Der Gefangene, der auf seine Erlösung hofft
David Lowerys „A Ghost Story“ spielt mit den Konventionen des Gruselkinos und verzichtet auf alle Schockeffekte.
Innsbruck –Als Kino und Jahrmarkt noch nicht so weit voneinander entfernt waren, genügte ein Leintuch über einem Körper und fertig war das Grauen. Sicher, für den Film war eine Doppelbelichtung notwendig, um der Illusion der Geistererscheinung gerecht zu werden. Aber kaum hatten Auge und Gehirn den Bogen raus, genügten ein „Huhuhuu“ und ein Fetzen Stoff, um die Idee des Horrors zu demonstrieren. Also, was soll der ganze Hokuspokus mit flirrenden Schatten, schwirrenden Möbeln und wabernden Soundeffekten? Nichts davon gibt es in David Lowerys Film „A Ghost Story“, der zudem im Academy-Format der Stummfilmzeit daherkommt.
Vom Haus, das C (Casey Affleck) und M (Rooney Mara) bewohnen, blättert die Farbe, nächtens stören Geräusche den Schlaf. Das ist das Signal zur Veränderung. Ein Autounfall macht weitere Überlegungen überflüssig. M muss im Leichenschauhaus den Toten identifizieren. Weil es keinen Zweifel gibt, schiebt sie das Leintuch über die Leiche und verlässt den Raum. Der Kameramann behält die Nerven und nach einigen Minuten erhebt sich das Leintuch. C steigt von der Bahre, wie eine stolze Braut zieht er eine Schleppe hinter sich her. Als Gespenst wird er zum Gefangenen des Hauses. Die reduzierte Existenz lässt kaum Spielraum, sich bemerkbar zu machen. Andererseits ist es kein Zufall, wenn ein Buch aus dem Regal und auf den Boden fällt, um über die aufgeschlagene Seite eine Botschaft zu senden. Aber M wirft das Buch in einen Umzugskarton. Neue Mieter beziehen das Haus. Nach einer allein erziehenden Mutter mit zwei Kindern beschleunigt eine Wohngemeinschaft die Verwahrlosung des Hauses, die auch auf dem zunehmend verschmutzten Leintuch abzulesen ist. Menschen verschwinden, selbst kleine Ablenkungen wie eine Zeitreise in die Ära der ersten Siedler enden in Katastrophen.
David Lowerys „A Ghost Story“ ist der ungewöhnlichste Film des Jahres, dessen Zustandekommen sich der Mitwirkung der Stars Casey Affleck (Oscar für „Manchester by the Sea“) und Rooney Mara („Carol“) verdankt, obwohl beide nur etwa zehn Minuten lang zu sehen sind. Lowery spielt mit den Konventionen des Geisterfilms und pfeift zugleich auf die Regeln des Horrorkinos. Trotzdem passiert irgendwann das Wunder, wenn wir auf die Erlösung des Geistes hoffen, obwohl nur ein Stück Stoff zu sehen ist. (p. a.)