„Wahl 2017“ 1 - ÖVP legte Wahlkampf wie Streamingplattform Netflix an

Wien (APA) - Die Nationalratswahl 2017 war eine Ausnahmewahl: vorgezogener Wahltermin, neue Spitzenkandidaten, ungeahnte Rollenwechsel, Riva...

Wien (APA) - Die Nationalratswahl 2017 war eine Ausnahmewahl: vorgezogener Wahltermin, neue Spitzenkandidaten, ungeahnte Rollenwechsel, Rivalitäten, Skandale und Enthüllungen. Der Politikberater Thomas Hofer und die Journalistin Barbara Tóth haben in dem kommende Woche erscheinenden Buch „Wahl 2017 - Loser, Leaks & Leadership“ noch einmal alles zur Wahl zusammengetragen und ziehen Bilanz.

Wahlkämpfer und Experten bieten darin Einblicke und neue Perspektiven eines Wahlkampfs, der mit der Übernahme der ÖVP durch Sebastian Kurz de facto bereits im Mai entschieden war. Kurz las die „überdeutliche Wechselstimmung“ früher und besser als seine Konkurrenten, so Politikberater Hofer. Zudem kam es in einem „hochemotionalen Wahlkampf“ zu einer Rollenumkehr. „War früher die ÖVP durch ihre Wahlkämpfe gestolpert, irrlichterte diesmal die SPÖ dem Wahltag entgegen.“

Kerns Fehler sei es gewesen, nach der Präsentation seines Plan A im Jänner die Koalition mit der ÖVP nicht aufzukündigen und in Wahlen zu gehen. Auch eine Strategie für den (Wieder-)Einzug ins Kanzleramt habe gefehlt, dazu sei das „Berater-Desaster“ um Tal Silberstein und weitere externe Einflüsterer gekommen, so Hofer. Seine letzte Chance habe Kern am 10. Mai verspielt, dem „politischen D-Day des Wahlkampfs 2017“, als ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner seinen Rückzug verkündet hatte und danach Sebastian Kurz die Volkspartei übernahm. „Statt selbst den Gang in Richtung Neuwahlen zu wagen und den Abgang Mitterlehners als ‚schwarzes Knittelfeld‘ zu bezeichnen und Innenminister Sobotka und Kurz als ‚Sprengmeister‘ der Koalition zu brandmarken, bot er dem neuen ÖVP-Chef eine ‚Reformpartnerschaft‘ an.“ Dabei musste Kern klar sein, dass Kurz selbst in Neuwahlen gehen würde. Kern habe sich im Wahlkampf danach als „äußerst sprunghaft“ und „strategisch wenig sattelfest“ gezeigt, analysiert Hofer.

Philipp Maderthaner, einer der Verantwortlichen hinter der Kurz-Kampagne, berichtet unter dem Titel „Ein Wahlkampf der Superlative“ über zehn Entscheidungen, die im Laufe der Kampagne bewusst getroffen wurden und sich als richtig herausstellten. Die wichtigste: „Wir ziehen unser Ding durch, investieren unsere Energien in unsere eigene Kampagne, und nicht in die der anderen. Keine Attacken, kein Wadlbeißen, kein Dirty Campaigning.“ Dazu - Stichwort Veränderung - sei die Erneuerung der Partei mit neuer Farbe, neuem Statut und Öffnung zur Bewegung gekommen. In der Kommunikation habe sich Kurz auf drei zentrale Themen konzentriert: den Standort und die damit verbundene Steuerfrage, die soziale Sicherheit und Migration.

Kandidaten und Programm wurden laut Maderthaner gezielt nach und nach präsentiert, um die Spannung bis zum Wahlkampffinale aufzubauen und das Momentum nicht abreißen zu lassen. „Was in den Medien oft als ‚Salami‘-Taktik bezeichnet wurde, war letztlich eine Hommage an die US-Streamingplattform Netflix. Dort werden neue Serien nicht nur groß angekündigt, sondern im Wochentakt um eine weitere Folge angereichert.“ Die Kampagne wurde ohne externe Berater mit Menschen geführt, die einander kannten und vertrauten. „Ohne Intrigen, ohne eigene Agenda, ohne Eitelkeit. Dafür mit einem gemeinsamen Ziel.“ Die ÖVP hatte laut Maderthaner den richtigen Kandidaten mit dem richtigen Anliegen und der richtigen Kampagne.

SPÖ-Wahlkampfleiter Stefan Sengl, der wegen Differenzen mit Kern-Berater Silberstein im Sommer hinschmiss, räumt im Buch mit einigen Missverständnissen rund um das Beratergeschäft auf und übt zwischen den Zeilen Kritik an „Gurus“ der Marke Silberstein. „Falls die Nationalratswahl 2017 etwas zeigt, dann wohl am ehesten, dass man auch mit einer Kampagne, in der fast alles schiefging, was schiefgehen konnte, mehr als 100.000 Stimmen zulegen kann. Dieses Kunststück ist der SPÖ ganz offensichtlich trotz und nicht aufgrund ihrer Berater gelungen“, so Sengl.

„Wer als Kunde an Gurus glaubt, die Wunder vollbringen können, darf sich nicht wundern, wenn er an einen Quacksalber gerät.“ Wahlkämpfe werden durch „Gurus“ nicht gerade professioneller, Berater sind nicht dazu da Entscheidungen zu treffen, und „Gurus“ wohnt die „Neigung zum Hazard“ inne, so weitere Kritikpunkte Sengls. Er empfiehlt allen Politikberatern und ihren Auftraggebern die Einhaltung des Ehrenkodex des Public Relations Verbands Austria (PRVA). Der frühere SPÖ-Kanzlersprecher und Kommunikationsberater Jo Kalina findet, dass Kern nach der Übernahme der SPÖ im Mai 2016 zu einer „Change-Party“ hätte machen sollen. Damals hätte er die Kraft gehabt. „Aber du hast in der Politik immer nur bestimmte Zeitfenster, in denen dir die eigene Partei nahezu bedingungslos folgt. Das hat Sebastian Kurz perfekt gemacht“, so Kalina.

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