Mathias Rüegg: „Ein Künstler muss kein guter Mensch sein“

Wien (APA) - Mathias Rüegg ist schwer fassbar. Der aus der Schweiz stammende Musiker und Komponist gründete mit dem Vienna Art Orchestra ein...

Wien (APA) - Mathias Rüegg ist schwer fassbar. Der aus der Schweiz stammende Musiker und Komponist gründete mit dem Vienna Art Orchestra ein weltweit beachtetes Ensembles zwischen Jazz und Klassik. Zu seinem 65. Geburtstag (8.12.) widmet ihm der von ihm mitbegründete Club Porgy & Bess eine Personale. Im Gespräch mit der APA resümiert er seine Karriere, die Auflösung des VAO und trotzt weiterhin dem Zeitgeist.

APA: Sie sprechen im Rahmen der Personale auch mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann über Askese. Wie viel davon liegt eigentlich in der Musik, die ja auch Sinnlichkeit voraussetzt?

Mathias Rüegg: Das Leben hat ja nichts zu tun mit der Musik an und für sich. Und komponieren ist am Schluss ein höchst intellektueller Vorgang, wo man alles Emotionale ausblendet. Wie man lebt, hat nichts zu tun mit der Musik. Das sind komplett verschiedene Dinge. Das war immer so, und das wird auch immer so sein.

APA: Ist Kunst nicht auch von Selbstreferenzen geprägt?

Rüegg: Ich glaube nicht. Die Kunst folgt komplett eigenen Gesetzmäßigkeiten. Darum gibt es ja auch so wahnsinnig viel perfekte Kunst, aber es gibt nie perfekte Menschen dahinter. Darum gibt es auch so viele Missverständnisse von großartigen Künstlern, die ziemlich lausige Menschen waren. Und man soll einen Künstler nie nach dem Menschen beurteilen. Was macht man mit Richard Strauss? Ein Künstler muss auch kein guter Mensch sein, er muss Künstler sein. Von einem Fußballer verlangt man auch nicht, dass er ein guter Mensch ist, er muss ein guter Fußballer sein.

APA: Spricht da Enttäuschung aus Ihnen?

Rüegg: Nein, das weiß ich schon relativ lange.

APA: Enttäuscht war man ja auch von Bob Dylan, der den Literaturnobelpreis nicht „ordnungsgemäß“ annahm. Auch Sie haben schon einige Preise gewonnen.

Rüegg: Ich bin solchen Preisen allgemein sehr reserviert eingestellt. Diese Preise spiegeln fast immer Zeitgeist wider und liegen deswegen sehr, sehr oft daneben. Eine Reihe von eigenartigen Schriftstellern und Schriftstellerinnen hat in den letzten Jahren den Nobelpreis bekommen, viele Dinge haben gar nichts mit Literatur zu tun. Das ist wie mit den Oscars. Ich habe einige ganz gute Preise bekommen. Bis jetzt waren es praktisch alles Zeitgeistpreise.

APA: Ehrungen hat es gegeben, Unterstützung etwa für den Erhalt des VAO nicht?

Rüegg: Das waren unterschiedliche Dinge. Es ist auch die Nachfrage zurückgegangen. Und dass ich das Orchester komplett umbesetzt hatte, wurde auch nicht wirklich goutiert. Diese Symbiose von klassischen Musikern mit Jazzmusikern war ein bisschen zu „advanced“. Und es hatte sich viel in der Veranstaltungsstruktur verändert: dass etwa ein Orchester auf dem Level nicht mehr zu führen war. Es gibt in Europa kein einziges Orchester, das auf dem Level tourt, wie wir das gemacht haben, wir waren die letzten. Es gibt auch international keine Big Bands mehr, die wirklich touren.

Aber es gab schon einmal ein großes Big-Band-Sterben, dafür gibt es unfassbar viele regionale Big Bands. Dinge verändern sich, und ich würde so sagen: Es ist eine sehr spannende Zeit, und es ist eine gute Zeit für ganz viele Dinge. Es ist eine gute Zeit fürs Altern. Es ist eine gute Zeit für die Demokratie, es ist eine gute Zeit für Frauen. Es ist eine gute Zeit für die Nicht-Gewalt. Aber es ist eine katastrophale Zeit für die Kunst. Aber das betrifft nur ganz wenige Leute und insofern ist es nicht so relevant.

APA: Ist lediglich die Kulturpolitik daran schuld?

Rüegg: Nein. Es sind viel größere, gesellschaftliche Dinge, die gerade in der Musik passiert sind. Dass Musik innerhalb so kurzer Zeit zu einer Gratis-Ware mutiert ist. Also die unsägliche Popmusik, die praktisch alles zumüllt, von links unten bis nach rechts oben. Wo es überhaupt keine einzige Sekunde mehr gibt, die nicht mit Popmusik zugemüllt wird. Ob das ein Film ist, ob das im Theater ist, ob das die Nachrichten sind. Wo man hingeht, selbst in Yoga-Kursen, überall...

APA: Kann man sich als Künstler den Zeitgeist durch Thematisierung zunutze machen?

Rüegg: Nein, aber es ist spannend, gegen den Zeitgeist zu arbeiten. Anfang der 80er-Jahre habe ich schon gemerkt, es ist alles sehr hip und sehr zeitgeistig, was wir da machen. Ich habe dann relativ früh versucht, eine Linie zu finden, die individueller war und vom Zeitgeist abweicht.

APA: In den USA erlebt etwa die Roots-Musik wieder eine Renaissance...

Rüegg: Amerika tickt sowieso anders. In Amerika gibt es gar keine schlechte Musik, die gibt es eigentlich nur in Europa. Es gibt diese Idee von Kommerzmusik nicht. Es gibt keine Helene Fischer in Amerika. Und all diesen ganzen Schrott. Wenn dort jemand in der Position eines Andreas Gabalier ist, dann ist er ein unglaublicher Musiker und spielt mit den besten Leuten. Wobei auch Amerika nachlässt. Aber es ist immer noch alles, was sie machen, egal wie kommerziell es ist, auf einem sehr hohen Niveau.

APA: Hatten Sie dann jemals Sehnsucht, in die USA auszuwandern?

Rüegg: Nein. Letztlich war ich ein Spätzünder. Aber ich bewundere die Kulturnation Amerika sehr.

APA: Österreich hat ja auch eine sehr zwiespältiges Verhältnis zu seiner eigenen Folklore.

Rüegg: Na gut, als Schweizer stellt sich diese Frage nicht. Ich habe 1983 ein Album mit fünf Schweizer Volksliedern gemacht. Das hatte damals praktisch niemand gemacht. Ich war wirklich einer der allerersten im deutschsprachigen Raum, der so etwas gemacht hat.

APA: Liegen Ihre musikalischen Wurzeln zum Teil auch in der Volksmusik?

Rüegg: Nein, aber ich bin mehr oder weniger am Land aufgewachsen. Ich weiß ungefähr, woher die Musik kommt, und ich weiß, welche Rolle sie dort gespielt hat und wie sie eingesetzt worden ist. Ich bin eher ein urbaner Intellektueller.

APA: Wo liegen heute die Zentren für eine solche intellektuelle Künstlerszene?

Rüegg: Keine Ahnung. Wenn ich das wüsste, wäre ich dort.

APA: Bedeutet Social Media nicht auch eine Demokratisierung der Musik?

Rüegg: In der Musik braucht es keine Demokratie. Das nivelliert die Musik nur nach unten - massiv. Tatsache ist, dass die Regionalisierung in der Musik in einem unfassbaren Maße zugenommen hat, und da treffen sich die linken Künstler und die Rechtspopulisten perfekt. Mehr „Mir san mir“ geht gar nicht. In Frankreich gibt es etwa alle 30 Kilometer eine Musiker-Kooperative, wo nur die Leute von dort auftreten. Jeder hat ein bisschen Geltung und eine kleine Machtposition.

APA: In Wien gibt es Kooperativen wie etwa die Jazzwerkstatt. Wie sieht es damit aus?

Rüegg: Das ist auch so ein Beispiel. Da gibt es ganz viele solcher Organisationen, die alle nur sich selbst fördern, und das finde ich katastrophal. Das heißt natürlich auch, dass man als europäischer Musiker in den meisten Fällen lange nicht mehr so viel eingeladen wird wie früher, weil alle Leute nur noch sich selbst einladen.

APA: Ihr Rat an junge Musiker ist es also, die Landesgrenzen zu überschreiten?

Rüegg: Genau - und keine eigenen aufzubauen. Nicht noch ein Grätzl-Festival zu organisieren.

APA: Sind Sie bei neuen Künstlern am Laufenden?

Rüegg: Es hält sich schwer in Grenzen. Früher war ich sehr viel besser informiert als ich jetzt bin. Ich habe natürlich das unfassbare Talent von Mario Rom mitbekommen. Alois Eberl ist auch ein großartiger Musiker, das krieg ich dann schon mit. Aber es gibt sehr viele Musiker, die es früher nie gegeben hat. Je weniger Auftrittsmöglichkeiten es gibt, desto mehr Musiker gibt es. Es ist verrückt, aber wahr.

APA: Besteht eine Chance, das VAO dauerhaft wiederzubeleben?

Rüegg: Nein. Wenn ich wollte, könnte ich es machen, könnte ich es versuchen. Im Quintett mit Lia Pale gefällt es mir sehr gut, und dort kommt ja eigentlich auch alles vor, was ich mit dem Vienna Art Orchestra gemacht habe. Ich liebe es, in einer kleinen Besetzung zu arbeiten und mag keine großen Besetzungen mehr.

APA: War die Auflösung des Orchesters also irgendwie entschlackend?

Rüegg: Die Frage hat sich gar nicht gestellt. Hie und da werde ich eingeladen, dann studiere ich ein Programm ein, und das mache ich natürlich gerne. Aber ich selbst möchte nichts mehr mit der Organisation einer Big Band zu tun haben. Das ist mir auch zu laut.

(Das Gespräch führte Christian T. Schwei/APA)