Tiere

Bitte ein „Biss“-chen Ruhe bewahren

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Ein einsamer Weg, ein knurrender Hund und keine Spur vom Besitzer. Die TT hat drei Experten gefragt, ob man Pfefferspray braucht, um sich vor aggressiven Hunden zu schützen.

Von Judith Sam

Innsbruck –750.000 Hunde leben in Österreichs Haushalten – viele von ihnen als nahezu vollwertiges Familienmitglied. Nur leider versteht so mancher Hund seine Rolle falsch und beschützt seine Familie zu verbissen. Im wahrsten Sinn des Wortes.

„Man kann nicht genau sagen, wie viele Hundebisse in Tirol angezeigt werden, weil sie als fahrlässige Körperverletzung neben anderen Vergehen in die Statistik aufgenommen werden“, weiß Christian Viehweider, Pressesprecher der Landespolizeidirektion Tirol.

Was Zahlen anbelangt, wird man bei der Österreichischen Post AG fündig. „Pro Jahr erleiden 30 bis 45 unserer Briefträger Hundebisse“, sagt Michael Homola, Pressesprecher der Post. Kein Wunder, dass es Gärten in Österreich gibt, die unter Postboten als Gefahrenzone verschrien sind.

Die Zahl klingt im ersten Moment drastisch.„Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder Gebissene tut mir leid. Aber in Relation zu den 10.000 Paketzustellern, die täglich in Österreich unterwegs sind, sind rund 40 Bisse jährlich wenig“, relativiert Homola.

Trotzdem bietet die Post Broschüren und Schulungen für ihre Mitarbeiter an, in denen sie die klassischen Verhaltensregeln lernen: Versuchen Sie, das Tier nicht zu beachten. Bleiben Sie ruhig.

Leichter gesagt als getan, wenn da so ein knurrender Schäferhund wenige Meter entfernt steht.

„Statistisch sind jedoch nicht Postboten – dem Klischee zum Trotz –, sondern Jogger und Radfahrer am gefährdetsten“, sagt Katja Wolf vom Österreichischen Kynologenverband.

Ihnen rät sie, an die Vernunft der Hundebesitzer zu appellieren: „Bewegte Objekte sind für Hunde spannend. Dem Sportler ist es allerdings egal, ob das Tier auf ihn zurast, weil es spielen, ihn begrüßen oder doch skeptisch verfolgen will. Darum sollte man dem Halter sagen, dass man sich unwohl fühlt, und ihn bitten, den Hund anzuleinen.“

Darauf könnte schon mal ein flapsiger Spruch folgen – aber damit muss man laut Wolf leben: „Es ist Zeichen des Respekts sowie der Wertschätzung, sich beim Spazierengehen auf seinen Hund zu konzentrieren, statt etwa am Smartphone zu spielen und den Hund unbeachtet laufen zu lassen.“

Schön und gut. Doch wie reagiert man, wenn man einem aggressiven Hund begegnet und sein Besitzer nicht zu sehen ist? In diesem Fall doziert auch Wolf die Ratschläge der Post-Schulung: „Schauen Sie dem Hund nicht in die Augen. Das versteht er als Provokation. Stehen Sie lieber seitlich zu ihm und beobachten ihn aus den Augenwinkeln.“ Auch vom Weglaufen rät sie ab: „ Der Hund ist immer schneller. Suggerieren Sie dem Tier lieber: Es ist mir sowas von egal, dass du da stehst.“

Natürlich sei das schwierig – besonders, weil man schwitzt, wenn man Angst hat – was der Hund wiederum riecht und dadurch selbstsicherer wird.

Grund genug für so manchen, sich wappnen zu wollen für den Fall, dass doch einmal eine Situation eskaliert. Dazu sei Pfefferspray ein legitimes Mittel, so Viehweider: „Den darf man bei sich tragen, wenn man das 18. Lebensjahr vollendet und kein Waffenverbot auferlegt hat.“

Wirklich empfehlenswert sei der Einsatz des scharfen Sprühnebels allerdings nicht: „Man muss zu viele Aspekte beachten, um ihn in einer Notsituation als Laie effizient anwenden zu können. Weht der Wind etwa von mir weg? Ansonsten sind die Chancen hoch, dass man sich mit dem Spray selbst einnebelt.“

Hinzu komme, dass viele Hunde auf Schmerzen – die Pfefferspray vor allem in deren Augen und an der Schnauze auslöst – mit noch mehr Aggression kontern. „Dasselbe gilt für den Einsatz eines Stocks als improvisierter Waffe“, ergänzt Viehweider.

Damit nicht genug: Wer Pfefferspray leichtfertigt einsetzt, muss laut dem Polizisten möglicherweise mit rechtlichen Konsequenzen rechnen: „Das Tierschutzgesetz besagt, dass es verboten ist, Tieren ungerechtfertigt Schmerzen zuzufügen. Wehrt man sich mit Pfefferspray gegen einen vermeintlichen Angriff und der Hundebesitzer sagt später, dass der Hund keine Gefahr dargestellt hat, muss im Einzelfall entschieden werden, wem Recht zugesprochen wird.“

Andererseits hat der Halter dafür zu sorgen, dass der Hund die Gesundheit von Menschen nicht gefährdet oder sie nicht über das zumutbare Maß hinaus belästigt.

Wer mit all diesen Tipps nichts anfangen kann, dem rät Homola, einen Postboten-Trick zu übernehmen: „Wir haben eine Kooperation mit der Firma Fressnapf, die uns jährlich zehn Tonnen Leckerlis zur Verfügung stellt.“ Die können die Briefträger während der Arbeit verteilen – ob zur Bestechung oder Belohnung der Hunde.