TT-Interview

Selbst sägt die Frau

"Männer im Baumarkt", sang Liedermacher Reinhard Mey über Heimwerker. Inzwischen frönen aber auch viele Frauen diesem Hobby.
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Selbermachen ist nicht so modern wie gedacht und die Männer-Bastion Heimwerken bröckelt gehörig. Historiker Jonathan Voges über die Kulturgeschichte der Hobby-Bastler.

„Do-it-yourself“ klingt modern. Doch seit wann gibt es das Selbermachen?

Jonathan Voges: Es tut mir immer leid, dass man als Historiker öfter ein Spielverderber ist. Aber vieles, was als ganz neu dargestellt wird, ist es nicht. Was man heute in „Do-it-yourself“-Youtube-Tutorials findet, wurde teils wortgleich schon in den 70er- und 80er-Jahren formuliert.

Konnte Sie die Geschichte der Bastler überraschen?

Voges: Das hat sie tatsächlich. Die Deutschen sehen sich immer als das „Volk der Heimwerker“, als hätten sie das erfunden. Wenn man schaut, wie fremd es den Bundesbürgern in den 50er-Jahren gewesen ist, dass US-Bürger Dinge selber machen, war das für mich schon erstaunlich. Ausgerechnet in den USA, dem Mutterland der Konsumgesellschaft. Das löste völliges Unverständnis bei den damaligen Beobachtern in Deutschland aus.

Sind Sie selbst Heimwerker?

Voges: Ich bezeichne mich als zweifachen Linkshänder.

Wie sind Sie dann zu diesem Thema gekommen?

Voges: Ich wollte verstehen, warum sich so viele Menschen dafür begeistern, ihre Samstage in Baumärkten und im „Werk-Keller“ zu verbringen.

Wie haben Sie sich dem Thema dann genähert?

Voges: Heimwerker-Ratgeber haben ihre Anfänge in den 50er-Jahren. Die Zeitschrift Selbst ist der Mann erscheint seit 1957 bis heute. Dadurch lässt sich die Entwicklung gut nachverfolgen.

Den Titel „Selbst ist der Mann“ trägt auch Ihr Buch. Es geht beim Heimwerken also um Individualität. Wie passt das aber zu diesem Massentrend?

Voges: Das ist paradox. Individualität ist ein wichtiger Wert. Aber die Ergebnisse sind sehr eintönig, weil die „Do-it-yourself“-Industrie, vor allem die Baumärkte, immer größere Teile vorfertigt. Das Ergebnis versprüht dann wenig von der Individualität, die man sich am Anfang versprochen hat.

Wie lässt sich der typische Heimwerker beschreiben?

Voges: Es ist der vergleichsweise gut verdienende Mann aus der Mittelschicht, mit Frau und mindestens zwei Kindern, Eigenheim. Und einem eigenen Auto – das war in den 80er-Jahren noch erwähnenswert.

Was macht für diese Menschen die Faszination aus?

Voges: Dass es eine andere Form der Arbeit ist als jene, die man täglich tut. Dass es Handarbeit ist, die man für sich und für die Familie und nicht für einen Chef tut. Dass man am Ende etwas Fertiges in der Hand hat, worauf man stolz ist und das man Leuten zeigen kann. Für viele „Do-it-yourself“-Dinge würde auch gar kein Handwerker mehr anrücken. Und nicht zuletzt das ökonomische Argument ist wichtig.

Aber kann Selbermachen wirklich günstiger sein?

Voges: Es gibt Berechnungen, die zeigen, dass es nicht günstiger ist, dass man draufzahlen kann, wenn man es selber macht, als wenn ein Profi das in kurzer Zeit fertigstellt. Es wird ökonomisch noch problematischer, wenn man die Arbeitszeit mit einrechnet. Aber die angebliche Geldersparnis dient Heimwerkern trotzdem als Selbstrechtfertigung.

Man könnte die Werke ja auch verkaufen?

Voges: Genau das passiert auch. Einige versuchen, noch Profit daraus zu schlagen.

Wie steht es um die Zukunft des Heimwerkens?

Voges: Das ist eine schwierige Frage. Der Boom des Selbermachens besteht noch, ist durch Angebote wie Anleitungen im Internet oder die Möglichkeit, sich Materialien online zu bestellen, vielleicht noch größer. Auf der anderen Seite: Meine Generation weiß nicht mehr, ob es sich noch lohnt, so viel Zeit und Geld in ein Eigenheim zu stecken. Weil man in unserer immer mobileren Gesellschaft nicht mehr weiß, ob man dort auch wohnen bleibt.

Stimmt das Bild noch, dass ein Mann heimwerken können muss?

Voges: Die Erwartung ist an den Mann immer noch höher als an die Frau. Und während sich in den 60er-Jahren noch diejenigen erklären mussten, die Dinge selber taten und nicht den Handwerker beschäftigten, muss man sich heute erklären, wenn man etwas nicht selbst macht.

Ist Heimwerken die letzte Bastion der Männer?

Voges: Man kann davon ausgehen, dass die Frauen dabei sind, diese Bastion zu stürmen. Es gibt immer mehr Frauen, die ganz selbstverständlich heimwerken. Rund ein Drittel der Baumarkt-Kunden sind heute Frauen. Das war in den 50er- und 60er-Jahren ganz anders, wo die Szene deutlich gemacht hat, dass Frauen in diesem Bereich nichts zu suchen hätten. Aber Ähnliches – wie die Heimwerker-Kurse speziell für Frauen, die heute so gefeiert werden – konnte man in den 70er-Jahren schon beobachten. Damals haben die Baumärkte versucht, attraktiver für Frauen zu sein.

Wäre Heimwerken ohne Baumärkte denkbar?

Voges: Der Heimwerker muss nicht mehr die ganze Woche vom Holz- zum Eisenwaren- und zum Bauschrotthandel fahren, sondern findet alles an einem Ort. Ich kann mir die Baumärkte nicht ohne die wachsende Attraktivität des Selbermachens vorstellen und die Popularität dieses Hobbys nicht ohne die Märkte.

Werden Sie jetzt doch noch zum Heimwerker?

Voges: Ich bin noch nicht sicher, ob ich jetzt die große Begeisterung dafür teile. Aber ich erwische mich schon dabei, dass ich mehr Dinge selber mache. Hat aber vielleicht auch damit zu tun, dass ich mit Frau und Tochter in ein Haus mit Garten gezogen bin, mit anderen Möglichkeiten. Es kann aber auch sein, dass man ab 30 Jahren zum Heimwerker wird.

Das Gespräch führte Philipp Schwartze