Dummheit und Zufall in Zeiten des Krieges

Ein Interview mit Fidel Castro machte Erik Durschmied berühmt. In seinem jüngsten Roman geht es um den „Totentanz am Col di Lana“.

  • Artikel
  • Diskussion
© Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Zufall und Dummheit – und deren Einfluss auf den Lauf der Weltgeschichte. Das sind die großen Themen, denen sich Erik Durschmied verschrieben hat. In mehreren Büchern erörterte er, wie strategische Schnellschüsse oder unwahrscheinliche Wetterkapriolen Feldherren zu Fall und Weltreiche ins Taumeln brachten. Durschmied weiß, wovon er spricht: Mehr als vier Jahrzehnte war der heute 87-Jährige – zunächst für die BBC, dann für das US-Network CBS – Kriegskorrespondent. Er berichtete von dort, wo die Information dünn und die Lage bisweilen undurchsichtig war: allein zehn Jahre etwa aus Vietnam. Dort entstand auch sein oscarnominierter Dokumentarfilm „Hill 943“ (1968).

Dass Durschmied Ende der 1950er-Jahre sprichwörtlich über Nacht weltberühmt wurde, ist auch dem Zufall geschuldet. „Und, wenn die Dinge anders gelaufen wären, könnte man wohl auch von einer Dummheit sprechen“, sagt er heute. 1958 verdingte sich der 1930 in Wien geborene und 1954 nach Kanada emigrierte Durschmied als freier Bildberichterstatter. Er filmte Verkehrsunfälle, Kaufhauseröffnungen und Paraden. In der Zeitung las er von einem Revolverhelden, der in den Bergen der Karibikinsel Kuba den Aufstand probte. „Niemand wusste wer dieser Fidel Castro war. Es gab keine Bilder von ihm – nur ein paar Geschichten.“ Durschmied beschloss, den rätselhaften Revoluzzer zu finden: „Mehr als meinen Job hatte ich nicht zu verlieren.“

Monatelang irrte er, einmal auf Kuba angekommen, durch das Hochland der Sierra Maestra. Irgendwann entdeckte er das Lager der Rebellen. Wenig später stand er vor Castro. „Wie Lenin oder Goebbels wusste Castro um die Bedeutung der Medien, er nutzte den Rundfunk und erkannte meine Kamera als Chance, da war es egal, dass er es mit einem absoluten Nobody zu tun hat.“

Sein Interview mit dem späteren Diktator wurde in monatelanger Kleinarbeit „fabriziert“: Castro verlas vorbereitete Antworten, wich eine Frage vom Script ab, wurde der Dreh unterbrochen. „Mir war klar, dass er mich benutzt“, sagt Durschmied, „aber ich benutzte ihn genauso. Wir wollten beide Karriere machen.“

In der Nacht auf den 2. Jänner 1959, eine Woche vor Castros Einzug in der kubanischen Hauptstadt Havanna, wurde der Film ausgestrahlt – und schnell zur Sensation. „Jeder Sender der Welt wollte ihn haben, es gab ja nichts anderes. Ich war ein gemachter Mann“, sagt Durschmied. Wenige Wochen später landete er seinen nächsten Scoop: In Moskau interviewte er nicht nur Staatschef Nikita Chrusch­tschow, sondern auch den in der UdSSR abgetauchten Spion Guy Burgess. Es folgten Vietnam, Afghanistan, Kambodscha, der Krieg zwischen Iran und Irak. Durschmied habe mehr Schlachten überlebt als jeder General, schrieb die New York Times damals. Darauf angesprochen, relativiert er allerdings: Er habe ja nicht gekämpft, sondern dokumentiert. Und dabei sei die Kamera „eine Art Schild, das verhindert, dass man das, was man sieht, zu nah an sich heranlässt“. Nur so, erklärt Erik Durschmied, habe er das, von dem er nüchtern berichten sollte, verarbeiten können.

Letztlich scheinen auch seine Versuche, Krieg als Abfolge von Zufall und Dummheit zu beschreiben, ein Versuch der Distanzierung zu sein: „Kriegsberichterstattung ist immer auch Propaganda. In der Propaganda gibt es keinen Zufall. Trotzdem entscheidet er über Sieg und Niederlage, darüber, ob man als Held oder als Trottel in die Geschichte eingeht.“

Um Helden und Trottel im martialischen Durcheinander geht es auch in Durschmieds jüngstem Buch. „Totentanz am Col di Lana“ ist eine romanhafte Collage recherchierten Materials. Im Zentrum steht eine für den weiteren Kriegsverlauf folgenlose Episode des Ersten Weltkriegs: Die Sprengung des titelgebenden Gipfels im April 1916. Durschmied nähert sich dem Ereignis aus verschiedenen Perspektiven – und gibt dem patriotischen Pathos beider Seiten großen Raum. Nachvollziehbar werden Wahn und Wagemut deshalb nicht. Am Ende gibt es nur Verlierer. Das mag nicht die inspirierteste Einsicht sein. Richtig und wichtig ist sie allemal.

Roman Erik Durschmied: Totentanz am Col di Lana. Athesia, 285 Seiten, 24.90 Euro.


Kommentieren


Schlagworte