Coop Himmelb(l)au: Bauten vor der Eröffnung, Projekte in Planung
Wien/Shenzhen (APA) - Es ist nicht der jüngste Bau von Coop Himmelb(l)au, aber einer der größten und eindrucksvollsten: Das MOCAPE (Museum o...
Wien/Shenzhen (APA) - Es ist nicht der jüngste Bau von Coop Himmelb(l)au, aber einer der größten und eindrucksvollsten: Das MOCAPE (Museum of Contemporary Art & Planning Exhibition) in Shenzhen, der chinesischen Millionenmetropole nördlich von Hongkong, steht wie kaum ein anderes Gebäude des international tätigen österreichischen Büros für gewagte Architekturvisionen, die gebaute Realität wurden.
2007 hatte Coop Himmelb(l)au den Wettbewerb gewonnen, 2013 war Baubeginn, und im September 2016 wurde eine große Feier zelebriert, die in Wahrheit keine Eröffnung, sondern eine Art Fertigstellung und Übergabe war. Beim APA-Lokalaugenschein im Mai 2017 präsentierte sich das gigantische Gebäude, das ein Kunstmuseum und eine Architekturausstellung unter einem Dach beherbergt und dessen von einer eiförmigen silbernen „Cloud“ beherrschtes Foyer voller skulpturaler und perspektivischer Sensationen steckt, als eindrucksvolle, doch leere Hülle. „Das bestätigt meine Theorie, dass Architektur Kunst ist. Man braucht in ein Museum von uns keine Kunst mehr hineinhängen, weil es Kunst per se ist“, erklärt Wolf D. Prix breit lächelnd. Für ihn ist die Aufgabe abgeschlossen. Ob der Komplex nun ab 28. Dezember, wie jüngst annonciert, oder doch erst ab Frühjahr 2018 mit kulturellen Inhalten gefüllt auch für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird, tangiert ihn nicht mehr unmittelbar.
Viel deutlichere Worte wählt der Prinzipal, wenn die Rede auf ein anderes chinesisches Projekt kommt, das Dawang Mountain Resort in der Nähe der Stadt Changsha. Auf einer Gesamtfläche von 120.000 Quadratmeter waren hier eine Eis-Erlebniswelt, eine Indoor-Skipiste und ein Wasserpark sowie zahlreiche Restaurants und Geschäfte geplant. Nachdem die mit der Umsetzung betrauten aber zunächst überforderten lokalen Architekten in mehrmonatigem Wien-Aufenthalt mit den Raffinessen modernster Planung vertraut gemacht wurden, wurde Coop Himmelb(l)au ausgebootet und ist nur noch für das bereits fast fertige dazugehörige Luxushotel der Anlage verantwortlich. „Das ist das einzige Projekt, um das es mir wirklich leidtut, vor allem wegen seiner Verflechtung von Architektur und Natur“, sagt Prix. Zählt er diese Erfahrung als spätes Lehrgeld oder als Niederlage? „Weder noch. Es ist eine Gemeinheit.“
Einige andere Projekte des Büros sind „on hold“ oder im Rahmen von veränderten politischen Rahmenbedingungen wieder fraglich. Den Wettbewerb für den Neubau des albanischen Parlaments in Tirana, dessen Modell 2014 auf der Architekturbiennale in Venedig im Österreich-Pavillon zu sehen war, habe man sogar gleich zweimal gewonnen, erklärt Prix. „Das erste Mal haben wir nicht gebaut, weil die Fans von Enver Hodscha (ehemaliger Diktator, 1908-1985, Anm.) dagegen waren, das zweite Mal, weil die Feinde von Hodscha dagegen waren. Es ist ein hochpolitisches Projekt und ist wohl der albanischen Demokratiepolitik zum Opfer gefallen.“ Für Prix sind derlei wechselvolle Entscheidungsprozesse ein weiterer Beweis dafür, „dass Architektur nicht nur Kunst ist, sondern auch ein politisches Statement abgeben kann“.
Auf der Liste der laufenden Projekte findet sich jedoch ein anderes Bauvorhaben in Albanien: Das AOS Selfness Resort an der Mittelmeerküste ist dem Palast von Knossos nachempfunden und soll eine andere Art von Gesundheitstourismus propagieren, der sich an Mukoviszidose-Patienten richtet. In der Ukraine wird ein Nationalmuseum geplant, in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku wird demnächst ein Kongresszentrum fertig, in South Dakota ist eine Bibliothek in Planung. Im Gorki Park von Moskau wartet ein Gestaltungsvorschlag von Coop Himmelb(l)au auf eine Entscheidung nach der nächsten Bürgermeisterwahl.
Doch auch in Österreich wird gebaut. Anfang Oktober wurde das „Paneum“ fertiggestellt, ein Kundeninformationszentrum, Ausstellungsraum und Veranstaltungsforum der Firma Backaldrin in Asten (Oberösterreich). Auf einem quaderförmigen Sockelgebäude ruht eine geschwungene, mit Edelstahlschindeln verkleidete Holzkonstruktion, die Prix gerne als „Wunderkammer“ bezeichnet. Hier ist in einem Brotmuseum die 1.200 Exponate umfassende Kollektion von Backaldrin-Chef Peter Augendopler zu sehen. Der mit 1.850 Quadratmeter Geschoßfläche und 20 Metern Gebäudehöhe vergleichsweise kleine Bauauftrag zeigt dennoch den typischen, sich über klassische rechte Winkel hinwegsetzenden Schwung des Prix‘schen Entwurfsstiftes. Es sei die bisher größte realisierte selbsttragende Holzschalenkonstruktion, begeistert sich der Architekt.
In Wien sind zwei Projekte am Schweizergarten, in unmittelbarer Nähe zu Belvedere 21 und Hauptbahnhof, in Vorbereitung: Ein gemeinsam mit Delugan Meissl geplantes Wohnhaus für die Signa Holding und ein „Cape 10“ genanntes, integrativ wirkendes Begegnungszentrum für unterschiedliche soziale Gruppen von Obdachlosen bis zu jungen Start-ups, in dem Initiativen wie „Wieder Wohnen“ und „Nein zu Krank und Arm“ untergebracht sein werden. Der Bau, in dem auch eine Skulptur von Erwin Wurm aufgestellt wird, soll im kommenden Jahr begonnen werden. Auch ein Bürohaus für die Soravia Group ist in Planung.
Das derzeit spannendste Vorhaben von Coop Himmelb(l)au ist aber im indischen Mumbai zu finden: Gemeinsam mit einem Investor soll ein Slum in einen verdichteten Wohnbezirk („eine Art dreidimensionaler Suk“) verwandelt werden, der sich über teuer vermietete Hochhäuser finanziert. Prix: „Das Projekt zeigt einen Weg, wie man mit den Slums umgehen kann. Das Überleben in den großen Städten ist eines der dringendsten Zukunftsprobleme der Menschheit.“
(B I L D A V I S O – Bilder des Projekts in Shenzhen wurden am 23.9.2016 über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)