Ein Jahr nach dem Flugzeugabsturz: „Chapes“ schwerer Neuanfang

Vor einem Jahr stürzte das Flugzeug mit dem brasilianischen Fußballteam Chapecoense auf dem Weg zum Finale um den Südamerika-Cup ab. 71 Menschen starben, darunter 19 Profis. Zurück blieben Witwen und Kinder. Die Überlebenden wurden zum Symbol des Neuanfangs.

  • Artikel
Das Foto zeigt das zerschellte Wrack an der Absturzstelle.
© REUTERS/Fredy Builes

Von Georg Ismar und Leonel Plügel, dpa

Chapecó — Valeria Zampier sitzt zitternd rund 4000 Kilometer entfernt vor dem Fernseher. Sie sieht ein Trümmerfeld. Sie denkt, ihr Sohn Hélio Zampier Neto ist tot. Wie so viele andere Fußballer des brasilianischen Clubs Chapecoense. „Dann wurde eine Trage im Fernsehen gezeigt. Und als ich die Füße sah, wusste ich: Das ist Netinho." Seither glaubt die 65-jährige Mutter noch mehr an Gott.

Der Flugzeugabsturz vor einem Jahr, in der Nacht vom 28. auf den 29. November 2016, war ein Ereignis kaum zu überbietender Tragik, mit 71 Toten und nur sechs Überlebenden. Einer davon war jener Neto, der vor dem größten Spiel seiner Karriere stand: das Hinspiel um die Copa Sudamericana gegen Atlético Nacional aus Medellín. Nie zuvor hatte der 1973 gegründete Fußballverein Chapecoense aus der Stadt Chapecó im Süden Brasilien das Finale des Südamerika-Cups erreicht.

Klassenerhalt in der Serie A

Dann kam es auf dem Hinflug zur Tragödie in Kolumbien. Die Wunden heilen nur langsam, es gibt einen zähen Kampf um Entschädigungen. Auch der sportliche Neubeginn mit über 20 neuen Spielern ist schwer. Zwei Trainer mussten gehen, nach langem Abstiegskampf feierte „Chape" in Brasiliens Serie A erst kurz vor dem Jahrestag den Klassenerhalt.

Der 32-jährige Neto - von der Mutter trotz seiner fast zwei Meter liebevoll „Netinho" genannt, wird erst mehrere Stunden nach dem Absturz als Letzter gefunden. Er erleidet durch den Aufprall schwere Rückenverletzungen. So wie die Mutter und der Vater in Rio de Janeiro bangt auch Netos Frau Simone mit den zehn Jahre alten Zwillingen Helam und Elle in Chapecó, ob er überleben wird. Erst nach einem Monat kann er zurückkehren. Nun könnte er 2018 sein Comeback feiern. Ein Wunder.

10x Wanderausrüstung zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Und auch die Geschichte von Rafael Henzel geht - neben all dem Leid für so viele Familien - gut aus. Henzel feiert in diesem Jahr erstmals zwei Geburtstage, den 44. und den ersten. In seinem Twitter-Profil nennt er zwei Geburtsdaten: „Nascido em 25/08/1973 e 29/11/2016". Der Reporter, der für Rádio Oeste Capital über das Spiel der Spiele des Clubs berichten wollte, wurde am frühen Morgen des 29. November 2016 am Berg „El Gordo" noch vor Neto lebend aus dem Trümmerfeld geborgen, nachdem Flug LaMia 2933 abgestürzt war.

Allein 19 Fußballer starben, dazu Teambetreuer, Funktionäre und mitreisende Journalisten. Neben Abwehrspieler Neto und Reporter Henzel überlebten Mittelfeldspieler Alan Ruschel, Torwart Jackson Follmann und zwei Besatzungsmitglieder. Ende August empfing Papst Franziskus eine große Delegation des Vereins zur Audienz. Weltweit erfuhr „Chape" eine Welle der Solidarität, man gewann Zehntausende neue Clubmitglieder. Aber Frauen haben ihre Männer verloren, Kinder ihre Väter. Die Bilder eines ganzen Stadions, das beim Anblick der Särge auf dem grünen Spielfeld weinte, gingen 2016 um die Welt.

„Größte Tragödie im Weltsport"

Henzel hat ein Buch zur Verarbeitung geschrieben. Für ihn ist es die „größte Tragödie im Weltsport" in jüngerer Zeit. Und der Schuldige ist für ihn klar: der Pilot von Unglücksflug LaMia 2933, Miguel Quiroga, der bei dem Absturz auch starb. Quiroga hatte nach Einschätzung der Ermittler - womöglich aus Spargründen - auf einen Tankstopp in Bogotá verzichtet. Wegen Spritmangels stürzte das Charterflugzeug der bolivianischen Gesellschaft LaMia kurz vor dem Flughafen bei Medellín am Berg ab. Weil kein Sprit mehr an Bord war, explodierte der Flieger nicht, daher gab es überhaupt sechs Überlebende.

Vieles ist bis heute ungeklärt. Mehrere Witwen baten zuletzt den früheren brasilianischen Fußballstar und heutigen Senator Romario um politische Unterstützung, da die Verfahren um Entschädigungen und die Bestrafung der Verantwortlichen wegen der drei beteiligten Länder Kolumbien (Unfallort), Bolivien (Sitz der Airline) und Brasilien (Land der Opfer) nur schleppend vorankommen. So gibt es Zweifel, ob die auf dem Papier angegebenen Besitzer von LaMia die Eigner sind - und wer überhaupt zur Rechenschaft zu ziehen ist.

Eines der emotionalsten Ereignisse im „Jahr null" war für den Club sicher das Freundschaftsspiel im August gegen den FC Barcelona: 252 Tage nachdem Alan Ruschel in den Trümmern des Flugzeugs in Kolumbien gelegen hatte, stand er neben Weltstar Lionel Messi im Camp Nou und spielte wieder Fußball. Die Zeitung O Globo schrieb: „Sieg des Lebens". Torwart Follmann musste dagegen der rechte Unterschenkel amputiert werden, er ging im Camp Nou mit einer Prothese auf den Rasen und durfte mit Neto einen symbolischen Anstoß ausführen. Messi posierte mit ihnen, der deutsche Barça-Torwart Marc-André ter Stegen schrieb: „Somos todo Chape" - „Wir sind alle Chape". Dass Chapecoense 0:5 verlor, war Nebensache.

Als Ruschel nach 35 Minuten in Barcelona nicht mehr konnte und ausgewechselt wurde, sank er auf den Rasen, streckte die Zeigefinger gen Himmel, ein Dank an Gott. Auf der Tribüne saß Rafael Henzel und kommentierte das Spiel für Rádio Oeste Capital.

Umjubelter Held: Chapecoenses Alan Ruschel.
© APA/AFP/JOSEP LAGO

Henzel sagte jüngst im brasilianischen Fernsehsender Rede TV der Journalistin Marinana Godoy erstmals, durch was für einen Zufall er überlebt hat. Denn wenige Wochen vor der Tragödie war Superstar Lionel Messi mit Argentiniens Nationalelf mit genau dem gleichen Charterflieger geflogen. Der Kollege Renan Agnolin von seinem Sender Radio Oeste wollte gerne auf dem Platz sitzen, auf dem zuvor auch Messi saß. Henzel setzte sich woanders hin, Agnolin starb mit 27 Jahren. „Renan Agnolin hat mein Leben gerettet", sagt Henzel.

Ein besonderes Ereignis auf dem Weg zur Normalität war die Reise des komplett neuformierten Teams im Mai nach Medellín, dorthin, wo das Flugzeug am 28. November 2016 um 22.15 Uhr Ortszeit abgestürzt war. Erneut sollte es gegen Atlético Nacional gehen, dieses Mal kam „Chape" an, verlor 1:4, das war aber egal. Beide Vereine verbindet seit der Tragödie eine tiefe Freundschaft. Medellín überließ „Chape" den Titel der Copa Sudaméricana 2016.

Plünderungen am Absturzberg

Der Absturzberg wurde in „Cerro Chapecoense" umbenannt. Damals raubten Plünderer im Trümmerfeld Uhren, Computer, Trikots und Schuhe, nach und nach tauchten die Gegenstände auf Märkten auf. Es bildete sich eine Bürgervereinigung, die die Dinge wiederbeschaffte - rund 200 Gegenstände wurden nun zurückgegeben. „Aus einer großen Traurigkeit und Tragödie erwächst die Möglichkeit zu einer großen Freundschaft", sagte Medellíns Bürgermeister Federico Gutiérrez.

An Bord des zweiten Medellín-Fluges waren auch Neto und Reporter Henzel. Es war ein großes Stück Traumabewältigung - dieses Mal kamen sie an. Und bei Netos Mutter kamen wieder die Erinnerungen an die Trage hoch. Sie ist bis heute dem kolumbianischen Leutnant Marlon Lengua dankbar, der damals das Stöhnen ihres Sohnes hörte, als die Retter längst glaubten, es gäbe keine Überlebenden mehr.


Schlagworte