Vom Uni-Keller in den Olymp der Terrorexperten: Das ICSR in London

Noch vor ein paar Jahren galten sie als Exoten, die in einem Keller Propagandisten des Terrors im Internet aufspürten. Inzwischen ist das ICSR in London eine der renommiertesten Expertengruppen in Sachen Terror weltweit.

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Von Christoph Meyer, dpa

London – Der Terrorexperte Peter Neumann sitzt im sechsten Stock des Londoner King‘s College vor einem Stapel Dokumente, dazwischen ein Coffee-to-go und eine Dose Cola, mit denen sich der 42-Jährige wach hält. Neumann ist derzeit ein gefragter Mann. Der Deutsche leitet das International Centre for the Study of Radicalisation and Politival Violence (ICSR) – eine der angesehensten Expertengruppen in Sachen Terror weltweit.

Seit knapp zehn Jahren erforscht er mit seinen Kollegen, wie Menschen zu Terroristen werden – und wie man es verhindert. Das ICSR war immer wieder ganz vorne mit dabei, wenn es darum ging, neue Trends im islamistischen Milieu aufzuspüren. Vor allem aber gelang es Neumann und seinen Kollegen, ihrer Botschaft auch Gehör zu verschaffen. Inzwischen beraten sie Regierungen auf der ganzen Welt. Erst kürzlich stellte Neumann als neuer Sondergesandter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) Strategien zur Terrorbekämpfung vor.

Forschungsergebnisse sollen ankommen

Er selbst bezeichnet sich schon mal scherzhaft als „Rampensau“. „Wir verwenden viel Zeit darauf, unsere Forschung so zu kommunizieren, dass sie tatsächlich ankommt, sei es bei den Sicherheitsbehörden, sei es bei einer weiteren Öffentlichkeit“, sagt Neumann. Eine Aufgabe, die dem Mann aus Würzburg wie auf den Leib geschneidert zu sein scheint. Vor seiner Karriere als Wissenschaftler war er als Journalist im Hörfunk tätig.

Bei britischen Medien ist inzwischen kaum ein Terrorexperte so gefragt wie Neumanns Kollege Shiraz Maher. Der 36 Jahre alte Dozent war einst selbst ein islamischer Extremist. Als 2005 die britische Hauptstadt zum Ziel von Anschlägen wurde, wandte er sich ab. Ausgestattet mit Insiderwissen wurde Maher zum Terrorismusexperten. „Wenn ich mit diesen Kämpfern spreche, wenn ich sie studiere, wenn ich mir ihr Leben anschaue, verstehe ich es“, sagte er auf einer Konferenz im Jahr 2015. Er verstehe es, weil er selbst einmal so war.

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Seine Erfahrungen in der islamistischen Szene hat er in ein Werk über die ideologischen Grundlagen der Dschihadisten fließen lassen. Und sie halfen ihm, Kontakte zu islamistischen Kämpfern in Syrien und dem Irak aufzubauen.

Die waren in den frühen Tagen der Terror-Herrschaft des Islamischen Staats in Teilen Syriens und des Iraks 2014 und 2015 noch stark auf Facebook und Twitter aktiv. Die Experten am King‘s College gehörten zu den ersten, die das erkannten. Sie bauten eine Datenbank mit rund 750 Kämpfern auf und werteten die Aktivitäten der Dschihadisten aus.

Propagandachefs das Handwerk legen

Mithilfe der Datenbank gelang es ihnen, mehrere Propagandisten ausfindig zu machen, die enormen Einfluss auf die Kämpfer in Syrien und Sympathisanten des Terror-Netzwerks hatten, obwohl sie in keinem direkten Verhältnis zur Terrormiliz standen. Auf ihre Spur brachten sie die Klicks der Dschihadisten – etwa wenn sie „Gefällt mir“ anklickten. Zur Überraschung der Sicherheitsbehörden saßen die einflussreichsten Köpfe nicht in Syrien und dem Irak, sondern in den USA, Indien und Australien. Damals arbeiteten Neumann und seine Kollegen noch im Keller der Universität – beinahe über Nacht wurden sie bekannt als die „Jungs“, die von einem Keller in London aus den Propagandisten des IS das Handwerk legten.

Inzwischen spielen die großen sozialen Netzwerke für die Dschihadisten kaum noch eine Rolle. Unter dem Druck der Politik haben Facebook und Twitter längst Maßnahmen ergriffen, um terroristische Inhalte schnell und effektiv zu löschen. Die IS-Terroristen und ihre Sympathisanten tummeln sich heute im Kurznachrichtendienst Telegram.

Telegram als Online-Tummelplatz für Dschihadisten

Sie dort aufzuspüren, ist die Aufgabe von Charlie Winter. Der Doktorand mit blonder Strubbelfrisur hat sich in allen wichtigen Gruppenchats der Dschihadisten hineingeschmuggelt. Telegram funktioniert ähnlich wie Whatsapp, erlaubt aber auch, große Gruppen mit bis zu 20.000 Mitgliedern zu führen – die nicht leicht zu finden sind.

Hinter Telegram steckt der russischstämmige Internet-Unternehmer Pavel Durov, der mit dem russischen Facebook-Pendant VKontakte ein Vermögen gemacht hat. Doch viel mehr ist über das Unternehmen nicht bekannt, das seinen Sitz an wechselnden Standorten hat. Inzwischen löscht Telegram die Gruppen des IS regelmäßig. Doch es ist ein Katz-und-Maus-Spiel: Jedes Mal, wenn eine Gruppe geschlossen wird, gibt es bald wieder eine neue. Charlie ist immer mit dabei.

Dass im ICSRhervorragende Arbeit gemacht wird, sehen auch andere Wissenschaftler so. Dem Terrorexperten Sebastian Lange von der Humboldt-Universität in Berlin zufolge gibt es kaum ein Institut, das mit denselben Schwerpunkten und einer so erfolgreichen Öffentlichkeitsarbeit aufwarten kann. Doch er warnt davor, Aspekte nicht aus den Augen zu verlieren, die nicht im Fokus von Neumann und seinen Kollegen stehen.

Für die nähere Zukunft ist Neumann wenig optimistisch. Das Ende der Herrschaft über Teile Syriens und des Iraks durch die IS-Terrormiliz werde zu einer stärkeren Verlagerung auf den Terror im Westen führen, glaubt er. Zudem sei damit zu rechnen, dass die Anschläge heftiger werden, weil die Aufmerksamkeit der Medien nachgelassen habe. Die Arbeit wird ihm und seinen Kollegen so schnell wohl nicht ausgehen.


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