Wahlverlierer auf dem Weg zur Macht
Dresden (APA/AFP) - Nach der Wahl zum neuen Chef der Sachsen-CDU ist es für Michael Kretschmer nur noch ein Schritt zur Macht: Am Mittwoch w...
Dresden (APA/AFP) - Nach der Wahl zum neuen Chef der Sachsen-CDU ist es für Michael Kretschmer nur noch ein Schritt zur Macht: Am Mittwoch will sich der 42-Jährige im Dresdner Landtag zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Kretschmer soll als Nachfolger von Stanislaw Tillich (CDU), der nach dem Wahldesaster seiner Partei bei der Bundestagswahl seinen Rücktritt ankündigte, in die Staatskanzlei einziehen.
Der am 7. Mai 1975 in Görlitz geborene Kretschmer wäre dann jüngster amtierender Ministerpräsident in Deutschland. Schon länger galt der smarte CDU-Politiker als Kandidat für höhere Ämter. Dass er jetzt schon das Regierungsruder übernehmen soll, kam allerdings überraschend. Tillich kündigte seinen Rückzug an, nachdem die Christdemokraten im Freistaat am 24. September mit knappem Abstand nur zweitstärkste Partei hinter der AfD geworden waren.
Auch Kretschmer bekam am Wahltag eine heftige Klatsche. Der amtierende Generalsekretär der sächsischen CDU verlor seinen eigenen Wahlkreis in Görlitz, den er viermal gewonnen hatte, an einen AfD-Kandidaten und stand plötzlich als Wahlverlierer da. Dass Tillich ihn dennoch postwendend als seinen Nachfolger vorschlug, sorgte auch in den eigenen Reihen für Grummeln.
Bis zur Bundestagswahl lief Kretschmers politische Karriere recht glatt. Nur einmal geriet er unter Druck - 2010 im Zuge der sogenannten Sponsoringaffäre. Sponsoren waren auf Parteiveranstaltungen gegen Geld Gespräche mit Tillich angeboten worden. Wegen ähnlicher Fälle hatte der damalige CDU-Generalsekretär in Nordrhein-Westfalen und heutige Landesverkehrsminister Hendrik Wüst seinen Hut nehmen müssen. Kretschmer indes überstand alles schadlos.
Seine politischen Wurzeln liegen im Wendeherbst 1989. Freunde aus der jungen Gemeinde, mit denen er damals die Friedensgebete in seiner Heimatstadt besuchte, begeisterten ihn damals für Politik. Für Kretschmer ist es eine „bis heute prägende Zeit“.
1994 wurde Kretschmer Stadtrat in Görlitz. Der ausgebildete Büroinformationselektroniker erwarb auf dem zweiten Bildungsweg seine Fachhochschulreife und studierte in Dresden Wirtschaftsingenieurwesen. 2002 zog er in den Bundestag ein. Seit 2009 war der Vater von zwei Söhnen stellvertretender Unionsfraktionschef mit Schwerpunkt Bildung.
Sein abruptes Aus im Bundestag bezeichnete Kretschmer in einem Zeitungsinterview als „Magenschwinger“ und eine persönliche „Zäsur“. Viel Zeit für eine Neuorientierung blieb dem 42-Jährigen indes nicht. Er soll nun einen Generationswechsel in der Sachsen-CDU einleiten. Ob es auch einen Politikwechsel geben wird, wie ihn der Koalitionspartner SPD verlangt, bleibt abzuwarten.
Denn so unkonventionell Kretschmers Familienleben ist, der mit seiner Lebensgefährtin in einer Patchworkfamilie lebt, so beständig ist er in seinen politische Ansichten. Die Union im Freistaat wolle er weiter auf konservativem Kurs halten, kündigte der 42-Jährige an, der sich selbst „mit beiden Beinen fest in der Mitte“ sieht.
Im vergangenen Jahr gehörte er zu den Unterzeichnern eines von CSU und Sachsen-CDU verfassten „Aufrufs zu einer Leit- und Rahmenkultur“, in dem „Heimat und Patriotismus“ als „Kraftquellen“ in Zeiten gesellschaftlicher Unruhe genannt werden.
Beim Thema Asyl fordert Kretschmer einen starken Rechtsstaat und eine härtere Gangart bei ausreisepflichtigen Flüchtlingen. Wer keinen Anspruch auf Asyl habe, müsse „unser Land auch zügig wieder verlassen“, sagte er. Nach seiner Ansicht machte die von vielen Menschen als falsch empfundene Flüchtlingspolitik der Bundesregierung die AfD stark.
Eines stellte Kretschmer bereits klar: Mit der AfD will er niemals koalieren. „Wir wollen die AfD schlagen, nicht mit ihr koalieren - sie ist der politische Gegner“, sagte er in einem „Zeit“-Interview.
Zunächst aber warten auf den CDU-Politiker, sollte er zum Ministerpräsidenten gewählt werden, andere wichtige Baustellen - der Lehrermangel in Sachsen, der Personalausbau bei der Polizei und der Kampf gegen die angekündigte Schließung der Siemens-Werke in Görlitz und Leipzig.