“Aus dem Nichts“: Auf einem Rachefeldzug in Griechenland
Aus der NSU-Mordserie von 2000 bis 2006 wird in Fatih Akins „Aus dem Nichts“ ein Politthriller ohne Politik.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Die härtesten, in der Kraftkammer gestählten Gangster haben sich auf der Galerie eines Gefängnisses versammelt, um dem König zu applaudieren. Der Kurde Nuri (Numan Acar) stürmt in einem weißen Zuhälteranzug aus seiner Zelle, nimmt vielleicht auf dem Weg in die Freiheit die Huldigungen entgegen, aber es öffnet sich nur die Tür zum Besucherraum, wo Katja (Diane Kruger) und zwei Trauzeugen den Bräutigam erwarten. Statt der Ringe, die sich dem Ritus folgend tauschen lassen, zeigt das Brautpaar dem Standesbeamten die tätowierten Finger. Diese fulminante, mit großem Tempo und Steady-Cam-Kamera gefilmte Eröffnung, die keine Erklärung zu den Figuren liefert, würde sich auch in einem Film von Martin Scorsese gut machen, aber Fatih Akins „Aus dem Nichts“ ist ein deutscher Film und ist als solcher auch sofort identifizierbar. Wie auf einer Plakatwand werden Biografie und Läuterung der Personen nachgeliefert.
Nuri Sekerci wurde mit 50 Kilogramm Marihuana erwischt, die Haftstrafe hat er jedoch für ein BWL-Studium genutzt, während Katja ihr Germanistikstudium abgebrochen hat. Jahre später betreibt Nuri ein Übersetzungsbüro, das sich ein Nazipaar (Hanna Hilsdorf, Ulrich Bandhoff) als Ziel für einen Bombenanschlag ausgesucht hat. Katja sieht noch eine junge Frau ein Fahrrad vor dem Straßenlokal abstellen. Als sie wieder zurückkehrt, sind die Körper ihres Mannes und des gemeinsamen Sohnes Rocco von einer Nagelbombe zerfetzt.
Die Polizei ermittelt wegen Nuris Vorstrafen in der Richtung eines Bandenkrieges, Katjas Lebenslauf bietet weitere Lücken für Verdächtigungen, ihr Rechtfertigungsschrei „Ich war Mutter!“ lässt den Beamten allerdings verstummen. Ungeklärt bleibt die Frage, wie eine Familie in Hamburg mit einem Jahreseinkommen von 50.000 Euro auskommen kann. „Aus dem Nichts“ ist also kein Film für Bezieher der Mindestsicherung.
Den entscheidenden Hinweis zur Ergreifung der Täter bringt der von Ulrich Tukur gespielte Vater des Neonazis: Man sei sich zuletzt aus dem Weg gegangen. Als der Vorsitzende bei der Gerichtsverhandlung eine Erklärung für den abgebrochenen Kontakt verlangt, sagt der Vater, sein Sohn verehre Hitler. Mehr will der Film zu diesem Familiendrama und deutschem Dilemma nicht verraten. Da ist Katjas Fall als Nebenklägerin ohnehin längst verloren. Ein internationales Nazi-Netz verschafft den Mördern ein Alibi in Griechenland, der von Johannes Krisch diabolisch angelegte Verteidiger macht aus der trauernden Witwe wegen ihres Drogenkonsums eine fragwürdige Zeugin.
Fatih Akin hat seinen vordergründigen, der NSU-Mordserie von 2000 bis 2006 folgenden Polit- und Justizthriller in drei Kapitel – Familie, Gerechtigkeit, Am Meer – strukturiert. Doch der Film zielt nicht auf das fatale Versagen der Behörden, die Komplizenschaft von Ermittlern und Nazis ab, sondern setzt allein auf die Wut und die Rache Katjas. Es ist allein Diane Krugers Leistung, die in Cannes mit der Goldenen Palme belohnt wurde, die Katjas verzweifeltes Versinken ins Bodenlose erschreckend nachvollziehbar macht. Da ist „Aus dem Nichts“ aber schon nicht mehr weit entfernt von „Ein Mann sieht rot“, das als Remake mit Bruce Willis demnächst ins Kino kommt.