Regisseur Johan Simons: „Wien ist eine total wehmütige Stadt“

Wien (APA) - Der Holländer Johan Simons (71) war als Regisseur immer wieder bei den Wiener Festwochen zu Gast, etwa 2005 mit „Fort Europa“, ...

Wien (APA) - Der Holländer Johan Simons (71) war als Regisseur immer wieder bei den Wiener Festwochen zu Gast, etwa 2005 mit „Fort Europa“, 2013 mit „Gift“ und 2014 mit Jeans Genets „Die Neger“. Nach seinen erfolgreichen Intendanzen der Münchner Kammerspiele und der Ruhrtriennale übernimmt er 2018 das Schauspielhaus Bochum. Am 14. Dezember bringt er Joseph Roths „Radetzkymarsch“ an das Burgtheater.

APA: Herr Simons, Sie haben schon „Hiob“ (2008) und „Hotel Savoy“ (2010) inszeniert. Was fasziniert Sie so an den Romanen von Joseph Roth?

Johan Simons: Ich finde ihn einen unglaublich guten Schriftsteller, einen der besten, die ich kenne. Wenn es einen gibt, der über Heimweh und Fernweh reden kann, dann ist es er. Er hat auch viele Autoren in den Niederlanden inspiriert. Seine Sprache ist leicht und schwer zugleich. Bei ihm kann man oft ein Grinsen nicht unterdrücken, aber auf einmal greift er einem an die Gurgel. Ich verstehe ihn gut. Joseph Roth ist wie ein Bruder für mich - nur ist er Alkoholiker und ich nicht. Wenn ich als Regisseur besoffen auf die Probe kommen würde, könnte ich nicht arbeiten. Aber ein Genie kann das! Bei ihm war aber so viel in seinem Kopf, und seine Emotionen waren so stark, dass er das manchmal auch dämpfen musste. Ich denke, das Trinken hat ihm geholfen. Vielleicht hat es eine Bremse gelöst, vielleicht hat er sich Mut angetrunken beim Schreiben.

APA: Das klingt danach, als könnte Ihre nächste Dramatisierung „Die Legende vom heiligen Trinker“ werden.

Simons: Ja, das hat er wohl nicht ohne Grund geschrieben.

APA: Sie haben ein Faible für Romandramatisierungen. Welche spezifischen Möglichkeiten eröffnen Romane auf der Bühne im Gegensatz zu Theaterstücken?

Simons: Ich versuche immer, ein breites Repertoire zu haben. Romane sind ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Das Gute an ihnen ist, dass sie immer eine reflexive Ebene bieten. Man spricht über sich selbst, aber man beschreibt auch sich selbst.

APA: Der „Radetzkymarsch“ scheint für eine Dramatisierung zwei Schwierigkeiten zu bieten: Die eine ist diese melancholische Endzeit-Stimmung, die über allem liegt,...

Simons: Das muss man alles nicht spielen. Das kommt bei Joseph Roth ganz aus der Sprache. Daran darf man nicht schon im Vorfeld denken, besonders als Schauspieler nicht. Man darf nicht theatralisch punkten wollen.

APA: ... die andere ist die weite Spanne dieses Zeitenpanoramas. Das Familienporträt der Trottas reicht ja über drei Generationen.

Simons: Wenn man den Roman komplett auf die Bühne bringen möchte, dann dauert das 12 Stunden. Aber es wird auch so eine lange Vorstellung, vier Stunden inklusive Pause, denke ich. Aber warum macht man diesen Roman überhaupt, warum liest man den nicht einfach? Das ist ja die eigentliche Frage.

APA: Und was ist Ihre Antwort darauf?

Simons: Meine Antwort ist, dass die Romanfiguren bei der Aufführung konkret auf die Bühne kommen - aber mit einem gewissen Abstand. Es ist eine Truppe von Schauspielern, die in ihre Rollen schlüpfen und diesen Roman bevölkern. Diese Ebene ist mir wichtig. Wir schaffen gemeinsam auf der Bühne eine Welt, in der man auch das Heute miterlebt, aber jeder seine eigene Erfahrung macht. Joseph Roth ist wie sehr gute Musik. Wenn man Bach spielt und nachher fragt: Leute, woran habt ihr dabei gedacht, dann werden das sehr unterschiedliche Antworten sein. Ich finde, Roth ist einer der wenigen Romanciers, der es schafft, jedem eine andere Geschichte mitzugeben.

APA: Sie inszenieren erstmals am Burgtheater, einem Gebäude, in dem das Erbe der Monarchie noch sehr präsent ist. Wie erleben Sie Wien? Orten Sie Habsburg-Nostalgie? Eine Wehmut?

Simons: Ja, Wien ist eine total wehmütige Stadt. Wien ist total schön. Ich laufe gerne hier herum. Dann denke ich: Das alles hier hat Joseph Roth erlebt. Damals war das alles noch richtig lebendig. Heute erlebt man die Stadt als einziges Bühnenbild. Und der Bühnenbildner war Kaiser Franz Joseph.

APA: In ihrem eigenen Bühnenbild scheinen Sie aber ganz auf k.u.k.-Flair zu verzichten? Wenn ich mich auf der Probebühne so umsehe, dann dominieren viele verschieden große Ballone in unterschiedlichen Farben den Raum.

Simons: Ja, die Ballone, die sind toll. Sie sind Sterne, einer ist ein Globus. Dabei ist es nichts. Es ist eigentlich Luft, aber es ist wunderbare Luft. Und manchmal werden sie zerplatzen. Dann bleibt nur ein winziges Stück Plastik übrig.

APA: Das Zerplatzen wird von einem großen Knall begleitet. Davor fürchten sich die Leute heute sehr - und immer wieder wird die Parallelität der Untergangsstimmung mit dem Vorabend des Ersten Weltkriegs beschworen. Sehen Sie diese auch?

Simons: Ja, die sehe ich. Jetzt hat man wieder überall diese Abgrenzung, den Nationalismus. Wir haben gelernt, dass Leute wie Wittgenstein oder Schönberg sich damals gefreut haben, dass der Krieg endlich begonnen hat. Aber Roth beschrieb das Gegenteil. Er war Journalist, das darf man nicht vergessen, und ich denke, er hat Recht gehabt: Viele Leute fanden es wirklich schrecklich, in den Krieg zu ziehen - besonders jene, die damit rechnen mussten, erschossen zu werden. Roth beschreibt das gut: Kaum hat der Krieg angefangen, haben die Ungarn ungarisch gesprochen, die Serben serbisch, usw. Man kann über den Kaiser sagen, was man will - und ich bin natürlich Republikaner, obwohl eine große Mehrheit meiner Landsleute für das niederländische Königshaus ist -, aber auf eine bestimmte Weise hat er das alles zusammengehalten.

APA: Als künftiger Intendant in Bochum wollen Sie mit Gent und Rotterdam ein europäisches Theaternetzwerk etablieren. Ein Theater ohne Grenzen?

Simons: In Bochum werde ich ein Ensemble aus unterschiedlichen Nationalitäten haben - da sind Schauspieler aus der Ukraine, aus Kenia, aus Lettland, der Elfenbeinküste oder aus Surinam mit dabei. Ich werde „Hamlet“ machen und Hamlet mit einer Frau besetzen, und seine Mutter könnte eine Chinesin sein, der Vater aus Surinam. Um die Leute zum Denken anzuregen. Theater muss sich unterschieden von Film und Fernsehen. In Theater geht es um ein Gedankenfeld. Beim „Radetzkymarsch“ lasse ich etwa eine Figur in die andere übergehen: Aus dem Maler und Alkoholiker Moser wird plötzlich der Kaiser.

APA: Den Trotta haben Sie aber nicht weiblich besetzt.

Simons: Nein, ich behaupte auch nicht, dass man das überall tun kann. Einen Roman muss man lieben, wenn man ihn auf die Bühne bringt, sonst soll man es sein lassen. Ein Stück soll man hassen und gleichzeitig lieben. Das gleiche gilt für Oper. Ich habe auch Wagner gemacht. Wagner hasse ich zutiefst, aber ich kann seine Musik manchmal sehr schön finden.

APA: Apropos Musik: Kommt der berühmte „Radetzkymarsch“ in Ihrer Inszenierung vor?

Simons: Nein. Höchstens auf der Toilette.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Johan Simons, geb. 1946 im niederländischen Heerjansdam, ist einer der renommiertesten Regisseure und Theaterleiter Europas. Der ausgebildete Schauspieler und Tänzer leitet seit Ende der 70er-Jahre Gruppen, Festivals und Theater in Holland und Deutschland, darunter die Theatergroep Hollandia, das NTGent, die Münchner Kammerspiele und die Ruhrtriennale. 2018 übernimmt er das Schauspielhaus Bochum.

(S E R V I C E - „Radetzkymarsch“ nach dem Roman von Joseph Roth, Regie: Johan Simons, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Greta Goiris, Musik und Sounddesign: Warre Simons. Mit Philipp Hauß, Falk Rockstroh, Johann Adam Oest, Daniel Jesch, Andrea Wenzl, Christoph Radakovits, Merlin Sandmeyer, Steven Scharf, Martin Vischer u.a.; Burgtheater, Premiere: 14. Dezember, 19 Uhr, Weitere Vorstellungen: 16., 18., 20., 27.12., 6., 18., 20.1., Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)