Nochmal Putin? - Junge Russen blicken auf die Wahl und ihre Zukunft

Jekaterinburg (dpa) - Junge Russen treffen sich im Café, gehen ins Fitnessstudio oder ins Kino. Sie haben ein Profil im russischen Netzwerk ...

  • Artikel
  • Diskussion

Jekaterinburg (dpa) - Junge Russen treffen sich im Café, gehen ins Fitnessstudio oder ins Kino. Sie haben ein Profil im russischen Netzwerk VKontakte, aber auch eins bei Facebook. Sie posten Fotos bei Instagram und schauen US-Serien. Wer zwischen Moskau und Wladiwostok Anfang 20 ist, interessiert sich für Ähnliches wie gleichaltrige Europäer. Er fühlt sich meist aber stärker mit Familie und Heimat verbunden.

Im kommenden März ist in Russland Präsidentenwahl, Kremlchef Wladimir Putin dürfte erneut kandidieren. Aber was denken russische Millenials über Politik? Wie stellen sie sich ihre persönliche Zukunft vor, wie die ihres Landes? Sechs junge Russen aus Jekaterinburg am Ural erzählen der Deutschen Presse-Agentur, wie sie ticken:

JEGOR NEDOROSTKOW (20): „Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Uni mich weiterbringt.“ Jegor Nedorostkow hat vier Monate in Moskau Informatik studiert. Er mochte aber weder das Leben in der Metropole noch sein Studium und kehrte nach Jekaterinburg zurück. Schon als Kind bastelte er Roboter zusammen. „Am liebsten würde ich damit Geld verdienen. Ein nützliches Gerät entwickeln und verkaufen.“ Er könnte sich vorstellen, in den USA, China oder Deutschland zu leben. Dort seien Firmen offener für technische Ideen. Vielleicht wäre mehr internationaler Austausch gut für Russland, sagt er. „Wählen gehen werde ich auf jeden Fall.“ Wen, weiß er noch nicht. Er kenne sich mit Politik nicht gut aus. „Aber es ist schwer, ein Land zu regieren.“

POLINA SCHIRUKALOWA (23): Die Sprachwissenschaftlerin ist beruflich schnell aufgestiegen. Polina Schirukalowa ist in einem Hotel für Personal und Gehälter verantwortlich. Sie mag die Atmosphäre an ihrem Arbeitsplatz. „Ich finde Veränderungen und frische Ideen gut.“ Sie hat auch ein halbes Jahr Deutsch in Erlangen studiert. Politik habe zwar keinen direkten Einfluss auf ihre Arbeit oder ihre Hobbys wie Cross-Fit-Training, Lesen und Nähen. Aber wählen gehen wird Polina auf jeden Fall. Ihr ist die liberale TV-Journalistin Xenia Sobtschak sympathisch, die im Oktober ihre Kandidatur angekündigt hat. Die 23-Jährige bezweifelt aber, dass Sobtschak dem Präsidentenamt gewachsen wäre.

LEONID SCHMAKOW (21): Der junge IT-Spezialist aus der Stadt Nischni Tagil im Ural ist müde. Leonid Schmakow arbeitet seit dem Abschluss der Uni unermüdlich - teils 14 Stunden pro Tag. Zuletzt war er in Abu Dhabi, um am Finale des internationalen Wettbewerbs „Wordskills“ teilzunehmen. Er holte Gold in der Kategorie „IT Network Systems Administration“. „Ich würde gerne für eine Firma arbeiten, die IT-Lösungen für andere Firmen entwickelt.“ Er würde auch gern in der Hauptstadt Moskau leben, doch wichtiger sei ihm ein guter Job. Egal wo im Land. Für die Zukunft wünscht er sich, dass Russland bessere Beziehungen zu anderen Ländern hat. Ob er wählen geht, weiß er noch nicht.

JULIA GIMADEJEWA (23): Nächsten Sommer wird sie ihr Englisch- und Spanischstudium abschließen. Dann möchte Julia Gimadejewa erstmal im Ausland im Tourismus arbeiten. „Vielleicht in Vietnam, China oder Nizza.“ Sie spricht fließend Englisch, hat vor kurzem ein halbes Jahr in Florida verbracht. „Meine Heimat Jekaterinburg für immer verlassen, möchte ich aber nicht.“ Für die Zukunft Russlands wünscht sie sich, dass die Korruption bekämpft wird und die niedrige Löhne langfristig steigen. Wählen will Julia Putins Gegenkandidaten, „und wenn das Sobtschak ist, dann eben sie“. Kremlkritiker Alexej Nawalny werde ohnehin nicht als Kandidat zugelassen werden.

VIKTOR KOSLOW (22): Der blonde Mann mit Brille ist Wahlkreismitarbeiter eines Abgeordneten der Staatsduma in Moskau. Viktor Koslow interessiert sich für die Lebensbedingungen seiner Mitmenschen. Seine Arbeit in Jekaterinburg gefällt ihm gut, nur freie Stunden hat er kaum. „Meistens arbeite ich zwölf Stunden pro Tag.“ In seiner knappen Freizeit liest Wiktor Biografien - zuletzt eine über Sergej Schnurow, den Frontmann der russischen Ska-Band Leningrad. In Zukunft wünscht er sich „eine bessere Gesellschaft“ in Russland. Seine Meinung zur Wahl: Ob und welchen Kandidaten er wählen wird, darüber spricht er mit niemandem. „Ich beeinflusse auch andere nicht politisch in die eine oder andere Richtung.“

OLESJA TSCHAPLYGINA (22): Viktors Freundin Olesja Tschaplygina wünscht sich einen erfolgreichen Ehemann und Kinder. „Eine glückliche Familie - das ist mein Traum.“ Die Grafikdesignerin findet ihren Job abwechslungsreich. In Sachen Politik betont sie, dass natürlich Putin die Wahl gewinnen werde. Er sei der würdigste Kandidat. „Das Land ist durch ihn besser geworden.“ Zwar gebe es auch Probleme. Damit sich Russland entwickeln kann, brauche es aber Stabilität - zumindest politisch. Olesja wünscht sich, dass die Wirtschaft weniger stark von Öl und Gas abhängt. Andere Branchen sollten gestärkt werden, Russland sollte elektronische Produkte oder Möbel exportieren.


Kommentieren