Internationale Pressestimmen zur Jerusalem-Entscheidung Trumps
Jerusalem (APA/dpa/AFP) - Zur Jerusalem-Entscheidung von US-Präsident Donald Trump schreiben die Zeitungen am Freitag:...
Jerusalem (APA/dpa/AFP) - Zur Jerusalem-Entscheidung von US-Präsident Donald Trump schreiben die Zeitungen am Freitag:
„Guardian“ (London):
„Die Entscheidung des US-Präsidenten, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, ist ein provokanter und unbesonnener Schritt. Er wird arabische Verbündete vor den Kopf stoßen, Proteste im Nahen Osten auslösen und ernste, vielleicht fatale Folgen für den israelisch-palästinensischen Friedensprozess haben. Anstatt diese Risiken zu verstehen, spricht Trump von Akzeptierung der Realität. Jerusalem sei, so sagte er, bereits Sitz des israelischen Parlaments und des Obersten Gerichts. Das ist Vernebelung. Trump praktiziert Zwangsdiplomatie, indem er vor Ort Fakten schafft, die vorher nicht existierten. So wie die Frage der Flüchtlinge, der Siedlungen und der Grenzen, ist der Status von Jerusalem - das drei Religionen heilig ist - ungeklärt. Weder Israel noch einem anderen Staat wurde international jemals die Souveränität über Jerusalem zugestanden.“
„Wedomosti“ (Moskau):
„Die Entscheidung Donald Trumps, die amerikanische Botschaft aus Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, ist paradoxerweise eher innenpolitisch als außenpolitisch zu sehen. Es ist ein Versuch des US-Präsidenten, auf der internationalen Bühne Entschlossenheit zu demonstrieren. Die negative Reaktion arabischer Radikaler kann zu einer vorübergehenden Eskalation der Gewalt in Palästina und Israel führen, aber kaum ernsthaft die Gesamtlage in der Region beeinflussen.“
„Nesawissimaja Gaseta“ (Moskau):
„Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, hat zu einem Imageverlust für Washington in der Arabischen Welt geführt. Das zeigt die Kritik aus führenden muslimisch geprägten Staaten. Experten gehen davon aus, dass die neue Position der USA die Stellung Russlands in jenen Ländern des Nahen Ostens stärken kann, in denen Moskaus Position bisher schwächer war. Trump hat dem Kreml einen Trumpf im Nahen Osten gegeben.“
„Sme“ (Bratislava):
„Wenn Jerusalem ein Pulverfass ist - und das weiß am besten die Regierung von Benjamin Netanyahu (dem israelischen Ministerpräsidenten) -, dann hat Trump jetzt wohl gerade sein Streichholz hinein geworfen.“
„Pravda“ (Bratislava):
„Im Jahr 2000 genügte ein halbstündiger Spaziergang von Ariel Sharon (dem damaligen israelischen Oppositionsführer und späteren Ministerpräsidenten) auf dem Tempelberg, um das Pulverfass zu entzünden. Es folgten die blutigen Jahre der Zweiten Intifada, in der etwa dreitausend Palästinenser und tausend Israelis sowie Dutzende Ausländer ums Leben kamen. Jerusalem verzeiht keine Phrasen und Gesten nur für den Effekt. In Jerusalem und seiner weiteren Umgebung können auch leere Worte töten.“
„L‘Alsace“ (Mulhouse):
„Die Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt von Israel anzuerkennen, ist besonders unverantwortlich, da von (US-Präsident) Donald Trump jeder Vorschlag ausbleibt, wie der Friedensprozess zwischen Israel und Palästina wieder in Gang gesetzt werden kann. (...) Mit seiner Kurzsichtigkeit bringt Donald Trump nicht nur viele seiner Verbündeten in der Region und in Europa in Schwierigkeiten. Er bringt damit auch das Leben von Millionen Amerikanern in Gefahr, die außerhalb der Vereinigten Staaten wohnen.“
„Liberation“ (Paris):
„Ab heute ist alles möglich: Eine dritte Intifada wie auch eine Resignation (der Palästinenser). Sollten sie sich mit der Situation abfinden, wäre das nur vorübergehend, und es würde eine Wut schüren, die schwierig einzudämmen wäre, wenn sie sich irgendwann Bahn bricht. Die Demokratien und Anhänger einer gerechten und gleichberechtigten Friedenslösung dürfen sich nicht mit dem Schlimmsten abfinden. Die Perspektive eines Palästinenser-Staates ist kurz- bis mittelfristig verpufft. Aber die internationale Gemeinschaft darf diese Idee nicht aufgeben.“
„Kapital“ (Sofia)
„Die abrupte Handlung von (US-Präsident Donald) Trump, die sieben Jahrzehnte der amerikanischen Politik und des internationalen Konsens torpediert, wird eine von zwei möglichen Entwicklungen bewirken - entweder zur endgültigen Todesstrafe des ohnehin sterbenden Friedensprozesses werden, oder sich als eine Schocktherapie erweisen, die die Chance hat, ihn wieder zu beleben und alle Seiten an den Verhandlungstisch zurückzubringen. Die zweite Option erscheint leider nicht wahrscheinlicher aus als die erste. (...) Trumps Zug ist nicht nur provokativ und gefährlich, sondern ist auch schwierig zu erklären.“