“Rausch des Schreibens“: Intensität als Ideal
Die Ausstellung „Im Rausch des Schreibens“ in der Österreichischen Nationalbibliothek widmet sich einer hochprozentigen Konstante der heimischen Literatur.
Wien –Rausch ist zunächst einmal eine Zustandsbeschreibung. Und gemeint ist damit ein Zustand, der sich vom Hundsgewöhnlichen, vom allzu Alltäglichen unterscheidet. Ein Zustand also, in dem man gar nicht mehr weiß, wo und ob man überhaupt noch steht. Im Grunde ist der Rausch folglich ein Nichtzustand, ein Aufgehen im Moment. Vielen Autorinnen und Autoren war und ist der Schreibrausch ein Ideal. Das, was es zu erreichen gilt: den Moment, in dem Wörter und Gedanken sich widerstandslos fügen, den Moment, in dem alles Zweifeln schwindet – und alles läuft. Danach – nach dieser Intensität der Erfahrung – kann man süchtig werden. Und bisweilen halfen und helfen Schreibende in der Sorge um den nächsten Schreibrausch nach: trinken, rauchen, pfeifen sich weiß Gott was alles rein. Auch in diesem Fall drohen Sucht und Selbstaufgabe. Zugegeben: Das Bild des selbstzerstörerischen Dichters ist ein Stück weit Klischee. Trotzdem: Dass es da einen Zusammenhang gibt zwischen Literatur und Rausch lässt sich nicht leugnen. Historische und bisweilen auch aktuelle Beispiele dafür sind Legion. Mit Blick auf die heimische Literatur – die notorischen Saufköpfen manches Meisterwerk verdankt – leistet das Literaturmuseum in der Österreichischen Nationalbibliothek dieser Tage also Grundlagenarbeit. Klopft Klischees auf das ab, worum es wirklich geht. Am eindrücklichsten vielleicht am Beispiel von Ingeborg Bachmann, die von ihrer „existenziellen Trunkenheit“ sprach – und damit eben auch meinte, dass es hinter der Norm und dem Begreifbaren noch etwas anderes, mindestens genauso Bedeutendes gibt, das es schreibend zu ergründen gilt.
„Im Rausch des Schreibens“ heißt die Sonderschau – und sie nähert sich dem Phänomen auf vielfältigste Weise: erinnert an Tragödien, an die Frühverglühten von Trakl bis Falco, an Entdeckergeist (als Walter Benjamin zum Beispiel nach morgendlicher „Steppenwolf“-Lektüre den Haschisch-Selbstversuch wagte), Sprach- und Stimulanzien-Exzess (etwa bei Werner Schwab) – und an alles was dazwischen liegt.
Aufschlussreich – und ungemein stimulierend, rein intellektuell versteht sich, ist auch der von Katharina Manojlovic und Kerstin Putz herausgegebene Katalog zur Ausstellung, der es versteht, das Gesehene auf äußerst geistreiche Art zu vertiefen. Durchwegs kluge wenn auch durchaus komplexe Aufsätze gehen dem berauschten Schreiben auf den Grund. Dort liegt bisweilen Skurriles: Robert Musils akribisch geführtes Zigaretten-Tagebuch, das seinen Zweck („Arbeite statt zu rauchen“) verfehlte.
Mitunter nehmen Schau und Katalog die Gefahren des Sich-gehen-Lassens vielleicht ein bisschen zu leicht. Doch damit lässt sich widerspruchslos leben, denn eines steht zweifelsfrei fest: Ohne Risiko ist noch nichts entstanden, das Beständigkeit behaupten darf. Und ohne Rausch schon gar nicht. (jole)
Monografie Katharina Manojlovic/Kerstin Putz (Hrsg.): Im Rausch des Schreibens. Von Musil bis Bachmann. Verlag Paul Zsolnay, 384 Seiten, 27.80 Euro. Im Rausch des Schreibens. Noch bis 11. Februar im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek.