Eisrevue mit Riesenzwergen: Ibsens „Ein Volksfeind“ im Burgtheater

Wien (APA) - Eine ganze Armada von riesigen, beweglichen, bedrohlichen Gartenzwergen; die Bühne als Eislaufplatz, auf dem der Bürgermeister ...

Wien (APA) - Eine ganze Armada von riesigen, beweglichen, bedrohlichen Gartenzwergen; die Bühne als Eislaufplatz, auf dem der Bürgermeister die schönsten Pirouetten drehen kann, sein Bruder und Gegenspieler sich beim Versuch, die „Kunst der 180-Grad-Drehung“ und den „eingesprungenen Doppel-Kompromiss“ zu erlernen, den Knöchel verstaucht. So hat man „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen garantiert noch nie gesehen.

Die Wiener Theaterszene ist derzeit von erstaunlicher Reichhaltigkeit: Jeden Tag eine komplett andere Methode, Klassiker heute auf die Bühne zu bringen. Nach Janusz Kicas nüchternen, ganz auf die Schauspieler zugeschnittenen und dennoch hochaktuell wirkenden Intrigen rund um „Professor Bernhardi“ in der Josefstadt und Hermann Schmidt-Rahmers im Volkstheater gescheiterten Versuch, Orwells „1984“ ein Update zu verpassen, indem US-Präsident Donald Trump als personifizierter „Großer Bruder“ herhalten muss, hat Jette Steckel am Samstag im Burgtheater gezeigt, wie man ein absolut modern wirkendes, mehr als 130 Jahre altes Stück mit einer endlosen Folge von plumpen und plakativen Regieeinfällen erschlagen kann. Am Ende von über drei Stunden vermisste man nur noch das von Daniel Kehlmann 2009 in seiner umstrittenen Salzburger Festspielrede als Grundübel des Regietheaters gebrandmarkte Spaghetti-Essen.

Es beginnt wie ein ironisches Aufnehmen einer Episode des jüngsten autobiografischen Meyerhoff-Bandes, in der sich der Jungschauspieler vorwerfen lassen muss, in jeder Inszenierung zumindest einmal mit nacktem Oberkörper auftreten zu wollen. Diesmal bricht Joachim Meyerhoff als Badearzt Tomas Stockmann gleich zu Beginn von unten durch eine Eisdecke, hievt sich nackt auf die Bühne und stellt sich im beleuchteten Nebel unter einen von ganz oben herabfallenden Wasserstrahl. Indem er Körper und Geist stählt, wappnet er sich für das Kommende. Eine archaisches Bild als Vorspann - das allerdings nicht stimmig erscheint. Als einziger ist Dr. Stockmann nämlich im Besitz von Laborbefunden, die nachweisen, dass das Wasser, das die junge Kurstadt zu Glück und Wohlstand spülen soll, vergiftet ist.

Stockmann warnt eindringlich vor den gesundheitsschädlichen Auswirkungen von „hexavalentem Chrom“, das durch die vom pflanzlichen auf chemisches Gerben umgestellte Lederfabrik seines Schweigervaters (Ignaz Kirchner) in das Grundwasser freigesetzt wird. Die neue Bearbeitung von Frank-Patrick Steckel, dem Vater der Regisseurin, hat nicht nur den Gesprächsjargon, sondern auch das umwelttechnische Wissen aktualisiert. Das ist völlig legitim. Bedenklicher scheint, dass die nach wie vor gültigen Grundaussagen des Stücks, in dem sich die unbequeme Wahrheit gegen politische und geschäftliche Interessen nicht durchsetzen kann und sich der Badearzt in seinem von medizinischer Ethik und staatsbürgerlicher Verantwortung bestimmten Feldzug zum von allen Mitkämpfern allein gelassenen „Volksfeind“ entwickelt, unter Bildfindungen begraben werden, die das Stück buchstäblich aufs Glatteis führen.

Die Bühne ist spiegelglatt. Fast das gesamte Ensemble ist dazu angehalten, Schlittschuh zu laufen. Nur die Nonkonformisten weigern sich. Badearzt Stockmann, der sich gegen die Kälte der Gesellschaft gerne in einen warmen, wattierten, orangenen Mantel hüllt, latscht mit nackten Füßen in Sandalen über das glatte Parkett. Meyerhoff zeichnet den Protagonisten als hedonistischen Weltverbesserer, der kleinen privaten Ernährungssünden keineswegs abgeneigt ist und einen antiautoritären, liberalen Erziehungsstil pflegt. Bei der Familienabstimmung nach seiner Kündigung entscheidet sich der Familienrat mit 3 zu 2 Stimmen für das Hierbleiben und Kämpfen. Es sind die Stimmen seiner drei Kinder. Die Eltern (Dorothee Hartinger spielt seine stets loyale Gattin) fügen sich.

Die freie Sicht ist von einer sich immer wieder neu gruppierenden Schar an Riesenzwergen verstellt. Sie sollen bedrohlich wirken. „Die alte Welt liegt im Sterben. Die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“, wird gegen Schluss ein Zitat von Antonio Gramsci eingearbeitet. Doch sind sie die richtige Metapher? Nicht der kleinbürgerliche, sondern der kapitalistische, bloß auf Profitstreben ausgerichtete Zugriff auf die Welt droht uns und diese exemplarische Kleinstadt zugrundezurichten. Dass der Lederfabrikant Morton, Stockmanns Schwiegervater, am Ende durch ein paar Kniffe am Aktienmarkt das Kapital zur Rettung der Familie wie des Bades dem Schwiegersohn in die Hände spielt, wirkt - inklusive glückliche Familienschar in putzigen Fellhauben und Schneegestöber - wie eine Episode aus Charles Dickens‘ Weihnachtsmärchen. Dass die Journalisten und Zeitungsleute (Ole Lagerpusch, Peter Knaack und Matthias Mosbach) allesamt als Karikaturen und Hampelmänner dargestellt werden, ist ein glatter Fehlgriff. Mirco Kreiboch als aalglatter Bürgermeister, der seine zentrale Rede als beeindruckende, von Live-Musik (Friederike Bernhardt) gestaltete Eiskunstlaufkür gestaltet, kommt da der Wahrheit schon viel näher.

Nach drei Stunden muss Jette Steckel allmählich zu einem Ende kommen. Sie möchte aber noch zeigen, dass sie durchaus ein paar weitere Ideen gehabt hätte. Eine davon ist, Meyerhoff wie schon bei seinem grandiosen „Die Welt im Rücken“-Solo aus der Rolle fallen und in privatem Ton über das Publikum und dessen „amüsierte Apathie“ herziehen zu lassen. „Ein riesiger Theatersaal voller Arschlöcher - wie konnte das passieren?“ fragt er und provoziert tatsächlich ein paar Publikumsreaktionen. Ja, das wäre ein möglicher Ansatz für eine Inszenierung gewesen. So wirkt es wie ein hilfloser Appendix zu einem unter Überinszenierung erstickten Aktualisierungsversuch, der außerdem noch einen toll geschnittenen Videoclip als Abspann bereithält: Aus herrlichen Surfer-Wellen entsteht plötzlich ein Tsunami, der das Land verwüstet, wunderbare Gletscher stürzen ins Meer und erzeugen Flutwellen, welche die Beobachter des Naturschauspiels unter sich begraben. Ja, das passiert, wenn man sich‘s mit der Natur anlegt. Ein Zwergenaufstand ist nichts dagegen.

(S E R V I C E - „Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen, In einer Bearbeitung von Frank-Patrick Steckel. Fassung von Jette Steckel und Anika Steinhoff, Regie: Jette Steckel, Bühnenbild: Florian Lösche, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Friederike Bernhardt, Video: Zaza Rusadze. Mit: Joachim Meyerhoff - Dr. Tomas Stockmann, Dorothee Hartinger - Kathrin, Irina Sulaver - Petra, Mirco Kreibich - Peter Stockmann, Ignaz Kirchner - Morten Kiil, Ole Lagerpusch - Erik Hovstad, Peter Knaack - Aslaksen, Matthias Mosbach - Billing, Friederike Bernhardt - Musikerin. Burgtheater. Nächste Vorstellungen: 19., 29.11., 2., 10., 23.12., Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)