimat der nordamerikanischen Rentiere, ein trotz seiner Baumriesen fragiles Waldgefüge wird in immer mehr einzelne Parzellen zerschnitten. Von einer alles andere als nachhaltig „arbeitenden“ Holzindustrie, die jahrhundertealte Bäume u.a. zu Toilettepapier umwandelt. Die dortigen indigenen Völker kämpfen einen wohl aussichtslosen Kampf gegen zum Teil perfide gesetzliche Regelungen. Teile des Regenwaldes dürfen nicht abgeholzt werden, solange noch Karibus darin umherstreifen. Der Zerteilung des schützenden Waldes überleben sie jedoch nicht. Das Ende des Regenwaldes ist nur mehr eine mathematische Frage.

Der Ire Risteard O‘Domhnaill beschäftigt sich mit dem größten aller Lebensräume des Planeten, den Ozeanen, genauer gesagt dem „Atlantic“. In 76 Minuten werden drei kleine Fischereigemeinschaften in Irland, Norwegen und Neufundland porträtiert. So unterschiedlich sie auf den ersten Blick sein mögen, die kleinen Kommunen haben es mit übermächtigen Kontrahenten zu tun - den Fischfangflotten der EU-Staaten und den immer entlegenere Schelfgebiete nach Erdöl und Erdgas absuchenden Ölgesellschaften. Letztere untersuchen den flachen Schelfbereich mit „Schall-Kanonen“ nach möglichen Lagerstätten. Explosionsartig aus den von einem Schiff geschleppten „Torpedos“ entlassene Druckluft erzeugt einen großen Knall, den Sensoren auffangen und die dann nach möglichen Bohrgebieten ausgewertet werden. Umweltschützer messen mit Hydrophonen in einem norwegischen Fjord die Schallwellen. „Wumm ... wumm ...“ hört der Mann mit dem Köpfhörer alle zehn Sekunden. Und sagt emotionslos: „Wir sind 200 Kilometer von ihnen entfernt.“

Was dies und das - legale - Auftreten von EU-Fangflotten etwa vor der irischen Küste bedeutet, dessen Regierung einst Agrarvorteile gegen Fangrechte abtauschte, veranschaulicht die Geschichte des Fischers Jerry Early: Er muss sich vor Gericht verantworten, weil er von seinem kleinen Boot aus ein paar hundert Meter vor seiner Heimatküste ein Netz mit Maschengröße verwendete, in dem sich auch Lachse verfangen könnten. „Ich akzeptiere das Urteil, aber es ist moralisch falsch“, sagt Early.

Nur zweihundert Meter von seiner Nussschale entfernt, weiter auf See, fahren wochenlang Tag und Nacht Fangschiffe aus Spanien, den Niederlanden oder Deutschland auf und ab, in der Größe kleinerer Kreuzfahrtschiffe, schildert die eindringliche Off-Stimme des irischen Schauspielers und Doku-Sprechers Brendan Gleeson. Ein deutscher Informant enthüllt in der Doku manipulierte Fangbücher: Gefangen wurden auf einem Schiff rund 9.000 Tonnen. In den Laderäumen sind nur über 4.500 Tonnen. Des Rätsels Lösung: Für den Verkauf zu kleine Fische werden aussortiert und über Bord entsorgt. Es gab offenbar eine Geldstrafe für die Verantwortlichen. Die Höhe ist nicht bekannt.