Mystery-Serie “Dark“: Im Sturz durch ?Raum und Zeit

Mit der Mystery-Serie „Dark“ stellt Netflix ab heute seine erste deutsche Eigenproduktion vor. „Twin Peaks“ und „Stranger Things“ lassen grüßen.

  • Artikel
  • Diskussion
© Netflix

Von Christiane Fasching

Innsbruck –In Winden will man nicht wohnen müssen. Hier regnet’s nicht, hier schüttet’s. Und manchmal fallen keine dicken Tropfen, sondern leblose Vögel vom Himmel. Aus dem gespenstischen Wald wiederum dringt dröhnendes Wummern – fast so, als hätt’ sich ein greinendes Monster zwischen den Bäumen versteckt, hinter denen wuchtig ein Atomreaktor thront. Und als wäre Winden nicht schon sonderbar genug, verschwinden im kleinstädtischen AKW-Unort auch noch ständig Kinder.

Zuerst Erik, dann Mikkel. Nicht zu vergessen Mads, aber den sucht seine verhuscht wirkende Mutter schon seit mehr als 30 Jahren. Er ging verloren, als Nena richtig hip war und das Twix noch Raider hieß. Dass nun – wir schreiben das Jahr 2019 – ein zerknittertes Papierl des längst ausrangierten Schokoriegels auftaucht, wirkt in diesem beklemmenden Setting fast normal.

Der Grundton der ersten deutschen Netflix-Produktion, zu der Anja Plaschg alias Soap&Skin die sphärische Titelmusik beisteuert, könnte düsterer nicht sein. Der Titel „Dark“ ist somit Programm. Zehn Episoden hat Regisseur Baran bo Odar gemeinsam mit Drehbuchautorin Jantje Friese für den Streamingdienst in Szene gesetzt. Und sich dabei – was die psychedelische Bildsprache anbelangt – an einem Kult gewordenen Kleinstadt-Mysterium orientiert. Wenn die Kamera durch verwinkelte Gänge schwenkt oder in einer leeren Hotel-Lobby einen unsichtbaren Hauch des Bösen einfängt, lässt „Twin Peaks“ grüßen. Aber auch ein brandaktueller Serienerfolg kommt einem bei der Mystery-Thriller-Melange in den Sinn. Im Stil von „Stranger Things“ geben jugendliche Helden den Ton an – allen voran Louis Hofmann als Teenager-Feingeist Jonas, der nach dem Selbstmord seines Vaters von wiederkehrenden Albträumen gequält wird. Und live dabei ist, als in Winden wieder ein Kind verschluckt wird. Wenn Jonas – in einen gelben Regenmantel gewandet – mit seiner Clique einem schwarzen Loch in den Rachen schaut, dann hat „Dark“ auch etwas von „Es“. Nur ohne sabbernden Clown.

„Es gibt Dinge, die werden wir nie verstehen“, heißt es an einer Stelle. Und beinahe hat man das Gefühl, als wollten einem die Macher damit tröstend vermitteln, dass es nicht weiter tragisch ist, wenn man nicht jedes symbolbeladene Bild zu deuten vermag. 30 tote Schafe, die mit geplatztem Trommelfell auf Windens Feldern liegen, müssen ja nicht gleich das Ende der Welt verheißen. Oder klopft doch die Apokalypse an die Tür?

Vorab gab es für Journalisten drei Folgen zu sehen, verknüpft mit der Bitte, ja nichts zu spoilern. So viel sei aber verraten: „Dark“ funktioniert nicht nur als Mystery-Thriller, sondern auch als kunstvoll verknotetes Familiendrama, das geschickt mit dem Übersinnlichen spielt. Wermutstropfen sind die teils arg theatralischen Dialoge, die so bedeutungsschwanger daherkommen, dass sie nicht dramatisch, sondern unfreiwillig komisch wirken. Die Hits der 80er-Jahre, die als musikalischer roter Faden dienen, sollte man hingegen nicht unterschätzen: Wenn Nena den Sturz durch Raum und Zeit besingt, bringt das durchaus Licht in Windens Düsterkeit.


Kommentieren


Schlagworte