„Brünnhilde“ rundet den TaW-“Ring“ zum spannenden Experiment
Wien (APA) - Und täglich grüßt das Murmeltier respektive Siegfrieds Tod: Auch der dritte Abend der Neufassung von Richard Wagners „Ring“ am ...
Wien (APA) - Und täglich grüßt das Murmeltier respektive Siegfrieds Tod: Auch der dritte Abend der Neufassung von Richard Wagners „Ring“ am Theater an der Wien stellte den finalen Speerstich in den Heldenrücken an den Anfang. Die folgenden vier Stunden erwies sich „Brünnhilde“ als sinnhafte Rundung des auf drei Abende verkürzten Werks. Dennoch lagen am Ende für das Regieteam Buhs und Bravos nah beieinander.
Die deutsche Regisseurin Tatjana Gürbaca hatte mit ihrer Dramaturgin Bettina Auer und RSO-Dirigent Constantin Trinks gemeinsam drei neue Abende aus der Tetralogie geschmiedet, die sich unter den Titeln „Hagen“, „Siegfried“ und „Brünnhilde“ auf die dritte Generation der „Ring“-Figuren fokussierten. Dabei verwendete man die wagnersche Originalmusik und setzte die Szenen des Monumentalwerks neu zusammen. Nach starkem Auftakt mit dem Fokus auf dem Bösewicht Hagen und einem weit weniger zwingenden Siegfried-Schwerpunkt, stellte „Brünnhilde“ als Teil 3 wieder spannendere Zusammenhänge.
In der Gesamtschau bleibt allerdings zu konstatieren, dass diese Neufassung wohl eher etwas für „Ring“-Kenner ist, ein Gedankenspiel, das durch Fokusverschiebung neue Einblicke bietet, aber für Einsteiger kryptisch bleibt. Schließlich ist der „Ring“ mit seinen Seitenästen, seiner Vielzahl an Figuren und seinen schieren Dimensionen schon in der Ursprungsversion schwer zu erfassen. Ein Remix der Best-of-Szenen, bei dem notwendigerweise manche erklärende Sequenz entfallen muss, trägt da wenig zum Verständnis bei. So ist das TaW-Experiment etwas für Connaisseure, nicht für Erstverkoster.
Gürbacas Inszenierung ist hierbei über weite Strecken minimalistisch, lässt im Hintergrund die nackte Bühnenwand erkennen, verwendet die gleichen Spielorte wieder und lässt den Figuren Raum, der mittels guter Personenführung auch genutzt wird. Vielen charmanten Ideen und originellen Raumlösungen gesellen sich allerdings immer wieder unnötige Banalitäten oder unfreiwillig komische Elemente bei, wenn die Rheintöchter mit Plastikplanen spielen oder das gottgeschaffene Schwert Nothung ein handelsübliches Brotmesser darstellt. Aber auch am Abschlussabend gelingen Gürbaca wiederholt berührende Szenen, wie der Abschied des Vaters Wotan von seiner Tochter Brünnhilde oder deren Konfrontation mit ihrer Schwester Waltraute.
Weit disparater präsentierte sich die Sängerriege. Selbst einen gekürzten „Ring“ an drei aufeinanderfolgenden Tagen zu singen, ist für alle Beteiligten ein Kraftakt - und bei manchen ist dieser zu hören. Daniel Brenna, der tags zuvor schon in „Siegfried“ vier Stunden praktisch ununterbrochen auf der Bühne stand, hatte stimmlich mit Ermüdungserscheinungen zu kämpfen, die ihm am Ende einige Buhs einbrachten. Ingela Brimberg konnte sich als Brünnhilde zu den beiden Vortagen zwar deutlich steigern, hatte aber dennoch mit ihrer Partie zu kämpfen, was ihr mit tosendem Applaus vergolten wurde. Und Aris Argiris ist als Wotan in der Tiefe noch zu wenig durchschlagend, was sich bei dem 1974-Jahrgang noch durchaus ändern kann.
Einige der Beteiligten dieses „Rings“ sind hingegen bereits jetzt herausragend in ihren Partien wie etwa Samuel Youn als Hagen, der nach der Titelpartie im „Fliegenden Holländer“ 2015 wieder ans TaW zurückkehrte. Auch Marcel Beekman, hier 2014 verantwortlich für die legendäre „Platee“, ist ein genial winselnder Mime, dem sich Bruderherz Alberich in Person des Bühnenviechs Martin Winkler ebenbürtig zur Seite gesellt.
Die wirkliche Entdeckung des mutigen Gesamtunterfangens ist allerdings die für Wagner-Verhältnisse beinahe kammermusikalische Besetzung von 62 Musikern anstatt der sonstigen gut 100, die Alfons Abbass 1905 erstellte. Für ein kleineres Haus wie das TaW ist diese an Wirkmächtigkeit vollkommen ausreichend, wie das bestens disponierte RSO unter Trinks bravourös unter Beweis stellte. Alles in allem eine erfrischende neue Politur für den „Ring“.
(S E R V I C E - Ring-Trilogie „Siegfried“ nach Richard Wagner im Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung des RSO: Constantin Trinks, Regie: Tatjana Gürbaca, Bühne: Henrik Ahr, Kostüme: Barbara Drosihn, Licht: Stefan Bolliger. Mit: Ingela Brimberg - Brünnhilde, Aris Argiris - Wotan, Daniel Brenna - Siegfried, Ann-Beth Solvang - Waltraute/Flosshilde, Samuel Youn - Hagen, Kristjan Johannesson - Gunther, Liene Kinca - Gutrune, Mirella Hagen - Woglinde, Raehann Bryce-Davis - Wellgunde. Weitere Aufführungen der Trilogie: „Hagen“ am 7., 17. und 29. Dezember, „Siegfried“ am 9., 18. und 30. Dezember sowie „Brünnhilde“ am 10., 19. und 31. Dezember. Sendetermine auf Ö1: „Hagen“ am 8. Dezember, „Siegfried“ am 9. Dezember und „Brünnhilde“ am 10. Dezember jeweils ab 19.30 Uhr. www.theater-wien.at)