Ein wenig zu viel Staub abgesaugt: „Maria Stuart“ in der Josefstadt
Wien (APA) - Während sich das Publikum im Saal einfindet, saugt ein Soldat den Staub von der Bühne. Über Lautsprecher wird der baldige Begin...
Wien (APA) - Während sich das Publikum im Saal einfindet, saugt ein Soldat den Staub von der Bühne. Über Lautsprecher wird der baldige Beginn von Schillers „Maria Stuart“ angekündigt. Als es dann endlich so weit ist, kommt nicht Maria, sondern Elisabeth. Regisseur Günter Krämer ist ans Theater in der Josefstadt gekommen, um das berühmte Drama, das gestern, Donnerstag, Premiere feierte, auf den Kopf zu stellen.
In graublauem Kostüm und braunem Pelzmantel postiert sich Sandra Cervik mit blonder Perücke auf dem Kopf vor einem großen Spiegel, zückt ihr Reclam-Heft und deklamiert ein paar Zeilen aus dem zweiten Aufzug, in dem sie in Schillers Original in der Mitte des Stücks mit dem französischen Grafen Aubespine ihre „jungfräuliche Freiheit“ verhandelt. Nachdem sie ein paar Versionen ausprobiert hat - mal auf Wienerisch, mal in Hitler-Diktion -, kann es beginnen. Während sie sich ihr Gesicht mit weißer Schminke beschmiert, gesellen sich Tonio Arango als schmieriger, zum Blödeln aufgelegter Graf von Leicester und Florian Carove als ziemlich queer daher kommender Graf Aubespine hinzu. Als Cervik fertig geschminkt ins Geschehen einsteigt, erinnert sie mit ihrem überdimensionalen roten Clown-Mund mehr an Heath Ledgers Joker denn an die Königin von England.
Bis in dieser teilweise burlesk anmutenden Remix-Version die Titelheldin Maria auftaucht, vergehen geschlagene 40 Minuten. Davor ist Sandra Cervik am Wort: In einem mit Busen- und Bauch-Attrappe ausgestatteten Mieder und goldenem Reifrock (Kostüme: Isabel Glathar) spielt sie mit Leicesters Wollust, tuschelt mit Raphael von Bargen als etwas steif geratenem Mortimer und überlegt sich, was sie mit der gefangenen Maria Stuart machen soll. All das hat Krämer in passender Schräglage inszeniert: Die Bühne von Herbert Schäfer dominiert eine steil abfallende Gitterrampe, auf der das auf gerade einmal sechs Charaktere reduzierte Personal seine Intrigen spinnt.
Ach ja, Maria Stuart: Die kommt dann auch, und zwar in geballter Form. Die Idee, mit Elisabeth Rath eine deutlich ältere Maria zu positionieren, verleiht dieser eine gänzlich andere Aura. Mit großer Überlegenheit hadert Rath mit Marias Schicksal, schleudert ihre Verse ohne Gegenüber eine Viertelstunde ununterbrochen monologisch in den Saal: „Ermorden lassen kannst du mich, nicht richten!“ Während einer inszenierten Jagd, in der ein Wildschwein aus dem Schnürboden gelassen wird und eine mittlerweile erschöpft-entrückte Elisabeth mit Graf von Leicester auf die um Gnade flehende Maria trifft, kommt es zum Schlagabtausch der beiden Frauen, der das Schicksal Marias besiegelt.
Nach dem Mordanschlag auf Elisabeth, den diese überlebt hat, unterzeichnet sie zitternd den Hinrichtungsbefehl, den sie Staatssekretär Davison (Roman Schmelzer) vor die Füße wirft, um ihre Hände in Unschuld zu waschen. Doch während Maria erhobenen Hauptes ihrem Ende entgegen schreitet, bleibt Elisabeth in ihrem Elend allein zurück.
Es scheint, als hätte der staubsaugende Soldat zu Beginn ein wenig zu viele Worte Schillers aufgesaugt. Das übrig geblieben Gerippe des Stücks wird zwar mit einigen hübschen Mascherln aufgepeppt, bleibt aber doch blutleer. Viel Applaus für Sandra Cervik als super-entrückte Elisabeth und Elisabeth Rath als moralisch überlegene Maria beendeten den nur 100-minütigen Abend.
(S E R V I C E - „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller im Theater in der Josefstadt. Regie: Günter Krämer. Mit Sandra Cervik, Elisabeth Rath, Tonio Arango, Roman Schmelzer, Raphael von Bargen und Florian Carove. Bühne: Herbert Schäfer, Kostüme: Isabel Glathar. Weitere Termine: 8., 20. und 21. Dezember, 6., 7., 15.-17. , 30. und 31. Jänner sowie im Februar. Karten unter Tel. (01) 42700-300 oder www.josefstadt.org)