Nicaragua: Sehnsuchtsort der Linken nun wirtschaftsliberal regiert
Managua (APA) - Einst war Nicaragua der Sehnsuchtsort der Internationalen Linken, doch innerhalb von vier Jahrzehnten hat ihr Idol, Daniel O...
Managua (APA) - Einst war Nicaragua der Sehnsuchtsort der Internationalen Linken, doch innerhalb von vier Jahrzehnten hat ihr Idol, Daniel Ortega, einen deutlichen Wandel durchgemacht. Kritiker werfen ihm vor, sich zum autoritären Alleinherrscher emporgeschwungen zu haben und einen neoliberalen Wirtschaftskurs zu fahren.
Damit die Macht in der Familie bleibt, wurde zudem seine Frau Rosario Murillo nach den Wahlen im Vorjahr zur Vizepräsidentin bestellt. Sie soll ihn im Todesfall - Ortega ist gerüchteweise schwer krank - im Amt beerben.
Nach dem Sieg der Revolution gegen die Diktatur von Anastasio Somoza im Jahr 1979 war Ortega eine Ikone im Kampf gegen die Mächtigen und Reichen, mittlerweile hat er sich ganz offenbar mit dem Großkapital verbündet. Viele öffentliche Gelder sollen zudem in die Taschen seiner Familie geflossen sein.
Ortega kam am 11. November 1945 in La Libertad in Zentralnicaragua zur Welt. Als junger Mann schloss er sich den linken Sandinisten an und beteiligte sich am Kampf gegen Somoza. Nach dessen Sturz stieg Ortega zum Mitglied der Regierungsjunta auf und trieb eine Bildungskampagne voran und forcierte das Gesundheitswesen.
1984 gewann er erstmals die Präsidentenwahl. Die darauffolgenden Jahre waren vom Krieg gegen die von den USA unter Präsident Ronald Reagan unterstützten Contras geprägt. 1990 musste Ortega eine Niederlage gegen Violeta Chamorro einstecken, er verlor das Präsidentenamt und ging in die Opposition. 2006 kehrte er jedoch in das höchste Amt im Staat zurück und wurde 2011 wiedergewählt. Das war laut Verfassung an sich nicht zulässig, doch hatte Ortega genügend Seilschaften geschlossen, die ihm diesen Schritt ermöglichten.
Er arrangierte sich auch zumindest mit einem Teil der katholischen Kirche und schloss vor allem einen Pakt mit der konservativen Unternehmerschaft. Die Bischofskonferenz gab zwar 2014 eine durchaus kritische Stellungnahme zu Ortega ab. Da diese aber weitgehend verpuffte, schweigt sie seither.
Im Kampf gegen den Drogenhandel arbeitet Ortega mit den USA zusammen, militärisch kooperiert Nicaragua auch mit Russland. Wegen seines autoritären Regierungsstils und zahlreicher Korruptionsvorwürfe haben sich jedoch bereits viele Weggefährten von dem Ex-Guerillero abgewandt, darunter die ehemalige „Comandante dos“ („Kommandantin zwei), Dora Maria Tellez. Den Rückhalt in der Bevölkerung hat er dennoch. Bei den Wahlen 2016 kam er offiziell auf über 70 Prozent. Seine Gegner und Kritiker zweifelten dies freilich an und gaben zu bedenken, dass er einerseits die Medien für seine Zwecke manipuliert habe und zudem die Wahlenthaltung sehr groß gewesen sei.
Treu an seiner Seite ist indes Rosario Murillo. Seit Jahren schon führt die First Lady die Regierungsgeschäfte des mittelamerikanischen Landes, leitet die Kabinettssitzungen und vertritt die Politik ihres Ehemanns nach außen. Seit 2016 regiert sie als Vizepräsidentin Seite an Seite mit ihrem Mann. Nach Einschätzung von Analysten will das Paar die Macht in der Familie halten und die Nachfolge für den bereits fast 72-jährigen Ortega regeln, wie die Deutsche Presseagentur dpa schrieb.
Murillo wurde am 22. Juni 1951 in der Hauptstadt Managua geboren. Mit der Künstlergruppe Gradas opponierte die Dichterin gegen das Regime von Diktator Somoza. 1978 heiratete sie Daniel Ortega und führte später den sandinistischen Künstlerverband. Das Paar hat sieben gemeinsame Kinder.
Murillo brachte zwei weitere Kinder in die Ehe mit. Eine Stieftochter, Zoilamerica Narvaez, beschuldigte Ortega des sexuellen Missbrauchs, aber die Ehefrau stellte sich hinter ihren Mann.
Murillo ist die Architektin der Regierungsideologie aus Sozialismus, Christentum und Esoterik. In ihren Radioansprachen beruft sie sich immer wieder auf Gott, die Jungfrau Maria und Heilige, aber auch auf Geister und die Mutter Erde. Sie kleidet sich gerne in bunte Gewänder und trägt Halsketten, Ringe und Armbänder mit Glückssteinen.
Das Ehepaar Ortega-Murillo ist das „Power-Couple“ von Mittelamerika, wie die dpa formulierte. Niemals zuvor wurden in Nicaragua die beiden wichtigsten Staatsämter von einem Ehepaar besetzt. Auch der Rest der Familie ist versorgt: Das Paar hat seine sieben Kinder auf wichtigen Posten in Regierung, Wirtschaft und Medien platziert.