Großvater der SOS-Kinderdörfer: Kutin gibt letzte Funktion ab

Nach 50 Jahren als führender Vertreter von SOS-Kinderdorf tritt Helmut Kutin heute in die zweite Reihe zurück. Zu Wort melden will er sich aber auch in Zukunft, wenn er es für notwendig erachtet.

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Helmut Kutin, wie ihn die ganze Welt kennt: umringt von Kindern.
© SOS Kinderdorf

Sie sind 1953 als 12-Jähriger ins erste SOS-Kinderdorf nach Imst gekommen. Wie was das damals?

Helmut Kutin: Ich hatte zwei Cousinen, die wesentlich älter waren als ich. Die haben damals beobachtet, dass ich alleine bei meinem alten Vater war und dann beschlossen, den Hermann Gmeiner zu bitten, mich trotz meines fortgeschrittenen Alters (Limit waren acht Jahre) im Kinderdorf aufzunehmen. Ich wusste davon vorher nichts, aber ich kann mich gut erinnern, dass die beiden Cousinen damals in Bozen bei uns aufgetaucht sind, mich am Arm genommen haben und dann sind wir losgefahren.

Wie sind Ihre Erinnerungen an Hermann Gmeiner, den Gründer von SOS-Kinderdorf? Er hat Sie ja wesentlich mitgeprägt.

„Ich werde nicht hinter dem Vorhang herumdudeln. Wenn ich etwas zu sagen habe, werde ich es sagen“, sagt Helmut Kutin.
© Parigger

Kutin: Voll und ganz, ja. Das begann eigentlich 1967, als er mich angerufen hat, er möchte mit mir reden. Ich bin also nach Wien gefahren, in die Hinterbrühl, und da haben wir drei Tage Gespräche geführt, sehr intensive Gespräche, und danach ist dann festgestanden: Jawohl, ich gehe nach Vietnam, obwohl ich keine Ahnung hatte von diesem Land. Richtig geprägt hat mich dann unsere gemeinsame Reise durch Asien. Im Laufe der Jahre ist er dann jedes Jahr nach Vietnam gekommen, das lag ihm doch sehr am Herzen. Seine Bestimmtheit, seine echte Zuneigung zu Kindern und seinen Kinderdorfmüttern und Kinderdorfmitarbeitern haben mich doch mitgeprägt. Wir hatten ein sehr intensives Verhältnis, in dem wir uns immer wieder ausgetauscht haben. Es endete eigentlich 1975 mit dem Ende des Krieges. Damals hat er mir am Flughafen gesagt: Du bleibst lieber da und ich in Europa. Wenn wir zu oft zusammen sind, wird das nicht einfach werden mit uns beiden.

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Sie sind damals mitten im Vietnamkrieg als junger Mann nach Vietnam gegangen und haben dort ein SOS-Kinderdorf aufgebaut ...

Kutin: Heute wäre das gar nicht mehr möglich. Ich war vollkommen alleine, in einer amerikanisch geprägten Gegend, habe in einer Hinterhofwohnung gewohnt und irgendwie hat mich die Begeisterung Gmeiners mitgetragen, das jetzt zu machen. Kinder gab es genug, und sie hatten einen großen Einfluss auf mich, weil sie unglaublich an mir gehangen sind. Ich bin damals hingegangen und habe getan, was mir am Herzen lag — so schnell wie möglich dieses Dorf aufzubauen und Mütter zu finden. Das war überhaupt das Schwierigste.

Helmut Kutin — Lebenslauf

GEBOREN wurde Helmut Kutin am 4. Oktober 1941 in Bozen, Südtirol als fünftes Kind von Eduard und Josefine Kutin. Nachdem kurz nacheinander seine älteste Schwester und seine Mutter starben und der Vater infolge der politischen Situation in der Nachkriegszeit seinen Job als Rechtsanwalt verlor, kam Helmut Kutin als 12-Jähriger in das erste SOS Kinderdorf in Imst.

JUGEND: Als Jugendlicher übersiedelte Kutin ins SOS-Jugendhaus nach Innsbruck, besuchte in der Landeshauptstadt die Lehrerbildungsanstalt, an der er 1963 maturierte, und studierte danach Volkswirtschaft in Innsbruck.

GMEINERS ERSTER AUFTRAG: Nach intensiven Gesprächen mit Mentor und SOS Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner begann Kutin 1967, mitten im Vietnam-Krieg, mit dem Aufbau des ersten vietnamesischen SOS Kinderdorf in Saigon. Bereits 1971 zum Asien-Repräsentanten von SOS Kinderdorf International ernannt, blieb Helmut Kutin fast zehn Jahre in Vietnam. Später betreute er Asien von Bangkok aus. In dieser Zeit entstanden in allen Teilen Asiens weitere 50 SOS-Kinderdörfer und darüber hinaus 50 Zusatzeinrichtungen (Schulen, Kindergärten, Krankenstationen.

PRÄSIDENT: 1985 wurde Helmut Kutin von SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner selbst zum Präsidenten der weltweiten Kinderdorf-Bewegung ernannt. 1986, nach dem Tod Gmeiners, übernahm er dieses Amt, das er 2012, als 71-Jähriger, an Siddhartha Kaul übertrug. Seither ist er Ehrenpräsident der internationalen Bewegung und Präsident von SOS Kinderdorf Österreich. Diese letzte Funktion übergibt er heute an seine designierte Nachfolgerin Irene Szimak und er wird Ehrenpräsident.

AUSZEICHNUNGEN: In Würdigung seines Wirkens wurde Helmut Kutin vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem höchsten Königsorden des Königreiches Thailand, dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und dem Ehrenring des Landes Tirol.

In den 68 Jahren, seit es SOS-Kinderdorf gibt, hat sich die Welt gesellschaftlich verändert. Haben sich so auch die Aufgaben von SOS-Kinderdorf geändert?

Kutin: Absolut. Wir haben uns den Gegebenheiten der heutigen Zeit anzupassen. Herausforderungen vor 68 Jahren waren Kinder, die keine Familie mehr hatten, heute sind es Kinder aus besonders belasteten, oft überforderten Familien, deren Eltern es einfach nicht mehr schaffen. Und es ist die Soziallandschaft, die neue Probleme mit sich bringt. Es wird immer schwieriger, Kinderdorfmutter zu sein. Sie werden in zunehmendem Maße dazu gezwungen, Erzieherinnen zu sein, und das beeinträchtigt die ursprüngliche Idee ein bisschen. Durch neue Wohngruppen für Kinder und Jugendliche, durch intensivere pädagogische und auch therapeutische Betreuung sowie Arbeit im Team sind die Anforderungen ganz andere als damals. Aber weltweit gibt es natürlich noch viele Länder, in denen die Ursprungsidee Hermann Gmeiners noch voll am Leben ist, weil die sozialen Umstände ganz andere sind. Ist es in Mitteleuropa die seelische Not, die wir versuchen, mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufzufangen, so ist es andernorts die wirkliche Armut, Krieg, Naturkatastrophen, die Kinder zu wirklichen Waisenkindern machen. Auch in Österreich gibt es heute noch Kinder, die im besonderen Maße eine SOS-Kinderdorffamilie und eine Gemeinschaft brauchen.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt: „Die größte Not des Kindes ist es, zu niemandem zu gehören. Das Fehlen von Ausbildung, Kleidung und Nahrung ist für ein Kind leichter zu ertragen, als alleine zu sein, ohne Zuhause, ohne Zugehörigkeit." Ist das die Grundidee Gmeiners?

Kutin: Absolut. Und diese Idee bleibt auch bestehen — mit anderen Prämissen. Eine junge Frau hat mir ihre Einschätzung von SOS-Kinderdorf einmal in zwei Sätzen erklärt: „Ich war geboren und war niemand. Durch SOS-Kinderdorf habe ich eine Mutter und Geschwister." Das ist wirklich eine Erfolgsgeschichte.

In einem anderen Zitat haben Sie die Zeit nach dem 2. Weltkrieg beschrieben. Die Menschen waren trotz größter Not bereit, das Wenige, das sie damals hatten, zu teilen. Heute klafft die Schere zwischen Arm und Reich auch in Österreich immer weiter auseinander. Wie sieht es denn mit der Bereitschaft zu teilen aus?

LH Günther Platter zeichnete Helmut Kutin mit dem Ehrenring des Landes Tirol aus.
© Parigger

Kutin: Heute ist es ein wenig schwieriger geworden. Grundsätzlich dürfen wir in Österreich aber wirklich Danke sagen für die großartige Unterstützung, die SOS-Kinderdorf bekommt. Ich verbinde das mit der Hoffnung, dass das auch so bleibt.

Die Welt ist ein Stück egoistischer geworden. Was kann die Politik dagegen tun?

Kutin: Auch die Politik müsste im zunehmenden Maße stärker aktiv werden, nicht nur in Worten. Mir fehlt die Umsetzung. Ich hoffe, dass die neue Politik dafür Sorge trägt, dass die Armen nicht durch den Rost fallen und dass man wirklich auf diese armen Menschen zugeht und versucht, ihr Leben zu verbessern.

Sie geben heute, nach 50 Jahren in Spitzenfunktionen, die Fäden von SOS-Kinderdorf endgültig aus der Hand. Schwingt da nicht Wehmut mit?

Kutin: Klar. Aber ich nehme das wie Andreas Hofer. „Mander, es isch Zeit." Ich bin dankbar, dass ich das noch lebend durchführen kann, dass ich diese Aufgaben in jüngere Hände legen kann. Und ich habe absolutes Vertrauen, dass sie es noch besser machen können als ich.

Hat der scheidende Präsident noch einen letzten Weihnachtsappell an die Menschen in Österreich?

Kutin: Dass wir auch in Zukunft in besonderem Maße dafür Sorge tragen können, das wir den Kindern in Österreich eine Zukunftsperspektive geben können. Das ist nicht einfach. Die Kinder erleben zunehmend schwierige Situationen, auch in Österreich, und wenn sie dann in ein Kinderdorf kommen, braucht es Geduld, Einfühlsamkeit, Liebe und Betreuung, um sie lebenstüchtig zu machen.

Wie stellt man sich Helmut Kutin in Pension vor?

Kutin: Ich bin kein Pensionist. Ich bin der Großvater der SOS-Kinderdörfer und werde auch in Zukunft nicht hinter dem Vorhang herumdudeln. Wenn ich etwas zu sagen habe, werde ich es sagen.

Das Interview führte Mario Zenhäusern


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