Vom „Frost“ zum „Tau“: Der Debütroman des Salzburgers Thomas Mulitzer

Wien (APA) - Es sind große Fußstapfen, in die Thomas Mulitzer mit seinem Debütroman tritt. „Ein junger Mann nimmt den Auftrag an, den Spuren...

Wien (APA) - Es sind große Fußstapfen, in die Thomas Mulitzer mit seinem Debütroman tritt. „Ein junger Mann nimmt den Auftrag an, den Spuren des verstorbenen Autors Thomas Bernhard nachzugehen. Er reist in das Gebirgsdorf Weng und quartiert sich im Gasthaus seiner Großeltern ein, Schauplatz des skandalträchtigen Anti-Heimatromans ‚Frost‘“, wird das Buch beworben, das einen beziehungsreichen Titel hat: „Tau“.

Mulitzer, Jahrgang 1988 und als Texter, Lektor und Musiker in Salzburg lebend, stammt tatsächlich aus dem Innergebirg, dem schroffen und gebirgigen Teil Salzburgs, und so ist seine Spurensuche eine zweifache: eine Konfrontation mit der eigenen Herkunft und eine Nachschau, welche Erinnerungen an Thomas Bernhard haften geblieben sind. Dabei dient dessen 1963 erschienener Romanerstling „Frost“, in dem ein Medizinstudent nach Weng geschickt wird, um den Kunstmaler Strauch zu beobachten, als Folie und Vorbild - bis hin zu der in 27 Tage gegliederten Struktur des Buches.

Statt mit herzerwärmendem Tauwetter beginnt Mulitzers Buch jedoch pickelhart. Mit dick aufgetragenen Metaphern, plumpen Anspielungen und gewagten Vergleichen, von denen man sich erst einmal erholen muss. „Jede Seite dampft vor Schweiß, jeder Satz ist fleischgewordenes Talent, und die Spur des Rotstifts gleicht den Spritzern frischen Babybluts“, heißt es sofort. Da drohte in der Tat ein Blutbad, bei Sätzen wie „Ich hatte das Buch dabei, und als ich es aus dem Rucksack nahm, kroch ein Frösteln über meinen Rücken“, oder „Im Cafe war es schwül wie in einem Schweinebauch.“

Durch so eine Kraftmeierei muss man durch, will man versuchen, diesem literarischen Abenteuer auf den Grund zu gehen. Mulitzer lässt seinen Protagonisten bei dessen verwitwetem, fast 90-jährigem Großvater Quartier nehmen. Dieser ist auf den einst zugereisten Dichterling, der seiner Frau dauernd schöne Augen machte und später so hässlich über das Dorf und seine Bewohner schrieb, gar nicht gut zu sprechen. Wenn er denn überhaupt über ihn spricht. Die Tage vergehen mit Rückblenden in die eigene Kindheit, an die ersten sexuellen Abenteuer, und in die regionale Geschichte. 1944 hatte das Dorf Deserteure auf den Almen versteckt und wurde in einer brutalen Kommandoaktion von SS und Gestapo dafür bestraft. Viele Dorfbewohner wurden dabei gefoltert, verschleppt oder getötet.

Mulitzer fasst das einstige Geschehen nüchtern auf wenigen Seiten zusammen. Daran wird man noch oft denken, wenn er später ausufernd und detailreich den Thomas Bernhard betreffenden Kultur- und Kongress-Tourismus, der sich in Goldegg etabliert hat, aufs Korn nimmt. Seine Literaturbetriebssatire stattet er mit grell ausgemalten Figuren aus, bornierten Schauspielern, großkotzigen Autoren, wichtigtuerischen Wissenschaftern, gönnerhaften Honoratioren und schwärmerischen Groupies, und garniert sie mit reichlich Sex. Die Botschaft ist deutlich: Der Ort, der sich einst vom jungen Autor boshaft verzerrt dargestellt fühlte („Das sind doch alles Lügengeschichten von einem psychisch Beeinträchtigten“), rächt sich an dem später berühmt Gewordenen durch Ausschlachtung und Huldigung. Das Podest ist für Thomas Bernhard die größere Strafe als der Pranger.

Am stärksten ist Mulitzer, wenn er das angeberische literarische Muskelspiel sein lässt („Meine Blasphemie ist nichts als Masturbation. Frost ist nichts als der Tau von morgen.“), wenn er seine eigene Lautstärke reduziert und seinen Figuren zuhört. Dann verpufft die künstliche Wut und eröffnet einen Raum, in dem sich beobachten und beschreiben lässt. Dann kann man auch wieder sich selbst wahrnehmen. „Ich musste es akzeptieren: Ich war Wenger, Gebirgler mit Haut und Haar. Ob ich wollte oder nicht“, heißt es am sechsundzwanzigsten Tag. Diese Erkenntnis ist erschreckend genug. „Jetzt tischte die Kellnerin Würstel auf. Die Trachtler langten gierig zu. In ihren Mündern vermengten sich Bier und Fleisch zu Brei. Ich ekelte mich ein wenig, aber ich fühlte mich daheim.“

(S E R V I C E - Thomas Mulitzer: „Tau“, Kremayr & Scheriau, 288 Seiten, 22,90 Euro)