Neue Bücher - Drei Romane aus Österreich

Wien (APA) - „Der Siebenschläfer“ - Romandebüt um Altenpflege...

Wien (APA) - „Der Siebenschläfer“ - Romandebüt um Altenpflege

Ein ehemaliger Kinderfacharzt ist zum Pflegefall und Haustyrann geworden. Auf einem Spezialbett dämmert er in seiner Wohnung immer mehr dahin. Die Ratschläge und Ermunterungen seines Hausarztes weist er brüsk zurück, die sich fürsorglich um ihn kümmernde Ehefrau behandelt er immer ruppiger. Einzige Freude sind die Schlaftabletten, die ihn so angenehm dahindämmern lassen, und von denen er immer mehr nimmt. Ein Fall, so deprimierend wie alltäglich. Die Wende bringt Elesa, eine Pflegehelferin aus Kirgisistan. Die freundliche junge Frau, die in ihrer Heimat Deutsch lernte, hebt den Lebensmut des alten Griesgrams wieder. Und zu den düsteren Albträumen gesellen sich neue, heitere Träume, in denen doch noch vieles möglich scheint im Leben.

Die Wiener Fotografin, Logopädin und Psychotherapeutin Dagmar Formann (Jahrgang 1955) hat ihr Romandebüt ihrem Vater gewidmet. Nüchtern beschreibt sie eine Situation, wie sie in österreichischen Familien wohl häufig anzutreffen ist, ohne Partei zu ergreifen und ohne zu beschönigen. Denn wie sich der pensionierte Herr Doktor zu Hause aufführt und die ehemals innig geliebte Gattin mit herrischen „Mutter!“-Rufen zur Angestellten degradiert, ist nicht schön anzusehen. Und doch wohnen noch liebenswerte Seiten in dem unnahbar gewordenen alten Mann am Ende seines Lebens.

(Dagmar Formann: „Der Siebenschläfer“, Seifert Verlag, 192 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-902924-71-1)

**

„Tito, die Piaffe und das Einhorn“ - Romandebüt um Liebesleid

Christian Moser-Sollmann weiß als Journalist, PR-Texter und Geschäftsführer des Friedrich Funder-Institutes zur Journalismusausbildung, wie man Leser-Interesse weckt. Mit einem Titel wie „Tito, die Piaffe und das Einhorn“ etwa, bei dem man erst einmal gar keine Ahnung hat, was einen erwartet. Tito ist der Spitzname des Protagonisten seines Debütromans, des eher mäßig erfolgreichen Politikberaters Christoph Penz, eine Piaffe nennt man eine Figur beim Reiten, eine Art Tänzeln am Stand, die Titos neuer Freundin Ulrike in einer Reitstunde gelingt. Und Einhorn heißt ein legendäres Wiener Lokal, das unter seinem früheren Besitzer, dem Jazzer Uzzi Förster, schon einmal bessere Zeiten gesehen hat.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

TT ePaper

Was vielversprechend als mit pointierten Seitenhieben auf die Gesellschaft aufwartender Wien-Roman beginnt (der Autor ist schließlich stolz darauf, im Stadtteil Meidling zu leben, „der ihm mit seinem Arbeitercharme und seiner sozialen Vielfalt und Sprengkraft als permanente Inspirationsquelle dient“), wird jedoch immer mehr zu einer ziemlich verkorksten Beziehungskiste, an der alles klemmt - falsche Erwartungen, überraschende Einsichten und eskalierende Eifersucht inklusive. Schon bald wünscht man sich als Leser mehr Galopp als Piaffe. Doch am Ende landet Tito im Passgang bei einer Therapeutin namens Pony-Plasch. Zum Wiehern.

(Christian Moser-Sollmann: „Tito, die Piaffe und das Einhorn“, Dachbuch Verlag, 286 S., 19,99 Euro, ISBN 978-3-9504426-2-5)

****

„Tschulie“ - Zwei Lebensentwürfe prallen aufeinander

Im Hotel Mama wäre es doch am bequemsten. Vor allem, wenn die offizielle Interessens-Hitliste für die S-Beraterin „Lesen, Kinder, Spaß haben, Malen, Bewegen, Natur“ in Wahrheit so aussieht: „Fernsehen, Essen, Schlafen“. Weil aber „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und „Germany‘s Next Topmodel“ nicht die ganze Wahrheit sind und die Mama in der kleinen Wohnung immer wieder ihren Freund zu Besuch hat, muss die in einem Sonnenstudio jobbende Schulabbrecherin Julia, genannt „Tschulie“, raus ins echte Leben. Sich dort zu bewähren, ist eine Aufgabe, die einen leicht überfordern kann.

Als Karin, die vergleichsweise überprivilegierte Mutter eines Freundes in der prolligen jungen Frau ein Selbstverwirklichungsprojekt entdeckt, könnte das eine Win-win-Situation für alle Beteiligten werden. Wenn da nicht so viel wäre, das den einen Lebenstraum von dem anderen unterscheiden würde... Die in Wien lebende Kärntnerin Silvia Pistotnig arbeitet in ihrem Roman „Tschulie“ zwei sehr unterschiedliche Frauenbiografien aus und lässt sehr unterhaltsam zwei Welten aufeinanderprallen. Das wirkt zwar mitunter etwas klischeehaft, ist aber rundum sympathisch. Und würde sich auch als Fernsehfilm gar nicht schlecht machen.

(Silvia Pistotnig: „Tschulie“, Milena Verlag, 256 Seiten, 23 Euro, ISBN 978-3-903184-03-9)


Kommentieren