In den Himmel bauen: Architekt Wolf D. Prix wird 75
Wien (APA) - „Architektur muss brennen.“ Jener Text, mit dem Coop Himmelblau 1980 ihre Aktion „Flammenflügel“ an der TU Graz begleiteten, wu...
Wien (APA) - „Architektur muss brennen.“ Jener Text, mit dem Coop Himmelblau 1980 ihre Aktion „Flammenflügel“ an der TU Graz begleiteten, wurde besonders gerne zitiert, als im März 2015 zur offiziellen Eröffnung der EZB-Türme in Frankfurt Mülltonnen und Autos brannten. Der einstige Revolutionär Wolf D. Prix fand sich auf der geschützten Seite der Barrikaden. Nun sei man wohl etabliert, konstatierte er trocken.
Längst hat der einstige Mitbegründer und heutige Design Principal und CEO des weltbekannten Wiener Architekturbüros erreicht, was man damals proklamierte: „Wir wollen Architektur, die mehr hat. Architektur, die blutet, die erschöpft, die dreht und meinetwegen auch bricht. Architektur, die leuchtet, die sticht, die fetzt und unter Dehnung reißt.“ Gebrochen ist „nur“ der Oberschenkelhals des Architekten, neulich bei einem Radsturz. Doch der gebührenden Feier seines 75. Geburtstags am 13. Dezember steht nichts im Wege.
Wolf Dieter Prix wurde 1942 in Wien geboren. Der Architektensohn studierte Architektur an der Technischen Universität Wien, bei der Architectural Association in London und am Southern California Institute of Architecture in Los Angeles. 1968 gründete er gemeinsam mit Helmut Swiczinsky und Michael Holzer das Architekturbüro Coop Himmelblau: „Coop Himmelblau ist keine Farbe, sondern die Idee, Architektur mit Phantasie leicht und veränderbar wie Wolken zu machen“, hieß es.
Nach Entwurfsideen zu veränderlichen, transparenten, mit dem „Baustoff Luft“ arbeitenden Wohneinheiten („Villa Rosa“, „The Cloud“ u.a.) wurde 1988 mit dem Dachausbau Falkestraße in Wien erstes internationales Aufsehen erregt. 1990 wandelte man den Namen „Himmelblau“ in „Himmelb(l)au“ um. Die Zeit des Bauens hatte begonnen. Mit Bauten wie dem Ostpavillon des Groninger Museums (1994), dem UFA Kinopalast in Dresden (1998), der BMW Welt in München (2007), dem Akron Art Museum in Ohio (2007), der Central Los Angeles Area High School #9 for the Visual and Performing Arts (2008) oder dem Busan Cinema Complex in Südkorea (2012) erarbeitete sich Coop Himmelb(l)au einen Weltruf als prägnanter Vertreter einer dekonstruktivistischen Architektur.
Mit den in den vergangenen Jahren fertiggestellten Großprojekten wie dem Musee des Confluences in Lyon, dem House of Music im dänischen Aalborg, der EZB in Frankfurt/Main und dem MOCAPE, einem Doppel-Museum im chinesischen Shenzhen, hat man diesen Ruf eindrucksvoll verfestigt.
Zu den in Wien realisierten Projekten zählen der SEG Apartment Tower (1998), die SEG Apartment Block Remise (2000), der Wohnbaukomplex Gasometer B (2001) sowie die Büro- und Wohnanlage Schlachthausgasse (2005). 2011 eröffnete das von Wolf D. Prix entworfene „Lieblingsprojekt“ der evangelischen Martin-Luther-Kirche in Hainburg, wo er einen Teil seiner Kindheit und Jugend verbracht hat. 2016 wurde das von Prix entworfene Alban Berg Denkmal auf dem Herbert-von-Karajan-Platz neben der Wiener Staatsoper aufgestellt. Auch das jüngst eröffnete „Paneum“ im oberösterreichischen Asten, eine Holzkonstruktion in Mini-Dimension, bewies, dass zu einem typischen Coop Himmelb(l)au-Bau nicht notwendigerweise Glas, Beton und Gigantomanie gehören.
An der Spitze von Coop Himmelb(l)au mit Büros in Wien, London und Los Angeles werden heute neben Wolf D. Prix noch Karolin Schmidbaur als Design Partner, Harald Krieger als CFO und Markus Prossnigg als Managing Partner geführt. Prix war seit 1993 ordentlicher Professor für Architekturentwurf an der Universität für angewandte Kunst in Wien und seit 2003 Vorstand des Instituts für Architektur. Nach seiner Emeritierung als Lehrer legte er 2012 auch die Institutsleitung zurück, da er die Entscheidung des Rektorats für eine temporäre Übersiedlung der Angewandten in die Räumlichkeiten der Wirtschaftsuniversität für die Zeit des Umbau nicht mittragen wollte. Als Gastprofessor lehrte er in London, an der Harvard University, in Los Angeles und New York.
Zu seinen Auszeichnungen zählen die Ehrendoktorwürde der Universidad de Palermo in Buenos Aires, der Annie Spink Award for Excellence in Architectural Education, der Jencks Award: Visions Built, der International Architecture Award, das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst sowie der Große Österreichische Staatspreis. Prix, Vater eines 45-jährigen Sohnes und zweier Töchter (20 und sechseinhalb Jahre), ist Mitglied des Österreichischen Kunstsenats und unzähliger weiterer Gremien. 2006 war er Kommissär für den österreichischen Pavillon der 10. Architekturbiennale in Venedig, den Coop Himmelb(l)au 1995 als Beitrag zur 46. Kunstbiennale mit einem Flügel überbaut hatten. Prix wohnt im Penthouse eines von ihm selbst entworfenen, im Jahr 2000 fertiggestellten Gebäudekomplexes in Wien-Leopoldstadt.
Zu eigenen Ausstellungsdesigns zählen „Paradise Cage: Kiki Smith and Coop Himmelb(l)au“ 1996 in Los Angeles und „Rudi Gernreich: Fashion will go out of fashion“ im Jahr 2000 in Graz, zu den entworfenen Theater- und Opernausstattungen „Oedipus Rex“ und „Der Weltbaumeister“. Dem Schaffen von Coop Himmelb(l)au wurden bereits mehrere große Ausstellungen gewidmet, etwa 1992 „Construire le Ciel“ im Pariser Centre Pompidou, 2007 die Werkschau „Beyond the Blue“ im Wiener MAK, 2012 im Architekturforum Aedes in Berlin „Wolf D. Prix & Partner: 7+ Projects, Models, Plans, Sketches, Statements“ oder 2015 eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Sein Vorlass wurde vom „Archiv der Zeitgenossen“ in Krems angekauft.
(S E R V I C E - http://www.coop-himmelblau.at)
(B I L D A V I S O – Zahlreiche Bilder von Wolf D. Prix sind im AOM abrufbar.)