„Menschenwerk von Han Kang“: Von der Kunst, dem Grauen zu begegnen
In ihrem Roman „Menschenwerk“ erzählt die Südkoreanerin Han Kang von Widerstand, unermesslichem Leid und der Kraft der Seele.
Innsbruck – Ist es möglich, für Folter und Tod, zerstörte Körper und die vernichteten Leben jener, die „überlebt“ haben, eine poetische Sprache zu finden? Han Kang, der südkoreanischen Autorin, die mit ihrem mit dem Man Booker International Prize 2016 ausgezeichneten Roman „Die Vegetarierin“ großes Aufsehen erregte, gelingt das in ihrem neuen Buch auf beeindruckende und schmerzhafte Weise.
In „Menschenwerk“, erschienen im Berliner Aufbau-Verlag, errichtet sie den Opfern des Massakers von Gwangju, der Stadt, in der sie 1970 geboren wurde, ein Denkmal aus zarten Wortbildern und empfindsamen Sprachfiguren. Die kurze demokratische Phase, die Südkorea nach dem Tod des Langzeitpräsidenten Park Chung-hee erlebte, wird durch einen Militärputsch zunichte gemacht. Im Mai 1980 kommt es im Zuge friedlicher Studentenproteste, denen sich große Teile der Stadtbevölkerung und der umliegenden Region anschließen, zur unbeschreiblich gewalttätigen Zerschlagung der Aufstände seitens der neuen Machthaber.
Han Kang umkreist das Massaker und dessen Folgen mittels sechs kunstvoll ineinander verflochtener Erzählstränge, deren jeder dem Blickwinkel einer Person auf das blutige Geschehen gewidmet ist. Ihre zentralen Fragestellungen legt sie einem ihrer Protagonisten in den Mund: „Ist es die Bestimmung des Menschen, erniedrigt, verletzt, getötet zu werden, wie es die Geschichte immer wieder belegt?“ und „Ist der Mensch von Natur aus grausam?“. Dieser Überlebende, gepeinigt von Folter und die Würde des Menschen mit Kalkül zerstörenden Haftbedingungen, wird in den „Trümmern seines Körpers“ den Verhörraum mittragen, wird wie seine Leidensgenossen mit Alkohol und Tabletten die Geister der Vergangenheit zu bekämpfen versuchen. Die lange Zeitspanne von dreißig Jahren bringt die inzwischen gebrechliche Mutter nicht davon ab, noch immer ihren getöteten Sohn Dong-Ho in zufälligen Begegnungen am Markt vermeintlich wiederzuentdecken. Dong-Hos ebenso gefallenen FreundJeong-Dae stellt Han Kang den Lesern als Seele vor: Diese, eine luftiger Zeugin, erhebt sich aus den stinkenden Bergen kreuzförmig übereinandergestapelter Leichen, berichtet von Verwesung und Fäulnis, zugleich beschreibt sie aber in zarten Tönen das Mondlicht, das „Schatten wie Tätowierungen“ auf die Gesichter der Toten malt und das Vogelgezwitscher des frühen Morgens. Der Schriftstellerin, die im Epilog eigene Berührungspunkte mit dem Massaker von Gwangju reflektiert, gelingt mit „Menschenwerk“ ein unbedingt zu empfehlendes, erschütterndes Buch der Hoffnung.
Han Kang: Menschenwerk. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau Verlag, 224 Seiten, 20.60 Euro.