“Die Macht der Bilder“: Geschichte im Auge haben
Die heimische Fernseh-Historie vereint in einem Schmöker: „Die Macht der Bilder“ reist von den schwarz-weißen Anfängen bis zur zukunftsorientierten Gegenwart des „Büldlradios“.
Von Christiane Fasching
Innsbruck –Die Geburtsstunde des Österreichischen Rundfunks war ein Minderheitenprogramm. Gerade einmal 516 Fernsehgeräte gab es im Land der Berge, als am 1. August 1955 um 17 Uhr der Stephansdom auf dem „Büldlradio“ auftauchte und ein „Versuchsprogramm“ gestartet wurde, das nach rund einer Stunde auch schon wieder vorbei war. Begrüßt wurde die überschaubare Zuseherschaft von Fernsehsprecherin Franziska Kalmar, die als erste Amtshandlung eine Konzertaufzeichnung der Wiener Philharmoniker ankündigte, um im Anschluss auf eine Live-Diskussion hinzuweisen, die ein brisantes Thema anpackte. „Wird das Fernsehen der Presse schaden?“, fragte sich eine Chefredakteurs-Runde im zum Fernsehstudio umfunktionierten Klassenzimmer einer Meidlinger Schule. Auf einen grünen Zweig kam man damals allerdings nicht – was wohl auch daran lag, dass man das blutjunge Medium dereinst nicht ganz für voll nahm.
Eine Fehleinschätzung. Fünf Jahre später schauten bereits knapp 90.000 Österreicher ins Narrenkastl – wenn nicht ins eigene, dann in jenes vom Nachbarn oder vom Dorfgasthaus. Das „Patschenkino“, das 1967 schon in einer Million Haushalte seinen fixen Platz im Wohnzimmer gefunden hatte, avancierte zusehends zum nationalen Lagerfeuer. Und zum Spielball der Politik, wie der von Historiker Oliver Rathkolb und ORF-Zeitgeschichte-Leiter Andreas Novak herausgegebene Band „Die Macht der Bilder“ erzählt, an dem ORF-Mitarbeiter aus allen Abteilungen mitgearbeitet haben. 50 Jahre nach der Rundfunkreform von 1967 zeichnet der wuchtige, von mehr als 1800 Bildern illustrierte Wälzer die Geschichte des österreichischen Fernsehens nach, das bald nach erwähntem „Versuchsprogramm“ die Mächtigen in Versuchung führte. SPÖ und ÖVP teilten sich den ORF nach einem Proporzsystem auf, gesendet wurde, was der Großkoalition recht und billig war, kritische Fragen zählten nicht dazu. „In den Fünfziger- und Sechzigerjahren war es durchaus üblich, dass ein Minister interviewt wurde, und das Gespräch damit begonnen hat, dass sein Sekretär dem Interviewer gesagt hat: ,Das sind die Fragen, die heute zur Diskussion stehen‘“, wird Helmut Zilk zitiert, dessen damalige Live-Sendung „Stadtgespräche“ bei Politikern Skepsis auslöste – Kontrolle war hier ja schwer möglich.
Dieser Interventionspolitik ein Ende setzen sollte das von Kurier-Chefredakteur Hugo Portisch initiierte und von 52 Zeitungen unterstützte Rundfunkvolksbegehren, das anno 1964 mehr als 830.000 Befürworter fand. Und das, obwohl weder das Fernsehen noch das Radio davon berichtete und auch so mancher Bürgermeister den Aushang lieber in den Müllkübel warf, als ihn in den Gemeindeämtern aufzulegen. Am 1. Jänner 1967 trat schließlich das neue Rundfunkgesetz in Kraft und Gerd Bacher seine – mit Unterbrechungen – 20 Jahre dauernde Amtszeit als ORF-Generalintendant an. Das Erscheinungsbild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks änderte sich mit dem „Tiger“ gewaltig: Ein Korrespondentennetz öffnete den Blick nach außen, Unterhaltungsshows wie „Wünsch’ dir was“ entertainten die Masse, mit „Ohne Maulkorb“ gab’s ein eigenes Jugendformat, das „Betthupferl“ markierte landesweit die Schlafenszeit für den Nachwuchs. Aufreger wie „Die Alpensaga“ oder „Ein echter Wiener geht nicht unter“ fesselten und spalteten die Nation, die beim „Club 2“ obendrein das Streiten und noch vieles andere – man denke nur an Nina Hagens legendären „Aufklärungsunterricht“ – lernte.
Vom politischen Gängelband kam der ORF trotz der gesetzlich verbrieften Unabhängigkeit aber nie ganz los. Bis heute ist der 35-köpfige Stiftungsrat, der unter anderem den Generaldirektor bestellt und das Budget genehmigt, in politische Freundeskreise aufgeteilt. Bis heute versucht die Politik Einfluss auf das größte Medienunternehmen des Landes zu nehmen, das aktuell auf einen Umbruch zusteuert. 2018 soll ein neues ORF-Gesetz die Weichen für die Zukunft stellen – über die Inhalte soll im Frühjahr bei einer Enquete diskutiert werden.
Zur Diskussion dürften dabei auch die Rundfunkgebühren stehen, für deren Abschaffung sich zuletzt FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger gegenüber der TT starkmachte. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz plädiert in „Die Macht der Bilder“ – sozusagen als groß angelegtes Schlusswort – indes für eine geräteunabhängige Haushaltsabgabe, wie sie etwa in Deutschland eingehoben wird. Allerdings nur unter der Prämisse, dass Privatsender und Zeitungen dann nicht an dieser mitnaschen dürften. Machtverlust will sich das „Büldlradio“ nicht leisten.