Nur die Erinnerungen sind sonnig
Theodora Bauer verzaubert auch in ihrem zweiten Roman „Chikago“ mit einer besonderen Familiengeschichte.
Von Brigitte Warenski
Innsbruck – Dass es im burgenländischen Kittsee eine Siedlung namens „Chikago“ mit „k“ gibt, hat Theodora Bauer per Zufall entdeckt und daraus ihren zweiten Roman mit dem gleichnamigen Titel entwickelt. Wie schon in ihrem aufsehenerregenden Debüt „Das Fell der Tante Meri“ erzählt die Wiener Autorin eine wunderbar aufrührende und historisch aufwändig recherchierte Familien-, Generationen- und Auswanderungsgeschichte. Wiederum sind es drei Protagonisten, die diesmal von den 20er-Jahren bis zum aufkeimenden Nationalsozialismus von einem besseren Leben träumen. Feri und Katica leben im neuen ungarisch-österreichischen Grenzgebiet, wo Armut und Hoffnungslosigkeit den Alltag bestimmen. Weil das Paar hier keine Zukunft sieht, bereitet es seine Auswanderung nach Amerika vor. Bedingt durch einen tragischen Todesfall müssen sie aber gemeinsam mit Katicas älterer Schwester Anica übereilt nach Chicago mit „c“ fliehen. Doch das Leben meint es mit den dreien auch in den Goldenen Zwanzigerjahren nicht gut. Der „American Dream“ zerplatzt, bevor er begonnen hat, schnell müssen sie erkennen, dass in der Neuen Welt Immigranten einen harten Überlebenskampf führen, gesellschaftlich isoliert bleiben und in den Städten die Kluft zwischen Arm und Reich unüberwindbar ist.
Und das Unglück nimmt seinen Lauf: Katica stirbt bei der Geburt ihres Sohnes Josip, Feri wird zum Alkoholiker und Kleinkriminellen und wird erschossen. Anica muss nun für den kleinen Josip sorgen, der einen folgenschweren Fehler begeht. Dieser zwingt die beiden zur Rückkehr ins Burgenland, wo Josip in die Fänge eines Nationalsozialisten gerät.
Liebevoll zeichnet Bauer die Figuren einer verlorenen Generation, denen das Leben kaum Luft zum Atmen lässt. Kleine Lichtblicke erlaubt die Autorin dennoch. Sie zeigen, wie stark der Überlebenswille der Menschen ist und wie weit Sehnsüchte zu tragen vermögen. Was sich im Hier und Jetzt als unbeschreiblich traurig und sinnlos ausmacht, erscheint im Rückblick als Erinnerung dennoch sonnig: „Sogar die Dürre im Winter, alles schön in seiner Erinnerung und poliert wie farbiges Glas.“ Bauers Gespür für Geschichten ist einzigartig, genauso wie ihre sprachliche Virtuosität. Sie spielt mit starken Bildern, bedient sich in Passagen des Umgangssprachlichen, das Nähe bringt, und schafft Dramatik mit wechselnder Ich-Perspektive. Auch wenn Bauers „Chikago“ in der Vergangenheit spielt und an das Schicksal der Tausenden Burgenländer erinnert, die nach dem 1. Weltkrieg emigriert sind, hat die Geschichte durch und durch mit dem Heute zu tun hat.
Der Verlust der Identität und die Suche nach einer neuen Heimat in der Fremde: Millionen Menschen, die vor Krieg, Verfolgung oder den Auswirkungen des Klimawandels fliehen müssen. „Vielleicht ist dieser immer gleich entfernte Nebel genau der Zustand gewesen, das Gefängnis, in dem sie sich jetzt befunden haben – ein andauerndes Ankommen, eine Reise ohne Ende, ein einziges großes, verschwimmendes Dazwischen“, denkt sich Feri. Bauers Protagonisten durchleben stellvertretend für die Migranten von heute, wie es sich anfühlt, dieses Leben zwischen den Welten.
Roman Theodora Bauer: Chikago.Picus Verlag, 255 Seiten, 22 Euro.