Elif Shafak: „Wir sind heute eine stark polarisierte Gesellschaft“

Spitz a.d. Donau (APA) - Die türkische Autorin Elif Shafak (46) ist am Freitagabend im Rahmen der Europäischen Literaturtage in Spitz mit de...

Spitz a.d. Donau (APA) - Die türkische Autorin Elif Shafak (46) ist am Freitagabend im Rahmen der Europäischen Literaturtage in Spitz mit dem „Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln“ ausgezeichnet worden. Davor gab sie der APA ein Interview über die grundlegende Notwendigkeit von Toleranz, die politische Lage in der Türkei und ihren jüngsten Roman „Der Geruch des Paradieses“.

APA: Der „Ehrenpreis für Toleranz in Denken und Handeln“ scheint mir ganz wunderbar auf Ihr Leben und Schreiben zu passen, was finden Sie?

Elif Shafak: Ich bin glücklich und sehr geehrt, besonders, weil der Preis Empathie und Toleranz so betont. Das sind Werte, die heutzutage immer wichtiger werden - überall.

APA: In den meisten Interviews müssen Sie über Politik reden, ganz selten ist Ihre Literatur dabei ein Thema. Stört Sie das nicht?

Shafak: Ja, das ist ein Dilemma. Aber wenn man ein Schriftsteller von angeschlagenen Demokratien wie der Türkei, Pakistan, Ägypten, Venezuela, Russland oder China ist, dann können Sie sich nicht den Luxus leisten, unpolitisch zu sein. Speziell wir Romanautoren werden dann meist nach Politik und Gesellschaft gefragt, über die Regierung oder über Frauenfragen. Ich bin ja schließlich auch Politikwissenschafterin und war lange Jahre im Universitätsbetrieb tätig. Das ist also mein Background - und dann bin ich eben auch persönlich alles andere als ein unpolitischer Mensch. Trotzdem heißt das nicht, dass Schriftsteller Partisanen sein müssen, aber sie sollten die richtigen Fragen stellen. Das ist ihr Job: schwierige Fragen über schwierige Themen zu stellen und die Beantwortung den Lesern zu überlassen. Ich mag keine Autoren, die zu belehren oder zu predigen versuchen.

APA: Es gibt - auch in Österreich - aber auch jene, die sagen: Lasst uns in Ruhe unsere Arbeit tun, wir sind auch nicht schlauer als die anderen.

Shafak: In verschiedenen Ländern gibt es dazu natürlich verschiedene Einstellungen. In Großbritannien, wo ich lebe, hat etwa der Begriff „öffentlicher Intellektueller“ einen negativen Beigeschmack - weil er eine gewisse Arroganz suggeriert. Aber wir können es heute nicht mehr als gegeben nehmen, dass sich Geschichte immer vorwärtsentwickelt. Manchmal bewegt sie sich auch zurück, wie wir es in der Türkei und anderswo gesehen haben. Wir haben gesehen, wie zerbrechlich Demokratie ist, wie leicht es ist, Leute in irgendwelche Kategorien auseinanderzudividieren. In dieser Atmosphäre ist es für Geschichtenerzähler sogar noch wichtiger geworden, ihre Stimme zu erheben. Geschichten haben eine politische Rolle und einen politischen Einfluss - denn sie kümmern sich um Nuancen in einer Zeit, die diese ignoriert, sie setzen auf Empathie in einer Zeit, die ihre Fähigkeit für Mitgefühl zunehmend verliert. Autoren versuchen, Verbindungen herzustellen, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zu finden. In dieser Zeit des Postfaktischen können uns Geschichtenerzähler mehr über die Wahrheit erzählen als Politiker.

APA: Wie hat der gescheiterte Militärcoup vor eineinhalb Jahren in der Türkei Ihr Leben als Autorin und als türkische Bürgerin verändert?

Shafak: Ich habe keinen Zweifel, dass der Putschversuch falsch war. Er hat die ganze Nation traumatisiert. Die türkischen Liberalen und Demokraten wollen keine neue Militärregierung. Dieses Land hat damit zu viele schlechten Erfahrungen gemacht. Ich möchte keine Militärjunta, aber ich möchte auch keine autoritäre Zivilregierung. Was wir brauchen, ist eine funktionierende, pluralistische Demokratie. Die Säuberungen, die danach gestartet wurden, waren ebenso falsch wie der Putschversuch. Unschuldige Menschen wurden dabei traumatisiert, stigmatisiert, beschuldigt. Das Rechtssystem ist außer Kraft gesetzt, man kann seine Unschuld nicht mehr beweisen. Tausende Universitätsangestellte haben ihren Job verloren, bloß, weil sie eine Friedenspetition unterzeichnet haben, und haben damit ihre Existenzgrundlage verloren. Sie können auch außerhalb der Türkei nicht neu anfangen, weil ihre Pässe eingezogen wurden. Junge Leute haben Selbstmord begangen, manche sind in Hungerstreik. Die Türkei ist das weltweit größte Gefängnis für Journalisten geworden. Und natürlich ist es auch für Autoren schwierig geworden. Für alles, was sie in einem Buch oder in einem Artikel schreiben oder in einem Interview sagen, können sie leicht zum Landesverräter ausgerufen werden - mit allen schwerwiegenden Folgen. Das hat dazu geführt, dass Selbstzensur in der heutigen Türkei weit verbreitet ist.

APA: Was bedeutet dies alles für Ihre persönliche Situation? Einerseits haben Sie ja selbst schon 2006 gerichtliche Verfolgung erlitten, als Sie für ihr Buch „Der Bastard von Istanbul“ vor Gericht gestellt und schließlich freigesprochen wurden - auf der anderen Seite befinden Sie sich vielleicht in einer privilegierten Situation, da sie eine weltweit bekannte Autorin mit Wohnsitz im Ausland sind.

Shafak: Nein, ich fühle mich ganz und gar nicht privilegiert. Ich kann gar nicht sagen, was ich in regierungsfreundlichen, islamistischen Blättern alles genannt werden. Neulich hielt ich in New York eine Rede, in der ich die Notwendigkeit von Diversität betont und dabei auch erwähnt habe, dass ich bisexuell bin. Als Reaktion bin ich in der Türkei als Perverse und alles Mögliche beschimpft worden. Während ich von der politischen Elite immer attackiert werde, verbindet mich aber ein sehr schönes, enges Band mit meinen türkischen Lesern. Ich war nie eine Autorin der Eliten. Ich habe es immer als meine Aufgabe gesehen, den Marginalisierten, den Minderheiten meine Stimme zu leihen. Als türkische Autorin bekommt man immer beides: Hass und Liebe. Als würde man gleichzeitig auf die eine Wange geküsst und auf die andere geschlagen werden.

APA: Die Beziehungen zwischen Österreich und der Türkei könnten derzeit kaum schlechter sein, da unsere Regierung auf dem Standpunkt steht, dass es unter den derzeitigen Verhältnissen keinerlei Chance auf EU-Beitritt gibt. Es gibt aber liberale Stimmen in der Türkei, die gerade vor dem Abbruch dieser Gespräche warnen. Was ist der richtige Weg?

Shafak: Leider gibt es populistische Politiker in Europa und Österreich, die generalisieren und die ganze Türkei in einen Topf werfen. Ich denke, das ist falsch. Wenn Europa die Türkei isoliert, spielt das bloß in die Hände der Ultra-Nationalisten, der Islamisten und jener, die eine autoritäre Führung wollen. Diese werden davon profitieren - und leiden wird der Rest des Volkes. Für mich ist es daher wichtig, dass zwischen der Regierung und dem Volk unterschieden wird. Es gibt viele Menschenrechtsverletzungen, natürlich muss Europa mit der türkischen Regierung darüber reden, aber gleichzeitig müssen sie auch mit der türkischen Zivilgesellschaft reden. Die Türkei hat ganz viele verschiedene Facetten, und es gibt ganz viele wunderbare Menschen in dem Land.

APA: In ihrem jüngsten Roman „Der Geruch des Paradieses“ beschreiben Sie eine Istanbuler Familie. Der Vater ist westlich orientiert, säkularisiert, Kemalist, die Mutter ist sehr religiös. Es scheint ein paradigmatischer Ausdruck für die Zerrissenheit des Landes, die sie spüren?

Shafak: Ich kenne viele solcher Familien. Und tatsächlich war ich beim Schreiben sehr davon beeinflusst, was ich 2015 und 2016 in der Türkei wahrgenommen habe. Wir sind heute eine stark polarisierte, gespaltene Gesellschaft - und der wollte ich in dem Buch den Spiegel vorhalten.

APA: Ihre Hauptfigur Peri sieht sich zwischen den Gläubigen und den rein weltlich Orientierten stehen und versucht damit klarzukommen - ist das auch Ihre persönliche Position?

Shafak: Ich bin Agnostikerin. Aber ich setze mich mit dem Glauben ebenso auseinander wie mit dem Zweifel. In der Türkei ist das eine schwierige Position. Ich mag keine Dogmen. Und ich glaube nicht, dass Glaube automatisch Religiosität bedeutet. Auch wenn Sie ein Buch schreiben, müssen Sie daran glauben. Wir Menschen brauchen ein bisschen Glauben und viel Zweifel, die beiden müssen miteinander tanzen.

APA: Der Optimismus, der in den westlichen Gesellschaften die vergangenen Jahrzehnte bestimmt hatte, hat sich umgekehrt. Heute regiert die Angst. Die Angst vor Verlust, vor dem Fremden, vor der Zukunft. Wie lässt sich dem begegnen?

Shafak: Speziell zu Anfang und Mitte der 2000er-Jahre gab es tatsächlich diese Welle des Optimismus, nachdem der Eiserne Vorhang und die Berliner Mauer gefallen waren und wir vom Globalismus viel erhofft haben. Vieles von dem ist ja auch tatsächlich eingetroffen. Wir haben aber auch das Gegenteil gesehen - ein starkes Comeback von Nationalismus und religiösem Fanatismus. Ich mag Gramscis Unterscheidung zwischen dem Pessimismus des Intellekts und dem Optimismus des Herzens. Wenn wir sehen, was heute auf der Welt passiert, ist es intellektuell tatsächlich schwierig, nicht pessimistisch zu sein. Aber wir brauchen auch den Optimismus des Herzens. Nötiger denn je.

ZUR PERSON - Elif Shafak, 1971 in Straßburg geboren, studierte Internationale Beziehungen und ist heute die meistgelesene Schriftstellerin der Türkei. Die preisgekrönte Autorin von 15 Büchern, darunter „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ (2013), „Ehre“ (2014) und „Der Architekt des Sultans“ (2015), schreibt auf Türkisch und auf Englisch. Ihre in der Türkei teils heftig umstrittenen Werke sind in über 40 Sprachen übersetzt. Elif Shafak lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London und Istanbul. www.elifshafak.com

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Elif Shafak: „Der Geruch des Paradieses“, Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Kein & Aber, 560 S., 25,70 Euro)