Stams-Direktor: “'Pastern' wurde in der Führung nie geduldet“

Rund um die Missbrauchsdebatte im österreichischen Ski-Sport gerät nun das Schigymnasium Stams ins Zwielicht. Ein Ex-ÖSV-Skifahrer erhob schwere Vorwürfe. Direktor Arno Staudacher bezog dazu im TT-Gespräch Stellung.

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Das Schigymnasium Stams genießt auch international einen erstklassigen Ruf. Ein ehemaliger Schüler sieht dies freilich völlig anders.
© APA/BARBARA GINDL

Innsbruck, Stams — Es soll in den 80ern und 90ern passiert sein. Im Schigymnasium Stams. Ein namentlich nicht genannter ÖSV-Aktiver, der zu dieser Zeit in Stams zur Schule ging und im Spitzensport reüssierte, sprach im Interview auf derstandard.at über das Ritual des „Pasterns" im Ski-Internat, Sex als Druckmittel und zerstörte Existenzen.

Schwerwiegende Vorwürfe jedenfalls gegen die Eliteschule des heimischen Skisports, die in diesem Jahr ihr 50-Jahr-Jubiläum feierte und deren Absolventen bisher mehr als 300 Olympia- und WM-Medaillen sammelten.

„Das Pastern war und ist ein zutiefst sexuelles Machtspiel, das weit über Initiationsriten hinausgeht. Für mich ist es eine Frechheit, wenn der jetzige Stamser Direktor Arno Staudacher das herunterspielt und davon spricht, dass da ein bissl Schuhpasta auf die Hinterbacken geschmiert wird", wird der ehemalige ÖSV-Athlet zitiert. Und weiter: „Das ist kein netter Initiationsritus, sondern da wurde ganzen Generationen mit Gewalt von mehreren, meist älteren und stärkeren Sportlern die Hose heruntergerissen. Und je nachdem wie aufmüpfig einer vorher war, bekam er Zahnpasta oder einen mehr oder weniger klebrigen Klister anal verabreicht. Das heißt, da wurde eine Tube eingeführt. Das Ärgste, was man erwischen konnte, war ein Nassschnee-Klister, ein Steigwachs für Langlaufski."

Die Übergriffe seien „selten im Geheimen passiert" und „harte Gewalt" gewesen. „Die Gepasterten sind manchmal drei Stunden in der Dusche gestanden, nicht nur um sich zu säubern. Die haben vor Scham, Verzweiflung und Wut geheult."

Zahlreiche Opfer seien traumatisiert worden. „Dieses System hat viele junge Menschen gebrochen und in Identitätskrisen gestürzt — eine große Masse, über die nicht gesprochen wird. Die Aussage ?Wer bei uns in Stams abschließt, steht besonders stabil und erfolgreich im Leben' finde ich zum Kotzen. Viele müssen die erlebten Härten ein Leben lang aufarbeiten, Hilfe kriegen die wenigsten. Das erklärt die hohe Drogenquote bei Abbrechern", wurde der Wintersportler zitiert.

Die TT konfrontierte Direktor Arno Staudacher mit den Vorwürfen. Der Tiroler Ex-Stams-Internatsschüler ist seit 1987 Lehrer und seit 2005 Direktor in Stams.

Arno Staudacher ist seit 1987 Lehrer in Stams und steht der Eliteschmiede des Skisports seit 2005 als Direktor vor.
© Rudy De Moor / TT

Verharmlosen Sie das Ritual des Pasterns?

Arno Staudacher: Davon kann keine Rede sein. Das Einzige, was ich zu dieser Thematik in einem Ö1-Radio-Interview gesagt habe, war meine ganz persönliche Geschichte. Und die liegt Jahrzehnte zurück. Und ja, bei mir war's Schuhcreme auf den Hintern.

Wird in Stams noch heute „gepastert"?

Arno Staudacher: Ich bin der Meinung, besser, der Überzeugung, dass es das nicht mehr gibt. Ich bin seit nunmehr zwölf Jahren Direktor in Stams und ich kann versichern, dass mir in dieser Zeit nicht ein diesbezüglicher Vorfall zu Ohren gekommen ist.

Das muss noch nicht alles heißen.

Staudacher: Wenn die Schüler dichthalten wollen, dann erfährst du als Direktor, Trainer oder Lehrkörper in der Regel nichts. Deswegen werden und wollen wir auch nichts ausschließen. Und ich kann versichern, dass wir diesen Vorwürfen nachgehen werden. Wichtig wäre, herauszufinden, welcher ehemalige Athlet das gesagt hat, welche Motive ihn geleitet haben. Und ob es aus irgendeinem Grund eine Art Abrechnung ist, dieses Gefühl habe ich. Wir werden jedenfalls am Montag eine Konferenz abhalten, um einfach von allen Seiten möglichst viele Informationen zusammenzutragen. Oder ob es doch irgendwelche Vorfälle gegeben hat, die nur nicht zu mir durchgedrungen sind. Ich denke aber nicht, dass da was Überraschendes zutage kommt.

Vor 2005 sind Ihnen aber „Pastern"-Vorfälle bekannt?

Staudacher: Es hat welche gegeben, ja, und es wurde von der pädagogischen Führung rigoros dagegen vorgegangen. In Kenntnis meiner Vorgänger und auch des inzwischen verstorbenen langjährigen Heimleiters kann ich sagen, dass das Pastern in der Schulleitung verpönt und nicht im Geringsten geduldet war. Und wenn diesbezüglich etwas bekannt wurde, wurden die Beteiligten von einer Disziplinarkommission zur Verantwortung gezogen.

Wie darf man sich in Stams eine Disziplinarkommission vorstellen?

Staudacher: Da sitzen Direktor, Heimleiter, Erzieher, Trainer und der Betroffene bzw. die Betroffenen am Tisch — und jeder bezieht Stellung. Dann kommt es zu einer Beratung und wenn notwendig zu einer pädagogischen Sanktion. Die reicht von einer Verwarnung über die Androhung eines Rauswurfs bis in letzter Konsequenz zum Rauswurf aus der Schule.

Der anonym gebliebene Ex-Schüler empfand bzw. findet das System Stams buchstäblich zum Kotzen ...

Staudacher: Bei über 1200 Absolventen kann natürlich das eine oder andere schwarze Schaf gewesen sein bzw. der eine oder andere Enttäuschte. Wenn ich da lese, dass das System Stams eine vermeintlich hohe Drogenquote bei Abbrechern erklären soll, finde ich das nur reißerisch. Ich kann jetzt gesichert nur von den letzten zehn Jahren sprechen, da befinden wir uns, was die Schulabbrecher betrifft, bei unter 20 Prozent. Das ist ein ganz normaler Wert. Und es ist auch nichts Ungewöhnliches, wenn sich einige entschließen, lieber einen anderen Weg zu gehen.

Wie haben Lehrkörper, Trainer, Betreuer auf diese massiven Vorwürfe reagiert?

Staudacher: Mein Handy steht nicht mehr still, auch zahlreiche ehemalige Sportler haben sich gemeldet und sinnbildlich gemeint, wer ?will euch da anpatzen'.

Wie war der allgemeine Tenor?

Staudacher: Großteils Entrüstung und Unverständnis, komplettes Unverständnis, wie man ein ganzes System dermaßen ins Eck prügeln kann. Ich bezweifle in keinster Weise den Inhalt und Wahrheitsgehalt der Aussagen, das möchte ich festhalten, aber die ganzen Verallgemeinerungen und Rückschlüsse halte ich für nicht okay, ja, für verantwortungslos.

Das Gespräch führte Max Ischia


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