Der Völkermord von Srebrenica - Die ewig offene Wunde
Belgrad/Den Haag (APA/dpa) - Für Chefankläger Serge Brammertz wird Mittwoch (22. November), wenn das UNO-Kriegsverbrechertribunal zum früher...
Belgrad/Den Haag (APA/dpa) - Für Chefankläger Serge Brammertz wird Mittwoch (22. November), wenn das UNO-Kriegsverbrechertribunal zum früheren Jugoslawien über den serbischen Ex-General Ratko Mladic (75), genannt der „Schlächter vom Balkan“, sein Urteil fällt, ein historischer Tag. „Ein Meilenstein in der Geschichte des Gerichts“, sagt Brammertz.
22 Jahre nach dem Bosnien-Krieg endet damit ein Kapitel. Es ist das letzte Urteil des UNO-Tribunals zum Völkermord von Srebrenica.
Srebrenica wurde zum Symbol des Kriegs (1992-95). Er kostete mehr als 10.000 Menschen das Leben, Millionen wurden vertrieben. Bei der über 44 Monate dauernden Belagerung von Sarajevo etwa wurden mindestens 10.000 Menschen getötet. Und dann Srebrenica: Im Juli 1995 hatten serbische Einheiten unter General Mladic die UNO-Schutzzone überrannt und dann etwa 8.000 muslimische Buben und Männer ermordet.
Bis heute ist unfassbar, dass nach dem Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden solche Verbrechen verübt werden konnten. 2016 war dafür bereits der politisch Verantwortliche, Radovan Karadzic, in erster Instanz zu 40 Jahren Haft verurteilt worden.
Ex-General Mladic war militärisch verantwortlich, und etwas anderes als einen Schuldspruch und eine lebenslange Haftstrafe ist für die Opfer undenkbar und für Beobachter kaum vorstellbar. Zu groß ist die Beweislast, zu schrecklich sind die Verbrechen.
530 Prozesstage, fast eine Million Seiten Prozessakten, 377 Zeugen. Im Gerichtssaal schildern Zeugen das Grauen von damals. Da war der Mann, dessen Frau in Sarajevo auf dem Marktplatz von Scharfschützen beim Milchholen erschossen worden war. Oder das junge Mädchen, das wochenlang - immer wieder und wieder - von Gruppen von Soldaten vergewaltigt wurde. Oder der Mann, der das Massaker von Srebrenica nur überlebte, weil er sich tot stellte und unter den Leichenbergen verbarg.
Leichen waren zerstückelt und auf verschiedene „Sekundärgräber“ verteilt worden. Noch immer wurden nicht alle Toten gefunden und identifiziert. Noch im Dezember 2015 war ein Massengrab entdeckt worden - verborgen unter einer Mülldeponie.
Der Völkermord und die Vertreibung der bosnischen Muslime mit dem zynischen Begriff „ethnische Säuberung“ waren Teil einer Kampagne mit dem Ziel eines Groß-Serbien. Außer Karadzic und Mladic war dafür auch der Ex-Staatspräsident von Jugoslawien, Slobodan Milosevic, verantwortlich. Doch er starb 2006 in seiner Zelle an einem Herzinfarkt, noch vor dem Urteil.
Haben die Prozesse bei der Aufarbeitung geholfen? Chefankläger Brammertz schüttelt den Kopf. „Es gibt immer noch Politiker in Serbien, die den Genozid leugnen. Wie soll es da jemals zu einer Aussöhnung kommen?“
Serbien tut sich schwer mit seinem kriegerischen Erbe. Ausgangspunkt der selbst ansatzweise nicht aufgearbeiteten Vergangenheit ist Ratko Mladic. Bis heute gilt er in weiten Teilen der Bevölkerung noch als Kriegsheld, der seine Landsleute in Bosnien nur vor dem sicheren Untergang bewahrt hat. Das kleine Serbien habe so einer „Weltverschwörung“ unter Führung Deutschlands, Österreichs und des Vatikan heldenhaft Widerstand geleistet - so das verworrene Weltbild.
Wen wundert es da noch, dass die Mladic-T-Shirts ein Dauerbrenner sind auf jedem Volksfest und in den Souvenirgeschäften Belgrads.
Das UNO-Tribunal ist für Serbien schon lange eines der größten Feindbilder. Das Gericht habe einseitig gegen Serben gearbeitet, sagte erst vor wenigen Tagen Regierungschefin Ana Brnabic in Belgrad. Damit habe es nicht zur Versöhnung, sondern im Gegenteil zur Verschärfung der Konflikte auf dem Balkan beigetragen. Die Belgrader Zeitung „Informer“, Sprachrohr von Präsident Aleksandar Vucic, titelte kürzlich: „Das Haager Gericht vergewaltigt offen das Recht“.
Die serbische Politik leugnet bis heute den Völkermord in Srebrenica. Erst heuer wurden acht ehemalige Spezialpolizisten in Belgrad angeklagt, weil sie 1.313 muslimische Zivilisten ermordet haben sollen. Der Prozess wurde allerdings schnell unterbrochen und muss von vorn beginnen.
Angesichts dieser Realität macht sich Ankläger Brammertz keine Illusionen. Ein Gericht könne nicht für Versöhnung sorgen, sagt er. „Aber ohne Gerechtigkeit fehlt die Basis für Versöhnung.“
Nicht nur auf dem Balkan, auch für die UNO bleibt Srebrenica eine offene Wunde. Denn die Staatengemeinschaft hatte den Völkermord nicht verhindert, und niederländische UNO-Soldaten hatten sich den Truppen von Mladic kampflos ergeben. Kurz nach der Einnahme von Srebrenica prosteten sich der bullige General und der niederländische Kommandant des Blauhelm-Bataillons, Thom Karremans, mit Schnapsgläsern zu. Das Foto von dieser Szene ging als Bild der Schande um die Welt.
~ WEB http://www.icty.org/ ~ APA160 2017-11-17/10:30