Literatur

Spätestens beim „einfach“ wird es kompliziert

Der 1942 im Kärntner Ort Griffen geborene Peter Handke zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart.Foto: AFP/Leong
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Peter Handke wird morgen 75 Jahre alt. Neben seinem neuen Buch „Die Obstdiebin“ sind auch zwei lesenswerte Handke-Handreichungen erschienen.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –„Handkes Image beruht also primär darauf, dass er es versteht, als Außenseiter aufzutreten – ohne einer zu sein.“ Das Urteil, das Peter Hamm 1969 über Peter Handke, den er als „neuesten Fall von deutscher Innerlichkeit“ beschrieb, fällte, war hart: Da bedient sich einer des Gängigen und Institutionalisierten, einem Treffen der Gruppe 47 zum Beispiel, um es dann mit großer Geste als gängig und institutionalisiert und folglich unbrauchbar zu verteufeln.

Was so beginnt, kann sich, den Gepflogenheiten des zur Überhitzung neigenden Literaturbetriebs folgend, zu Fehde und Feindschaft auswachsen. Peter Hamm und Peter Handke aber wurden Freunde. Schon der 2006 erschienene Interviewband „Es lebe die Illusion“ und Hamms zeitgleich entstandener Handke-Film „Der schwermütige Spieler“ zeugen von der großen Vertrautheit, die sich zwischen Autor und Kritiker in gut vier Jahrzehnten entwickelt hat. Das Werden dieser Beziehung lässt sich nun in der Textsammlung „Peter Handke und kein Ende“ nachvollziehen: Hamms frühe Bestürzung über eine „peinliche“ Einlassung des fünf Jahre jüngeren Autors, die eingangs zitierte Abrechnung mit dessen Image, zusehends wohlwollender werdende Aufsätze, schließlich kenntnisreiche Festreden und begeisterte Erklärhymnen. Als Stationendrama einer zunächst zögerlichen Annäherung ist „Handke und kein Ende“ fraglos interessant, seine wahre Bedeutung entfaltet das Buch allerdings eher als kundige Handreichung zu Handkes eigenen Texten. Selbst beim Weg durch dessen jüngstes Buch, „Die Obstdiebin“, von dem bei Hamm naturgemäß noch nicht die Rede sein kann, ist es ein äußerst hilfreicher Begleiter. Denn Handke, der morgen Mittwoch 75 Jahre alt wird, mag vielleicht kein wirklicher Außenseiter sein, aber ein Solitär und Eigenbrötler ist er allemal. Mit und in seinen Texten folgt er einem poetischen Programm: der Verzauberung des Alltäglichen und der Beschwörung jener Zwischenräume, die sich den Kriterien des Gewöhnlichen, der Plausibilität zum Beispiel, permanent entziehen, die sich zwar erzählen lassen, aber eben nicht erklären.

Erzählt wird in „Die Obstdiebin“ – die Titelfigur spielte bereits im 2016 uraufgeführten Stück „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ eine Nebenrolle – eine „einfache Fahrt ins Landesinnere“ – und schon das simple Attribut „einfach“ macht die Sache kompliziert. Schließlich zeichnet gerade Handkes Spät-, vielleicht darf man am Vorabend seines 75. auch Alterswerk sagen, die Absage an alles Eindeutige aus. Ja, die Fahrt ist „einfach“, schließlich löst der Erzähler am Bahnhof ein „billet aller simple“. Ja, sie ist einfach, weil alles andere als herausfordernd: Es geht vom Pariser Vorort Chanville – wo Handke seit 1990 lebt – knapp 100 Kilometer gen Norden in die Picardie – wo Handke inzwischen ein Sommerhaus besitzt. Und sie ist einfach, weil sie einfach passiert.

Einfach im Sinne von direkt und unvermittelt ist auch die sprachliche Form, die Handke für seine Erzählung findet. Kein Satz behauptet Kausalität, es gibt kein weil, kein wenn, kein da. Zusammenhang entsteht allein aus der Erzählbewegung. Sehenden Auges gehend eröffnen sich Räume – und die Räume spiegeln sich erneut in der Sprache: Stolpern Ich-Erzähler und Obstdiebin – sie fladert nicht nur Früchte, sondern sammelt Eindrücke und Erinnerungen – durchs Unterholz, holpern die Sätze im Stakkato. Geht es in eine weite Kurve, werden auch die Formulierungen breiter, mitreißender. So entfaltet Reizloses, etwa ein Brombeerstrauch, der den Weg versperrt, die Aura des Außerordentlichen.

Weil sich die Geschichte dadurch gewissermaßen selbst erzählt, kann auch der Erzähler als Figur irgendwann verschwinden: Es bleibt die Obstdiebin, die es zu ihrer Familie zieht. Das finale Fest freilich, zu dem sie Vater, Mutter und Bruder erwarten, droht in seiner verbissenen Feierlichkeit zur Farce zu werden.

Als Farce hätte auch der Versuch des deutschen Autors und Künstlers Rolf Steiner enden können, Handke in Chaville zu treffen. Steiner schwärmt für den Autor – und als fleißiger Leser ist er mit dem Ort, den Handke nicht zuletzt in seinem Magnum Opus „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ beschrieb, vertraut. Zu einem Treffen mit dem Dichter kommt es zunächst aber trotzdem nicht. Dafür ist der Bericht, den Steiner am Tor zu Handkes Garten hinterlässt, der Beginn einer Korrespondenz. Und die mündet dann – beinahe ein Jahrzehnt später – doch noch in der Vereinbarung einer Zusammenkunft. Steiners „Der Holunderkönig“ ist eine hinreißende Verneigung vor Peter Handkes Schreiben – und ein durchaus ironisches Spiel mit Versatzstücken des bisweilen eigentümlichen Kults um den Autor. Ein Kult, an dessen Entstehen – da hatte Peter Hamm bereits 1969 alles andere als Unrecht – Handke selbst nicht ganz unschuldig war. Und Hamm in späteren Jahren auch nicht.

Prosa Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp. 560 Seiten, 35 Euro. Essay Rolf Steiner: Der Holunderkönig. Von einem, der auszog Peter Handke zu treffen Haymon. 198 Seiten, 19.90 Euro. Textsammlung Peter Hamm: Peter Handke und kein Ende. Stationen einer Annäherung. Wallstein. 163 Seiten, 20.60 Euro.