Missbrauchsvowürfe: Noch wenig Licht auf der Schattenpiste

Nach drei weiteren Missbrauchs-Meldungen bei der Tiroler Opferschutz-Hotline leitet das Land jetzt offiziell Untersuchungen in der Skihauptschule Neustift ein. Ehemaligen Verantwortlichen sind keine Vorfälle bekannt.

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Von Peter Nindler

Innsbruck — Im (Tiroler) Skisport prallen derzeit zwei Erfahrungswelten aufeinander. Berichte von sexualisierter Gewalt, Missbrauch und Übergriffen gegenüber jungen Nachwuchsathleten erschüttern die Öffentlichkeit. Bei der Opferschutz-Hotline des Landes haben sich bisher drei Betroffene gemeldet. Das erklärten am Dienstag Bildungslandesrätin Beate Palfrader (VP) und die für die Kinder- und Jugendhilfe zuständige Landesrätin Christine Baur (Grüne). Die Vorfälle sollen 20 bis 45 Jahre zurückliegen.

Zum einen bestätigen ehemalige Schüler die Wahrnehmung der Ex-Rennläuferin Nicola Werdenigg, geborene Spieß, über unhaltbare Zustände in der Skihauptschule Neustift in den 1970er-Jahren. Zum anderen werden Praktiken wie das „Einpastern" von Schülern im Schigymnasium Stams untermauert. Die in der Vorwoche angekündigte Überprüfung der Skihauptschule Neustift wird jetzt von Land Tirol und dem Landesschulrat eingeleitet. Und in Stams wird den Informationen über entwürdigende Aufnahmerituale nachgegangen.

Nichts von Übergriffen erfahren

Demgegenüber schildern ehemalige Verantwortliche der Skihauptschule Neustift, dass sie in ihrer Zeit an der Schule nichts von Übergriffen erfahren hätten. Der Leiter der Tiroler Sportabteilung und frühere Präsident des Tiroler Skiverbands, Reinhard Eberl, war Ende der 1980er-Jahre Trainer in Neustift. „Mir wurde damals nichts berichtet." Auch der Neustifter Bürgermeister Peter Schönherr ging in die Skihauptschule, Vorfälle seien ihm nicht bekannt. „Als Bürgermeister wurde ich außerdem nie damit konfrontiert."

Bezirksschulinspektor Friedl Klingenschmid machte fast alle Stationen an der Skihauptschule durch. In den 32 Jahren arbeitete er als Trainer, Lehrer und zuletzt bis Ende 2013 als Direktor. „Die in der Öffentlichkeit gemachten Vorwürfe waren kein Thema." Er stellt dem Schulteam ein ausgezeichnetes Zeugnis aus, „noch heute habe ich viel Kontakt zu ehemaligen Schülern". Mit dem Internat hatte er aber nichts zu tun.

Offenbar liegt jedoch einiges im Dunkeln, deshalb werden die Bildungsabteilung des Landes und der Landesschulrat die Aktenlage untersuchen. Palfrader kündigt eine lückenlose Aufarbeitung an, etwaige dienstrechtliche und disziplinarrechtliche Verfehlungen werden geprüft und mögliche strafrechtliche Verdachtsfälle an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

Hinsichtlich des „Einpasterns" von Schülern mit Schuhcreme oder sogar Klisterwachs steht das Schigymnasium in Stams am Pranger. Diese Vorgänge wurden bereits bestätigt, waren aber nicht die Regel. Hat die Schulführung davon erfahren, soll aber gegen die Übeltäter schulintern bis zum Ausschluss vorgegangen worden sein.

TSV will eng mit Behörden zusammenarbeiten

Aktiv ist bereits in der Vorwoche der Tiroler Skiverband (TSV) geworden, der bis 1978 finanziell für die Skihauptschule verantwortlich war. „Wir werden jedenfalls versuchen, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln und Unterlagen so weit wie möglich zur Aufklärung beizutragen. Sollten sich die Behörden einschalten, werden wir eng mit ihnen zusammenarbeiten", kündigt TSV-Präsident Werner Margreiter an. Im Mittelpunkt steht dabei der Heimleiter, der Mitte der 1970er-Jahre für das Internat verantwortlich war. In zwei Protokollen gibt es vage Hinweise auf gewisse Vorfälle.

Der TSV, der eng mit der Skihauptschule und dem Schigymnasium zusammenarbeitet, berät am Dienstag über die weitere Vorgangsweise. Für Margreiter geht es um maximale Transparenz, „andererseits müssen wir den Generalverdacht wegbekommen".

Eine Stufe höher ist der Österreichische Skiverband (ÖSV) darum bemüht, die Wogen zu glätten. Bekanntlich hat Nicola Werdenigg nicht nur die Übergriffe in Neustift angeprangert, sondern auch von Missbrauch und Vergewaltigung in ihrer aktiven ÖSV-Karriere gesprochen. Und letztlich auch von einem Fall aus dem Jahr 2005. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck ist bereits aktiv geworden und ermittelt gegen unbekannt. Im ORF-Interview wies Präsident Peter Schröcksnadel darauf hin, dass sich Betroffene auch an die Opferschutzkommission von Waltraud Klasnic wenden könnten. Diese wurde nach den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche von der österreichischen Bischofskonferenz eingesetzt.

Psychologin Karl: „Gelegenheitstäter gibt es überall"

In einer Fernseh-Diskussionsrunde (Puls 4/Pro & Contra) übte die forensische Psychologin Chris Karl scharfe Kritik am Verhalten des Österreichischen Skiverbands rund um die aktuelle Missbrauchsdebatte. Die Wienerin räumt dem ÖSV von heute keine Schuld ein, vermisst aber den unbedingten Willen zur Aufklärung.

Wie fielen die Reaktionen im Anschluss an Ihre TV-Diskussion zum Thema „ÖSV/Missbrauchsvorwürfe" aus?

Chris Karl: Extrem positiv, was mich etwas gewundert hat. Ich dachte, Österreich sei diesbezüglich in zwei Lager gespalten. Die einen positionieren sich klar auf Seite des Opfers, die anderen denken eher: „... weil nicht sein kann, was nicht sein darf".

Sie übten scharfe Kritik am Verhalten des Österreichischen Skiverbands von heute, der sich mit einer Situation aus den 1970er-Jahren konfrontiert sieht.

Karl: Es ist unverständlich, wie man sich verhält, auch wenn man nichts für die Situation von damals kann und niemand den ÖSV für das Geschehene angreift. Ein Fall wie in jeder anderen Sportart auch. Aber normal müsste es seitens des Verbands heißen: Danke für die Aufklärung. Und: Das schauen wir uns genau an. Mehr nicht!

Sie monierten, in Österreich würde in Sachen sexueller Übergriffe keine Studie erhoben, in Deutschland sei das geschehen.

Karl: Schade, denn so eine Studie könnte jede x-beliebige Einrichtung in Auftrag geben.

Lässt sich aus Studien denn eine Tendenz ablesen, welche Sportarten für sexuelle Übergriffe speziell in Frage kommen?

Karl: Natürlich besonders solche, in denen es vermehrt zu Körperkontakt kommt oder in denen Sportler leicht bekleidet sind. Aber Gelegenheitstäter finden sich überall.

Und gibt es einen Grund, warum gerade jetzt so viele Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit kommen?

Karl: Die sozialen Medien beschleunigen das, allein die #metoo-Bewegung erhielt durch Facebook eine ungeheuerliche Dynamik.

Welche Vorgehensweise verlangen Sie von Sportverbänden, um Fehlentwicklungen dieser Art entgegenzuwirken?

Karl: Es wurden Verhaltensregeln formuliert, die flächendeckend vorgegeben werden müssten. Außerdem bedarf es einer neutralen Evaluierungsstelle, wie wir sie in Österreich etwa mit der Anti-Doping-Agentur haben. Die hat allerdings 2,2 Mio. Euro Budget und Geld für die Forschung, in unserem Bereich gibt es gerade eine Mitarbeiterin. Und wichtig ist, dass Vernetzung zu entsprechenden Stellen stattfindet.

Das Gespräch führte Florian Madl


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