„Lieber Leben“: Marsaud und Idir „haben mit einer Stimme gesprochen“

Berlin (APA) - Vor 20 Jahren platzte Fabien Marsauds Traum vom Profibasketball, als ihn ein Sprung ins Schwimmbecken teilweise lähmte. Heute...

Berlin (APA) - Vor 20 Jahren platzte Fabien Marsauds Traum vom Profibasketball, als ihn ein Sprung ins Schwimmbecken teilweise lähmte. Heute als Grand Corps Malade einer der bekanntesten Poetry-Slammer Frankreichs, hat der 40-Jährige seine Geschichte gemeinsam mit seinem Freund Mehdi Idir unter dem Titel „Lieber Leben“ verfilmt - in jenem Reha-Zentrum, in dem er einst selbst mühsam das Gehen wieder lernte.

APA: Bereits 2012 haben Sie Ihre Zeit im Reha-Zentrum im autobiografischen Roman „Patients“ verarbeitet. Gab es bereits damals Überlegungen, den Stoff zu verfilmen?

Fabien Marsaud: Daran gedacht habe ich schon. Mir wäre damals aber nicht in den Sinn gekommen, selbst Regie zu führen. Aber ich schreibe gerne - Songtexte, Gedichte, Romane. Dementsprechend hat es mich interessiert, einmal ein Drehbuch zu schreiben.

APA: Für Sie beide ist es das Spielfilmdebüt. Wie haben Sie sich als Neulinge einen gemeinsamen Regiestil erarbeitet?

Mehdi Idir: Wir waren uns von Anfang an einig, was den Stil angeht. Wir wollten etwas erschaffen, das ästhetisch schön, aber anders ist als das, was Menschen gewohnt sind. Die Kamera sollte den Bewegungen des Protagonisten folgen - also sehr nah bei ihm anfangen. Erst nach und nach werden Bildkomposition und Bewegungen der Kamera komplizierter.

APA: Haben Sie sich Aufgaben aufgeteilt oder sämtliche Entscheidungen gemeinsam getroffen?

Marsaud: Wir haben alles zu zweit gemacht, auch die Schauspieler und technischen Mitarbeiter stets gemeinsam angewiesen. Dadurch, dass wir alles penibel vorbereitet hatten, haben wir mit einer Stimme gesprochen.

APA: Wie haben Sie mit den Schauspielern gearbeitet, damit sich diese die Bewegungseinschränkung aneignen?

Marsaud: Wir ließen sie viel üben und waren einige Tage mit ihnen im Reha-Zentrum, damit sie im Rollstuhl sitzen, Patienten studieren und sich an die Umgebung gewöhnen können. Zugleich hat ein Physiotherapeut intensiv mit ihnen gearbeitet, ihnen Gesten und Bewegungen beigebracht. Sehr viel funktioniert natürlich über die Mimik. Am Set haben uns die Schauspieler immer wieder gefragt, wenn sie wo nicht weiter wussten. So ging das Schritt für Schritt.

APA: Der Film wurde an jenem Ort gedreht, an dem Sie selbst eineinhalb Jahre Reha gemacht haben. Wie war es, dorthin zurückzukehren?

Marsaud: Das war gar nicht so emotional, wie man sich das vorstellt. Wir waren so auf unsere Arbeit konzentriert, dass ich das ganze beinahe als Außenstehender betrachten konnte. Mein eigener Unfall ist schon so lange her, den habe ich emotional längst verarbeitet.

APA: Wie kann man sich Dreharbeiten in einem laufenden Reha-Zentrum vorstellen?

Idir: Wir hatten großes Glück, weil ein Teil des Zentrums gerade renoviert werden sollte, die Finanzierung aber nicht ausreichte und es im Drehzeitraum nur schleppend voranging. Daher konnten wir in gewissen Bereichen ungestört drehen. Vom Design her hat es gut gepasst, alles war im Stil der 90er-Jahre, also genau so, wie wir es wollten. Da, wo viel los war, etwa beim Physiotherapeuten und am Flur, haben sie sich an unseren Drehplan angepasst. Zugleich haben wir viel Wert darauf gelegt, dass das Leben im Reha-Zentrum präsent ist. Wir wollten den Film ja nicht an den Menschen vorbei drehen.

Marsaud: Im Film sind viele der Menschen zu sehen, die zu der Zeit dort gearbeitet haben oder Patienten waren. Wir wurden von allen so gut aufgenommen. Als wir nach eineinhalb Monaten unsere Zelte abgebrochen haben, hat das eine Art Vakuum hinterlassen, weil wir so viel Leben hineingebracht haben.

APA: Als Zuseher weiß man nicht, wie viel Zeit der Protagonist Benjamin in diesem Zentrum verbringt. Entspricht dieses fehlende Zeitgefühl Ihrer Erfahrung von damals?

Marsaud: Ja, das war gewollt. Wir geben nur kleine Hinweise: Mal trägt Ben ein T-Shirt, dann einen Mantel - so kann man auf die Jahreszeiten schließen. In dieser Art von Zentrum ist das Zeitgefühl ein anderes.

APA: Wie haben Sie das junge, noch unbekannte Ensemble zusammengestellt? Gab es den Wunsch, auch Menschen im Rollstuhl zu casten?

Idir: Wir haben ein sehr langes Casting gemacht und bestimmt 400 Leute gesehen, da der Film wirklich von seinen Schauspielern abhängt. Anfangs wollten wir Menschen casten, die im Rollstuhl sitzen bzw. mobil eingeschränkt sind. Aber wir mussten schnell erkennen, dass es relativ wenige gibt, die querschnittsgelähmt sind und zugleich jenen Typen entsprechen, die wir gesucht haben - wie Toussaint, der nordafrikanischen Hintergrund hat. Es war unmöglich, Schauspieler zu finden, die all diesen Kriterien entsprachen.

APA: Sind Sie nun auf den Geschmack gekommen, was Filmemachen angeht - oder bleibt es bei diesem persönlichen Projekt?

Idir: Wir arbeiten bereits an einem neuen Film! Die erste Drehbuchfassung ist fertig, nächsten Sommer wird gedreht. Wir freuen uns schon sehr darauf! Die Geschichte ist in einer Schule in einem Vorort von Paris angesiedelt. Es geht um eine Vertrauenslehrerin, die primärer Bezugspunkt für die 15- bis 16-Jährigen ist.

APA: Sie sind beide in Vororten nördlich von Paris geboren. Wie verwurzelt ist Ihre Kunst in Saint-Denis?

Marsaud: Sehr, wenn auch nicht nur. Aber die Region ist ein großer Teil von uns, hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Wir mögen dieses Milieu, das auch eine Art Lebenseinstellung mit sich bringt.

APA: In internationalen Medien war die Region zuletzt in Verbindung mit Unruhen oder der großen Razzia 2015 präsent, als sich die Drahtzieher des Paris-Terrors in Saint-Denis verschanzt hatten. Kann Kunst dem etwas Positives gegenüber stellen, ein Gemeinschaftsgefühl schaffen?

Marsaud: Kunst ist immens wichtig für diesen Zweck. Es ist großartig, wenn unser Film und unsere Musik ein anderes Gesicht der Region zeigen können. Man darf Saint-Denis aber auch nicht nur auf seine Musiker, Rapper oder Fußballer reduzieren - da kommen Anwälte, Ärzte, höhere Angestellte her.

APA: Sie selbst wollten ursprünglich Basketballprofi werden; die Idee der „angepassten Hoffnung“ ist ein zentrales Thema im Film. Wann kam für Sie der Punkt, sich einem neuen Ziel zu öffnen?

Marsaud: Das hat für mich, wie im Film, mit der schlechten Nachricht meines Arztes angefangen. Danach kann es lange dauern, bis man sich neu sortiert - in meinem Fall Jahre. Der Moment, als sich für mich alles verändert hat, war sechs Jahre später, als ich die Leidenschaft fürs Poetry Slammen entdeckt habe. Das war sie dann, meine angepasste Hoffnung.

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA.)

(ZU DEN PERSONEN: Fabien Marsaud, 1977 in Le Blanc-Mesnil nördlich von Paris geboren, steht seit 2003 als Poetry-Slammer auf der Bühne. Er gründete die Formation Le cercle des poètes sans instru mit und veröffentlichte in Frankreich unter dem Namen Grand Corpse Malade - übersetzt „Großer kranker Körper“, in Anspielung auf seinen schweren Unfall 1997 - fünf Top-Ten-Alben. Seine Markenzeichen sind seine fast zwei Meter Körpergröße, seine tiefe Stimme und seine Krücke. Mit Mehdi Idir, 1977 in Saint-Denis geboren, ist er seit zwölf Jahren befreundet. Idir fing als Hip-Hop-Tänzer an, drehte 2004 seinen ersten Dokumentarfilm und inszenierte sämtliche Musikvideos von Grand Corps Malade.)

(S E R V I C E - www.lieberleben-film.de)