Theater in der Josefstadt: „Professor Bernhardi“ als „House of Cards“

Wien (APA) - Über hundert Jahre alt ist Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“, und doch wirkt er aktueller denn je. Diesen Beweis führt d...

Wien (APA) - Über hundert Jahre alt ist Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“, und doch wirkt er aktueller denn je. Diesen Beweis führt die Neuinszenierung von Janusz Kica, die am Donnerstag im Theater in der Josefstadt Premiere hatte, mit bemerkenswerter Souveränität. Und noch etwas erstaunt: Wie selten zuvor wird deutlich, warum Schnitzler sein Stück eine Komödie genannt hatte. Ein toller Abend!

Kica lässt die Geschehnisse in der Privatklinik Elisabethinum in einem nüchtern-modernen Ambiente ablaufen (Bühnenbild und Kostüme: Karin Fritz) - eine völlig richtige Entscheidung. Denn es wird rasch erschreckend klar, wie sehr die Mechanismen der Intrige, des Verrats, des Suchens nach dem persönlichen Vorteil und des Schmiedens an der eigenen Karriere gleich geblieben sind. In den Foyers, Büros und Besprechungsräumen des Spitals wird nicht Karten, sondern „House of Cards“ gespielt, ohne, dass irgendeine aufgesetzte Aktualisierung nötig wäre.

Dass die über dreistündige Aufführung deutlich mehr Lacher einheimst als die meisten bisherigen „Bernhardi“-Aufführungen, liegt an mehreren Faktoren: an der eigenen Verblüffung über die Unverhohlenheit, mit der hier beinharte Macht- und Interessenspolitik umgesetzt wird; an dem schön ausgespielten Erstaunen mancher Beteiligter, wie rasch ein beiläufiger Vorfall zur Staatsaffäre aufgebauscht werden kann, wenn dies nur jemandem zupasskommt; an der Aktualität mancher Dialogpassagen, die fast jedem heutige Politiker problemlos in den Mund gelegt werden könnten; am hervorragend eingesetzten gelegentlichen Umschlagen des gehobenen Konversationstons in jovialen Dialekt; und ganz selten auch an der Pikanterie der Besetzung.

Wenn Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, der als Institutsleiter Bernhardi ständig als „Herr Direktor“ tituliert wird, darüber sinniert, dass er in diesem einen Fall zurückstecken könnte, weil er oft genug bewiesen habe, in der Lage zu sein, seinen Willen durchzusetzen, dann amüsiert das die Insider im Premierenpublikum hörbar. Ansonsten muss man dem Herrn Direktor neidlos zugestehen: Er trägt den Abend und gestaltet die Titelfigur keineswegs eindimensional.

Föttingers Professor Bernhardi ist sehr selbstsicher mit einem deutlichen Hang zur Selbstgefälligkeit. Sein Auftreten ist souverän, Untergebenen gegenüber etwas herablassend und sarkastisch, aber insgesamt nicht unsympathisch. Es ist nicht seine Anmaßung, die ihn dazu bringt, einem Priester (voll unterdrückter Emotionen: Matthias Franz Stein) den Zutritt zu einer in finaler Euphorie befindlichen, doch dem Tod geweihten Patientin zu verweigern, aber es ist seine Hybris, die es seinen Feinden ermöglicht, ihm daraus den Strick der Religionsstörung zu drehen. Dass er nach zweimonatigem Gefängnis als gebrochener Mann entlassen wird, der nicht Rache, sondern bloß seine Ruhe will, ist eine Interpretation, die der Figur ein Geheimnis gibt: Was ist in diesen zwei Monaten geschehen? Kicas Inszenierung verrät es nicht. Aber sie macht deutlich, dass es eigentlich gar nicht um die Titelfigur geht.

Im Zentrum steht das intrigante Treiben, bei dem politische und persönliche Interessen virtuos verknüpft werden. Es ist ein Ränkespiel, in dem man leicht den Überblick, aber nie das Interesse verliert. Die Josefstadt hat dafür ein famoses Männerensemble zur Verfügung, in dem alle Schattierungen vom kühlen Karrieristen bis zum glühenden Gesinnungsgenossen abgedeckt werden.

Höhepunkt des mit viel Applaus bedachten Abends ist jener Moment, in dem die deutsch-nationale Fraktion in der ärztlichen Leitungssitzung Bernhardis Ablöse betreibt und die Macht übernimmt. Florian Teichtmeister als Ebenwald und Christian Nickel als Filitz ziehen emotionslos ihren Plan durch und verstehen es meisterhaft, die Indifferenten auf ihre Seite zu ziehen und die alte Garde (darunter André Pohl als Cyprian, Michael König als Pflugfelder, Johannes Seilern als Löwenstein) auszuschalten. Den Ausschlag geben jedoch die Opportunisten (Peter Scholz, Alexander Strömer). Hier wird ein universeller Mechanismus der Macht herausgearbeitet, der Gänsehaut verursacht.

Dass Bernhard Schir als Minister Flint und Martin Zauner als Hofrat Winkler das politische Establishment nicht überzeichnen, sondern pointiert abbilden, erhöht den Reiz dieser gelungenen Aufführung. Hier wohnt nicht bloß die Macht, sondern auch die Selbstermächtigung: Er möge doch endlich begreifen, dass es höhere Interessen geben könne, als sein Wort zu halten, herrscht der Minister seinen ehemaligen Studienkollegen Bernhardi an. Ja, das kommt einem dann sehr bekannt vor. Bekannter, als einem lieb ist.

(S E R V I C E - „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler, Regie: Janusz Kica, Bühnenbild und Kostüme: Karin Fritz. Mit Herbert Föttinger - Bernhardi, Florian Teichtmeister - Ebenwald, André Pohl - Cyprian, Michael König - Pflugfelder, Christian Nickel - Filitz, Bernhard Schir - Minister Flint, Martin Zauner - Hofrat Winkler, Matthias Franz Stein - Pfarrer Reder, u.v.m.; Theater in der Josefstadt, Weitere Aufführungen: 17., 22.-24.11., 2., 3., 11., 12., 16., 17., 28., 29.12., Karten: 01 - 42700-300, www.josefstadt.org)

)