Von der Konsistenz der Wörter im Krieg: Abonjis „Schildkrötensoldat“
Wien (APA) - Seit dem Erscheinen ihres hochgelobten Romans „Tauben fliegen auf“, der sowohl mit dem Deutschen als auch mit dem Schweizer Buc...
Wien (APA) - Seit dem Erscheinen ihres hochgelobten Romans „Tauben fliegen auf“, der sowohl mit dem Deutschen als auch mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, sind sieben Jahre vergangen. Nun meldet sich Melinda Nadj Abonji mit „Schildkrötensoldat“ zurück - einer poetischen Reise in die Trümmer des Jugoslawienkriegs, vor dessen Hintergrund sie das Schicksal eines einfachen jungen Mannes auffächert.
Es ist aber nicht die Geschichte an sich, die die aus Serbien stammende und als Kind in die Schweiz übersiedelte 49-jährige Autorin in den Mittelpunkt rückt: Dort hat sich vielmehr Zoltan Kertesz eingenistet, um dessen kurzes Leben sich diese atemlose, liebevolle und von Melancholie getragene Geschichte dreht, eingerahmt von der Reise der Ich-Erzählerin zurück in die alte Heimat, die es zu diesem Zeitpunkt Anfang der 1990er-Jahre eigentlich schon nicht mehr gibt.
Als in die Schweiz ausgewanderte Lehrerin hat sie das geschafft, was ihrem Cousin Zoltan (Zoli) verwehrt blieb: Sie hat etwas aus ihrem Leben gemacht. In seiner serbischen Heimat scheitert Zoltan unterdessen als matte Projektionsfläche seiner tobsüchtigen Eltern, leidet unter den Folgen eines Motorradunfalls und als Gewaltopfer seines Lehrherren. Dabei ist Zoltan der „König aller Kreuzworträtsel“, wie er selbst in jenen Kapiteln erzählt, denen Abonji einen ganz eigenen Ton verliehen hat.
„G-L-Ü-C-K-S-L-A-U-N-E“ oder „M-U-T-T-E-R-T-R-A-U-M“ sind sie benannt, diese unablässig fließenden Gedankenströme, in denen Zoltan stets in kindlichem Optimismus von seinen Erlebnissen erzählt, die Wörter auf ihre Konsistenz abklopft und versucht, die Welt zwischen Schläfenflattern und epileptischen Anfällen für sich zu verstehen. Zunehmend düster wie hilflos werden seine Aufzeichnungen, als er für die Jugoslawische Volksarmee zwangsverpflichtet wird. Er wird zum „Schildkrötensoldat“, der mit eingezogenem Kopf seinen brüllenden Vorgesetzten gegenüber steht. Bald wird ihm klar: „aber ja, das wissen Sie bestimmt, in der Armee, vor allem in der Armee, gibt es Sätze, die fangen irgendwo an und hören woanders auf, und zwischen den Wörtern gibt es keine einzige Verschnaufpause“.
Auch wenn Zoltan kein Opfer des Krieges wird, sterben muss er dennoch. Dieser Umstand bringt die an Xanax knabbernde Erzählerin schließlich dazu, sich per Zug und Bus auf den Weg in ihre alte Heimat zu machen, um das Leben und Sterben ihres geliebten Cousins zu verstehen. Dass ihr das nicht vollumfassend gelingen wird, liegt auf der Hand. Dennoch folgt man ihr gerne auf diesem Weg, der sie auch ein Stück sich selbst näher bringen wird.
(S E R V I C E - Melinda Nadj Abonji: „Schildkrötensoldat“, Suhrkamp Verlag, 174 Seiten, 17,20 Euro. Lesungen am 18. Jänner, 19 Uhr in der Alten Schmiede in Wien und am 19. Jänner, 19.30 Uhr in Salzburg.)