Entdeckung des Bekannten: Leopold Museum zeigt Victor Hugo als Maler
Wien (APA) - Seine Tinte schuf einige der prägendsten Werke der Weltliteratur, Romane epischen Ausmaßes, Vorlage unzähliger Werke aus Oper, ...
Wien (APA) - Seine Tinte schuf einige der prägendsten Werke der Weltliteratur, Romane epischen Ausmaßes, Vorlage unzähliger Werke aus Oper, Theater und Film. Dass Victor Hugos Feder neben seinen großen Texten aber auch kleine Bilder entsprangen, fast 4000 an der Zahl, die es dabei fast unbemerkt nicht nur zu Meisterschaft, sondern zu verblüffender Originalität brachten, ist kaum bekannt.
Im Leopold Museum sind ab morgen, Freitag, rund 60 der Miniaturen zu sehen, zum ersten Mal in Österreich. Hugo (1802-1885) habe „auf der Klaviatur der Zeichnung genauso differenziert gespielt wie in seiner Wortkunst“, so Museumsdirektor Hans-Peter Wipplinger bei der heutigen Pressekonferenz. Aber: Er stellte zu Lebzeiten nicht aus, publizierte kaum, beschrieb sich als „Sonntags-“ und „Hobbymaler“. Sein Lebensziel war es, ein großer Dichter zu sein.
Seine zeichnerischen und malerischen Formate legte er dagegen klein an. Landschaften, Ruinen, Himmel in brauner, behutsam verwischter Tinte. Sein unverwechselbares Changieren zwischen Romantik und Realismus, Verklärung und Kämpfertum, zwischen Ehrfurcht und Groteske und auch zwischen fein ziselierter Darstellung und gestischer Abstraktion, verhält sich zu seinen Büchern sowohl verwandt als auch erhellend. Er experimentierte mit Schablonen, Rinnsalen und in Farbe getunkten Textilien. Neben erhaben stilisierten Meerespanoramen finden sich als „Kleckse“ betitelte Segelschiffe.
Dass der Schöpfer von „Die Elenden“, des „Glöckner von Notre-Dame“ oder des „Rigoletto“-Urtexts „Der König amüsiert sich“ dabei ausschließlich in düsteren Farben zugange ist, kann kaum verwundern. „Der schwarze Romantiker“ hat Kurator Ivan Ristic die Ausstellung betitelt. Und er berichtet: Die „explosiven Kraft“ und die „Magie dieses Künstlers“ seien in der Kunstgeschichte durchaus nicht konsequenzlos geblieben. Hugo stand nicht nur in einer Tradition mit Zeitgenossen wie Georges Sand und William Turner, auch spätere Generationen, etwa Paul Klee oder Max Ernst, in Österreich spezifisch Maler wie Arnulf Rainer und Günter Brus ließen sich vom bildnerischen Werk Hugos beeinflussen.
Ob es die Eitelkeit war, die es einem selbstkritischen, aber ehrgeizigen Mann wie Hugo verbat, sich auch als Zeichner und Maler feiern zu lassen? Fühlte er sich nach eigenen Maßstäben als Dichterfürst, aber nur als mittelmäßiger Künstler? Oder war es Koketterie, die ihn sein dunkles zeichnerisches Licht unter den Scheffel stellen ließ? Möglicherweise etwas von allem.
Im Vorwort seines ersten Dramas „Cromwell“ bezeichnet er seine ästhetische Anforderung 1827 wenig bescheiden als „künstlerisch und beseelt, tiefsinnig und unvermittelt, groß und wahr“. Seine Bilder sind klein, manche haben den Charakter ephemerer Studien und formverspielter Experimente, sie sind lieber vage als wahr, lieber mehrdeutig als tiefsinnig. 190 Jahre später ist uns diese ästhetische Sprache allerdings deutlich näher - und ermöglicht eine neue Entdeckung eines bereits sehr Bekannten.
(S E R V I C E - Ausstellung „Victor Hugo: Der schwarze Romantiker“, von 17. November bis 15. Jänner 2018, Leopold Museum, www.leopoldmuseum.org)