Mountainfilmfestival 2017: Auf den Spuren des „Wunders vom Dachstein“

Graz/Heidelberg (APA) - Der Dachstein war der Wendepunkt im Leben von Kenneth Cichowicz. Der US-Amerikaner überlebte 1985 nach einem Sturz a...

Graz/Heidelberg (APA) - Der Dachstein war der Wendepunkt im Leben von Kenneth Cichowicz. Der US-Amerikaner überlebte 1985 nach einem Sturz am Hallstätter Gletscher 19 Tage mit mehreren gebrochenen Knochen und wurde gerettet. Regisseur Fritz Kalteis hat das „Wunder vom Dachstein“ verfilmt. Die 90-minütige Dokumentation feierte Freitagabend beim Mountainfilmfestival in Graz ihre Premiere.

Festival-Organisator Robert Schauer leitete diese „tragisch-glückliche Begebenheit“ damit ein, dass das Thema in den vergangenen Wochen an Brisanz gewonnen hat: Ein 45-jähriger Deutscher war Anfang November ebenfalls nach einem Sturz in einer Doline am Dachstein in Oberösterreich fünf Tage lang gefangen und hat überlebt. 1985 sei laut Schauer „ungleich dramatischer“ gewesen. Das bestätigte auch Produzent Hans Peter Stauber: „Damals gab es kein GPS und so wetterfeste Kleidung wie heute.“

Ken Cichowicz überlebte dennoch in einem Zelt am Gletscher, gar nicht so weit weg von den Loipen und Menschen. Regisseur Kalteis sprach mit dem geretteten und mittlerweile ergrauten, aber noch immer fitten Ken und besuchte ihn in den USA. Der ehemalige US-Army-Angehörige blickt auf seine Tage am Gletscher zurück: „Ich habe den Dachstein als Wendepunkt betrachtet, später als Bestärkung. Ich habe mich nie als sonderlich starke Person erlebt, aber wenn man 19 Tage überlebt, hat man doch Reserven“, meinte der passionierte Wanderer und Naturliebhaber. „Ich kann gar nicht glauben, dass ich noch lebe. Ich hatte viel, viel Glück.“

Wie es überhaupt dazu kam, dass Cichowicz in die österreichischen Berge ging und das Warten auf Rettung überlebte, beleuchtete Kalteis mit unter anderem alten Filmaufnahmen aus Trainingslagern der US-Army. Die Soldaten robben sich durch das Gras und im nächsten Augenblick wird der verletzte Cichowicz gezeigt, wie er sich den Gletscher hinaufrobbt, um von anderen gesehen zu werden.

Doch die Erfahrungen aus der Armee waren nicht ausschlaggebend für das Überleben, sondern vielmehr die Verbindung zu seiner Frau und seinem Sohn. Beiden wird in dem Film viel Platz eingeräumt, sie erzählen von ihren bangen Stunden. Sohn Casey Cichowicz ließ der Regisseur auf den Spuren seines Vaters wandeln und holte ihn ins deutsche Heidelberg, wo sein Vater stationiert war, sowie auf den Dachstein. Er trifft Andreas Staudacher, jenen Flugretter, der 1985 seinen Vater vom Berg gerettet hat, und er fliegt mit der selben Alouette III des österreichischen Bundesheeres mit, mit der Ken Cichowicz damals ins Tal geflogen wurde.

„Ich habe eine Verbindung zur Natur gespürt, als wäre sie ein Mensch“, schilderte der heute 71-Jährige die einsamen Tage und Nächte am Berg - untermalt von lieblichen, verspielten Musikklängen, fernab von gekünstelter Dramatik, die ansonsten nur allzu oft bei derartigen Verfilmungen die Realität überdecken. Sogar für Komik und Schmunzeln ist Platz: Cichowicz erzählt von einer Spinne, die er in seinem Zelt gefunden hatte: „Ich freundete mich mit ihr an. Ich dachte auch einmal daran, sie zu essen, aber tat es nicht. Freunde isst man nicht“, fügte er im Interview lächelnd hinzu.

Den vielleicht besten Eindruck gaben jene Fotos, die Cichowicz selbst am Weg auf den Dachstein und nach seinem Sturz machte. Sogar von der Alouette im Anflug auf ihn, machte er noch ein Bild, ehe er von Staudacher gerettet wurde. Genau diese Fotos haben ebenfalls überlebt und wurden in die Dokumentation eingearbeitet.

Am Ende sah Cichowicz seinen Fehler ein. Er hatte niemandem von einer Routenänderung erzählt und war damals allein gegangen. Er versprach nach seiner Rettung, nicht mehr allein zu gehen. Und laut Abspann hielt er sich auch daran. Aber nur ein Jahr.