Coop Himmelb(l)au: Meilensteine des vergangenen Jahrzehnts
Wien (APA) - Das vergangene Jahrzehnt war Zeit der Ernte für das 1968 gegründete Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au, das bereits zuvor...
Wien (APA) - Das vergangene Jahrzehnt war Zeit der Ernte für das 1968 gegründete Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au, das bereits zuvor mit Bauten wie einem Pavillon des Groninger Museums (1993-94), dem UFA-Palast Dresden (1993-98) oder dem zum Wohnhaus umgebauten Wiener Gasometer (1995-2001) Aufsehen erregt hatte. In der Folge einige in den vergangenen zehn Jahren fertiggestellte Projekte:
- 2007 eröffnet: BMW Welt München (Wettbewerbsgewinn: 2001, Baubeginn: 2003). Das mit einem Design Award des „Wallpaper“-Magazins ausgezeichnete Event-, Ausstellungs- und Autoauslieferungs-Zentrum mit skulpturartigem Dach und Doppelkegel macht die Übernahme eines Neuwagens zum Erlebnis für die ganze Familie. Drei Millionen Besucher jährlich (doppelt so viele wie auf Schloss Neuschwanstein) zählt der gigantische, bis zu 180 Meter lange und 130 Meter breite Automobil-Tempel am Olympiapark in Sichtweite von Karl Schwanzers berühmtem vierzylindrigen BMW Hauptgebäude. Das zentrale Auditorium für bis zu 800 Personen kann mit seiner variablen Hubpodienlandschaft von der jährlichen Bilanzpressekonferenz der BMW AG bis hin zu Theateraufführungen eine Vielzahl von Veranstaltungen beherbergen. Das gebäudetechnisches Konzept zeichnet sich durch eine nachhaltige Synergie von natürlichen Umwelteinflüssen und technischen Systemen aus. Die Baukosten sind geheim und sollen 300 bis 400 Millionen Euro betragen. Es dürfte sich ausgezahlt haben. Im Oktober wurde der zehnte Geburtstag gefeiert. „Zehn Jahre nach der Fertigstellung können wir stolz sagen: Mission erfüllt“, freute sich Harald Krüger, der Vorstandsvorsitzende der BMW AG.
- 2011 eröffnet: Busan Cinema Center in Busan, Südkorea (Wettbewerbsgewinn: 2005, Baubeginn: 2008). Das 58.000-Quadratmeter umfassende Kinozentrum mit Kinosälen, einem multifunktionalen Theater mit 1.000 Sitzen, Restaurants, Cafés sowie Veranstaltungs-, Büro- und Verwaltungsräumen ist Hauptquartier des Busan International Film Festivals. Der 100-Millionen-Euro-Bau verfügt über ein riesiges, mit LED-Technologie bespielbares Dach, das mit einer Fläche von 65 mal 160 Metern die „längste freitragende Auskragung der Welt“ darstellt. Ihrem 1968 proklamierten Ideal der wie eine Wolke über dem Boden schwebenden Architektur sind Coop Himmelb(l)au damit nahe gekommen. Die Herausforderung der Natur erfordert allerdings in Südkorea besondere Vorkehrungen: „Wenn einer der immer wieder über das Land ziehenden Orkane eine Windgeschwindigkeit über 230 Stundenkilometer erreichen sollte, werden zwei hydraulische Stützen ausgefahren“, erklärt Prix.
- 2012 eröffnet: „Dalian International Conference Center“ in Dalian, China. Das 210 Mio. Euro teure Projekt wurde mit dem „Wallpaper Design Award 2011“ ausgezeichnet. Die Dimensionen sind gigantisch: Auf einer Grundfläche von 220 Meter mal 200 Meter ist unter einem muschelförmigen Dach eine kleine Stadt inklusive 1800-Plätze-Opernhaus und 2.500-Plätze-Konferenzhalle untergebracht. Die Stahlkonstruktionen für Spannweiten von über 85 Metern und Auskragungen von über 40 Metern wurden in chinesischen Schiffswerften hergestellt, die als einzige die zehn Zentimeter dicken Stahlplatten exakt und sicher verschweißen konnten. „Das Gebäude ist trotz seiner immensen Größe für immerhin 7.000 Menschen lebendig wie eine Stadt“, sagt Wolf D. Prix. „Die Eingangshalle ist so groß wie vier Fußballfelder und zum Teil bis zu 45 Meter hoch. Und trotz dieser Größe ist das Gebäude nicht abweisend, sondern übersichtlich und einladend.“ Ein ausgeklügeltes Klimakonzept beinhaltet die Nutzung von Meerwasser zur Kühlung, was 30 Prozent Energieersparnis bringen soll. Das Gebäude ist das neue Wahrzeichen am Endpunkt einer Hauptachse des bedeutenden Hafen-, Industrie-, Handels- und Tourismuszentrum auf der Liaodong-Halbinsel in der chinesischen Provinz Liaoning.
- 2014 eröffnet: „House of Music“ in Aalborg, Dänemark (Wettbewerb 2003, Planungsbeginn 2008, Baubeginn 2010): Im Zentrum eines 70 Mio. Euro teuren, als Niedrigenergiehaus konzipierten, U-förmigen Komplexes, in dem u.a. eine Schule und ein Restaurant untergebracht sind, befindet sich eine Konzerthalle mit 1.300 Plätzen. „Die Schule umarmt die Konzerthalle“, erklärt Wolf D. Prix. Das Foyer dient dabei als Begegnungszone für Studenten, Künstler, Lehrer und Besucher. Fünf Stockwerke hoch, mit Treppen, Aussichtsbalkonen und großen Fenstern mit Blick auf den Fjord, ist es als lebendiger, dynamischer Raum konzipiert, der für verschiedenste Aktivitäten genutzt werden kann. „Musik ist die Kunst, Menschen direkt zu berühren“, so Prix. „Unsere Architektur dient wie der Resonanzkörper eines Instrumentes dazu, die Kreativität im Haus der Musik zu verstärken.“
- 2014 eröffnet: „Musee des Confluences“ in Lyon, Frankreich (Wettbewerbsgewinn: 2001, Baubeginn 2010): Auf 46.000 Quadratmetern ist am Zusammenfluss (Confluent) von Saone und Rhone ein vielfältiges Museum des Wissens der Zukunft entstanden. Der sich zur Stadtseite hin erhebende kristallförmige Bau, der wegen statischer Probleme des Bauplatzes um ein Vielfaches teurer wurde als geplant (offizielle Baukosten: 255 Mio. Euro, inoffiziell weit über 300 Millionen), verbindet auf vielfältige Weise Gegenwart und Zukunft ebenso wie öffentlichen Raum und Museumsbau. Dabei soll die räumliche Struktur der Ausstellungsräume genau so veränderlich sein wie ihr Inhalt und als Art „Wunderkammer des 21. Jahrhunderts“ fungieren. Aus einem imposanten Glas-Foyer, dem „Kristall“, gelangt man über Rolltreppen oder einen geschwungenen, sich in die Höhe schraubenden Pfad in die „Wolke“, dem auf einigen Säulen schwebenden, außen mit Metall-Paneelen verkleideten Haupt-Baukörper, der in seinem Inneren verschiedene Ausstellungssäle enthält. Über 760.000 Besucher wurden im vergangenen Jahr gezählt, im Mai wurde der zweimillionste Besucher begrüßt.
- 2015 eröffnet: „Europäische Zentralbank“ (EZB) in Frankfurt am Main, Deutschland (Wettbewerb 2003, Planungsbeginn 2004, Baubeginn 2010): Das am Mainufer im Frankfurter Ostend stehende Gebäude, dessen Gesamt-Projektkosten auf 1,3 Milliarden Euro geschätzt werden, bezieht die 1928 gebaute, denkmalgeschützte Großmarkthalle des Architekten Martin Elsaesser mit ein und verwendet diese für einen Teil des Raumprogramms sowie für einen Eingangsbereich, der zu einem hohen Doppelturm führt. Der 185 Meter hohe Nordturm verfügt über 45 Stockwerke, der 164 Meter hohe Südturm über 42 Etagen. Beide schrauben sich in einer dynamischen Bewegung in die Höhe und sind mit gigantischen Stahlstreben sowie mit drei Plattformen miteinander verbunden. Zwischen den Türmen, die aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen gänzlich andere Erscheinungsbilder abgeben, ist durch eine Glasfassade ein hohes Atrium gebildet. Das neue Hauptquartier der EZB, dessen feierliche Eröffnung von Protesten überschattet war, bietet rund 2.500 Arbeitsplätze.
(B I L D A V I S O – Bilder von zahlreichen Projekten sind im AOM abrufbar.)