„Ein Fuß im Grab“ - Philippinische Goldgräber riskieren ihr Leben
Manila (APA/dpa) - Domingo Chavez beißt fest auf einen dünnen Gummischlauch, wenn er in die finstere Unterwelt abtaucht. Es geht in einen mi...
Manila (APA/dpa) - Domingo Chavez beißt fest auf einen dünnen Gummischlauch, wenn er in die finstere Unterwelt abtaucht. Es geht in einen mit kaltem, trübem Wasser gefüllten Schacht hinunter, und manchmal dauert es Stunden, bis er wieder auftaucht. In bis zu zehn Metern Tiefe sucht der 37-jährige Philippiner nach Gold, während ihm ein Kompressor über den Schlauch die Luft zum Atmen zuführt.
„Es ist ein gefährlicher Job, und manchmal bin ich um meine Sicherheit besorgt, aber ich tue das für meine Familie“, sagt der vierfache Vater vor dem Abtauchen. Später erzählt er: „Es ist, wie wenn man mit einem Fuß im Grab steht. Andere sind dabei gestorben, aber es gibt keine bessere Arbeit für mich hier.“
Chavez ist in der Goldgräberstadt Paracale in der Provinz Camarines Norte, rund 200 Kilometer südöstlich von Manila, einer von vielen Einwohnern, die auf eigene Faust nach Gold schürfen - in der Hoffnung, irgendwann den Jackpot zu knacken, wie es einige Glückliche geschafft haben sollen. Die Stadt steuert Jahr für Jahr einen ansehnlichen Teil zur philippinischen Goldproduktion bei.
Jeden Tag bleibt Chavez bis zu vier Stunden unter Wasser, manchmal ohne eine einzige Pause. Es ist stockfinster im Schacht, er kann sich nur tastend zurechtfinden. Mit Hammer und Meißel schlägt er das Erz aus dem Erdreich. Er steckt es in eine Stofftasche, die an einem Flaschenzug hängt. An der Erdoberfläche trennen seine Kollegen es von Steinen und Dreck.
Während alle sich gerne die paar Erfolgsgeschichten erzählen, die es gibt, bleiben die meisten Kumpel arm. Einige Minen sind wegen der Gefahren geschlossen worden. Wie viele tödliche Unglücke es bisher gegeben hat, wollen die Behörden nicht verraten.
„Bergbau macht uns hier nicht reich, er gibt uns nur die Mittel, unser Essen zu bezahlen, unsere täglichen Bedürfnisse“, sagt May Losinto, Chavez‘ 30-jährige Ehefrau. Sie hilft ihrem Mann, das pulverisierte Erz zu bearbeiten. Um das Gold zu trennen, wird auch hochgiftiges Quecksilber eingesetzt. Die junge Mutter macht Quecksilberdämpfe, denen sie während der Schwangerschaft ausgesetzt war, dafür verantwortlich, dass ihre zwölfjährige Tochter geistig zurückgeblieben ist. Sie konnte das Kind aber nie von einem Facharzt untersuchen lassen.
„Quecksilber hat einen sehr starken Einfluss auf Sterblichkeit und Gesundheitszustand der Menschen“, sagt Nicholas Greenfield vom UN-Umweltprogramm. Er bedauert, dass die Provinz keinen Toxikologen bereitstellt, obwohl die Einwohner Paracales und zweier weiterer Bergbaustädte in Camarines Norte dem Quecksilber ausgesetzt seien.
Der Bergbau auf eigene Faust, bei dem Schächte und Tunnel in Berge, Ufer, Reisfelder und sogar private Hinterhöfe getrieben werden, ist nach philippinischen Gesetzen eigentlich gar nicht erlaubt. Dennoch verdienen rund 300.000 Menschen, unter ihnen Tausende Frauen und Kinder, auf diese Weise ihr Geld und steuern etwa 70 Prozent zur jährlichen Goldproduktion des Landes bei.
Die Philippinen gehören zu den 20 größten Goldförderländern der Erde. In den ersten drei Quartalen wurden nach Angaben der Bergbaubehörde des Landes fast 17 Tonnen gewonnen, derzeitiger Marktwert: rund 595 Millionen Euro.
In den Bergen von Paracale setzt sich der 26-jährige Vincent Austria eine Stirnlampe auf und bekreuzigt sich, bevor ihn ein Flaschenzug langsam in einen vier Meter tiefen Tunnel absenkt. Austria begann mit zehn Jahren in die Gruben einzufahren. Bei einem Unfall verlor er fast einen Zeigefinger, sein Vater und Lehrmeister wurde 2005 verschüttet und überlebte nur knapp.
„Bergbau ist eine Art Glücksspiel, manchmal hast du Glück und gewinnst den Jackpot, und manchmal siehst du dem Tod ins Auge“, sagt Austria, während er Gold wäscht. „Einmal konnten wir nach 24 Stunden Arbeit einen Kleinbus, ein Motordreirad und ein Motorrad kaufen. Wir haben auch eigene Häuser. Wenn du wirklich Glück hast, kannst du in nur einer halben Stunde mehr als ein Spitzenbeamter verdienen.“
Allerdings will Austria nicht, dass seine Kinder in seine Fußstapfen treten. „Sie müssen nicht diese Härten auf sich nehmen. Das ist meine Last. Sie müssen die Schule beenden, einen anderen Job finden und sich ihren Lebensunterhalt auf andere Art verdienen.“