Gute Geschichte: „Mutter ist nun ein Engel in einer anderen Wirklichkeit“
Seelsorger Christian Sint erzählt von einer berührenden Begegnung mit der achtjährigen Carolina. Eine Geschichte von Trauer und Mut.
Innsbruck –Als Seelsorger im Hospiz erlebt Christian Sint immer wieder bewegende Geschichten. Eine handelt von Carolina: Auf unserer Hospiz-Palliativstation ist eine junge Mutter verstorben, erzählt Christian Sint. Als die Familie mit drei Kindern kam, um sich von der Mutter zu verabschieden, wusste ich selbst nicht, was ich sagen, was ich beten sollte. Weitergeholfen hat mir dann Carolina, die achtjährige jüngste Tochter. Carolina wollte zunächst nicht an das Bett ihrer verstorbenen Mutter. Was machte sie? Sie malte auf einem weißen Blatt Papier zunächst einen blauen Himmel. Dann den Körper ihrer Mutter mit großen Ohren und einem runden, lachenden Mund. Die Mutter hat ihre Hände weit ausgestreckt. Und dann – was mich am meisten beeindruckte – mit gelber Farbe hatte sie ihrer Mutter an beiden Seiten unter den Armen Flügel gemalt. Die Mutter glich – nein – sie war nun ein Engel, lachend und um ihren Kopf ein gelber Schein.
Carolina hat mir und ich glaub’ auch den umstehenden Erwachsenen in dieser schweren, bedrückenden Situation eine Tür aufgetan. Mit ihrer Zeichnung sagte sie uns: „Meine Mutter ist nun ein Engel. Sie lebt schon in einer anderen Wirklichkeit.“ Religiöse Menschen würden sagen: Sie ist bei Gott und bei allen, die schon gestorben sind.
Ich persönlich bin bei den gelben Flügeln hängen geblieben. Denn was Carolina für ihre Mutter malte, gilt nicht nur an der Grenze des Todes. Es gilt auch an den vielen Grenzen unseres Lebens: Es wachsen uns manchmal Flügel. Flügel, die uns weitertragen. Der Abschied von einem nahen lieben Menschen ist auch so eine Grenze. Trauernde Menschen erzählen mir oft, was sie durchmachen, dass sie einfach nicht weiterkommen. Sie erzählen aber auch, wie sie – den Schmerz durchgehend – langsam wieder aufrecht gehen und sich dem Leben zuwenden. Es gibt Kräfte über uns, in uns, die uns dazu verhelfen. Wir dürfen vertrauen, dass unser Leben – auch wenn es drunter und drüber geht – letztlich in einer guten Hand geborgen ist. Und wir dürfen vertrauen, dass uns hin und wieder Flügel wachsen. Flügel, die uns weitertragen. Danke, Carolina, für dein ermutigendes Bild. (TT)