Bezirk Reutte

“Uni goes Reutte“: Wenn ein Computer-Nerd auf Provinzbanausen trifft

© Helmut Mittermayr

Leonhard Dobusch setzte in der Reihe „Uni goes Reutte“ in der Wirtschaftskammer auf das Mittel der Publikumsbeschimpfung.

Von Helmut Mittermayr

Reutte –Dass er in der Provinz gelandet war, konnte sich Univ.-Prof. Leonhard Dobusch in der Reuttener Wirtschaftskammer nicht verkneifen. Er habe Reutte erst auf der Karte suchen müssen, aber doch gefunden, Tirol sei ja nicht so groß. Und er kenne einen – einen – Reuttener. Überhaupt war er sich nicht sicher, ob das Vorzutragende im Saal verstanden werden würde, zeigte sich dann aber zuversichtlich, da in den letzten Reihen zwei Maturaklassen von HAK und HBLA vertreten waren. Die Jungen seien wohl imstande, ihm zu folgen, ließ er verlauten. Als Dobusch dann noch wissen wollte, ob irgendjemand im Raum schon einmal im Leben ein Video auf Facebook hochgeladen habe, gab er sich einerseits überrascht, dass dies fast alle (auch die Alten) schon getan hatten, und anderseits gab er einen Blick in seine Seele, dass er hier wohl seine Zeit vergeude. „Aber ich höre jetzt mit der Publikumsbeschimpfung auf“, meinte er trocken und verwies auch auf eine Nerd-Seite (Computerfreak, Sonderling), die er habe und an diesem Abend nur einmal kurz hervorkehren müsse. Später bezweifelte er auch, dass in dieser katholischen Ecke Tirols jemand schon je von Luther gehört haben könnte. Er könne den Anwesenden den Namen aber nicht vorenthalten, stehe er doch gemeinhin für Ideen- und Wissensverbreitung.

„Uni goes Reutte“ hatte wieder in die Wirtschaftskammer zur Veranstaltung geladen und Leonhard Dobusch, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Innsbruck, referierte über digitale Gemeinschaften und organisatorische Offenheit. Für den Oberösterreicher überwog in der Fluch-Segen-Debatte das Potenzial, das in digitaler Zukunft steckt, bei Weitem. Er hielt ein Plädoyer für digitale Offenheit, wie sie etwa das MIT, Massachusetts Institute of Technology, die Vorzeige-­Uni in Boston, schon lange vorlebe. Dort würden alle Inhalte geteilt – quasi das Gegenteil von Copyright. So könnten theoretisch alle in Harvard studieren, das Wissen stehe weltweit zur Verfügung. Dobusch empfahl den künftigen Betreibern einer HTL Reutte – sollte sie denn kommen – die gleiche Vorgangsweise. Das wäre ein unglaublich positives Alleinstellungsmerkmal für diese Schule.

Am Beispiel YouTube zeigte er, wie digitale Veränderung aussehen und allen Nutzen bringen könne. Hier handle es sich nicht nur um einen Videokanal, sondern auch um eine der meistgenutzten Suchmaschinen. YouTube trete etwa in direkte Konkurrenz zur Volkshochschule Reutte. Denn alles, was die VHS anbiete, könne auch über YouTube-Filmchen erlernt werden. Wer irgendeine technische Frage habe, werde auf YouTube sicher fündig. Auch wer lernen möchte, Gitarre zu spielen, finde 115.000 Einträge. „Die Volkshochschule kann also nicht mehr weitermachen wie früher, sonst wird niemand mehr hingehen. Aber sie kann notwendige Orientierung liefern, Feedback geben – und auf neue Wissensressourcen zugreifen. Dann wird die VHS besser sein als zuvor“, war sich Dobusch sicher.

„Wissen ist Macht, offenes Wissen eine Ermächtigung“, ging er erneut auf digitale Offenheit und die Frage, wie viel sich Unternehmen hier zutrauen könnten, ein. Wikipedia sei ein hervorragendes Beispiel für praktizierte Offenheit, und trotzdem müsse es auch hier Grenzen, etwa gegen Trolle, geben. Gerade diese emotionalen Provokateure würden dafür sorgen, dass der Frauenanteil unter den Autoren bei Wikipedia nur etwas mehr als zehn Prozent ausmache. Frauen würden sich diese Sticheleien nicht antun wollen. Es habe sich also nichts geändert gegenüber historischen Zeiten, in denen nur Männer Wissen weitergeben konnten.

Nervig fand Dobusch abschließend die dauernd störenden Hinweise via Pop-ups auf den Gebrauch von Cookies. Das stehle nur Lebenszeit. Aber ob das wieder alle im Saal verstanden hatten ...

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