Alles in Schwebe: Eigenwilliger „Radetzkymarsch“ am Burgtheater
Wien (APA) - Nach riesigen Gartenzwergen nun also große, bunte Ballone. Wie zuletzt Jette Steckel bei Ibsens „Ein Volksfeind“ setzt auch Joh...
Wien (APA) - Nach riesigen Gartenzwergen nun also große, bunte Ballone. Wie zuletzt Jette Steckel bei Ibsens „Ein Volksfeind“ setzt auch Johan Simons bei seiner Dramatisierung von Joseph Roths „Radetzkymarsch“ am Burgtheater auf ein starkes, unerwartetes Bild, das den Abend prägt und sich ins Gedächtnis einschreibt. Es wirkt gleichermaßen magisch wie kindisch, auf welche Weise Kakanien hier untergeht.
Der Holländer Simons, eine der prägenden Figuren der deutschen Theaterlandschaft und demnächst Intendant in Bochum, ist ein großer Fan von Joseph Roth. Dessen Romane „Hiob“ und „Hotel Savoy“ hat er bereits auf die Bühne gebracht. Den „Radetzkymarsch“ hat man von der Lektüre als melancholisches Entgegenschreiten in den unausweichlichen Untergang und aus den Verfilmungen von Michael Kehlmann und Axel Corti als stimmungsvolle Endzeit-Panoramen einer Epoche in Erinnerung, deren Hohlheit und Morschheit nur noch mittels Form und Uniform kaschiert wird. Simons nimmt dem Roman in seiner ersten Burgtheater-Inszenierung, die am Donnerstag Premiere hatte, buchstäblich alles Äußerliche, um auf den - von Simons Leib-Dramaturgen Koen Tachelet geschickt herausgearbeiteten - Kern vorzustoßen.
Bühnenbildnerin Katrin Brack hat die große Bühne leergeräumt und füllt sie mit einer Vielzahl von bunten Ballonen unterschiedlicher Größe, die geknautscht, geknufft und vor allem gestoßen werden können. Unweigerlich entschweben sie auch in den großen Zuschauerraum, wo sie vom Publikum mit sanften Stupsern oder kraftvollen Schlägen im Spiel gehalten werden und dabei immer wieder zauberhaft in die Lichtkegel der Scheinwerfer geraten. So entstehen unberechenbare, poetische Momente, deren Effekt sich im Verlauf des dreieinhalbstündigen Theaterabends allerdings auch rasch abnutzt und zudem immer wieder vom eigentlichen Geschehen ablenkt. Am Ende wird Leutnant Trotta den einen oder anderen Ballon zum Platzen bringen. Diesen Effekt lässt sich Simons nicht entgehen.
Im Hintergrund ist über die ganze Bühnenbreite die Ersatzbank aufgestellt: Auf ihr nimmt die gesamte 18-köpfige Mannschaft (neun Burgschauspieler sind mit ebenso vielen Schauspielschülern ergänzt) Platz. Ihre Dressen sind jedoch offenbar alle noch in der Schneider- oder Putzerei. Es dominiert altertümliche Unterwäsche (Kostüme: Greta Goiris). Immer wieder werden Uniformteile an- oder ausgezogen, doch nie korrekt und vollständig getragen. So wenig Zauber der Montur war noch nie. Am wenigsten wohl in seiner Haut findet sich der Protagonist des Romans, Leutnant Carl Joseph von Trotta, der Enkel des „Helden von Solferino“, der einst dem Kaiser das Leben rettete. Sein Vater ist dagegen der Einzige, der stets Haltung bewahrt, egal, was er an hat oder was er nicht an hat. Philipp Hauß und Falk Rockstroh sind die Zentren dieser Aufführung, die von starken Schauspielerleistungen lebt und zwischendurch einen deutlichen Durchhänger hat.
Hauß ist ein nachdenklicher, schlapper, müder, selbstironischer Trotta. Er leidet unter Last und Bürde der glorreichen Familiengeschichte, die seine ambitionslosen, ländlichen Vorfahren plötzlich zu pflichtbewussten Bewahrern der kaiserlichen Macht adelte. Er ist ein Zweifler und Zauderer, stolpert in Affären mit unterschiedlichsten Frauen (die alle bei Andrea Wenzl in den besten Händen sind, die sich mit lasziven Betörungen und Umschlingungen für eine Lulu bestens empfiehlt), macht sich darüber lustig, als Offizier der schlechteste Reiter seines Regiments zu sein, und hat mit dem Geben von Befehlen seine liebe Not. Sein gegenüber Aufrührern erteilter Feuerbefehl ist mehr ein schlaffes Abwinken als ein Signal. Die tödlichen Schüsse fallen trotzdem. So, wie einander zwei seiner Kollegen in einem Duell erschießen, das eigentlich ihm gilt. Drohen ihn für einen Freund übernommene Spielschulden zu vernichten, steht sogleich sein Vater vor seinem Kaiser und bittet ebenso stramm wie untertänig um „Gnade für meinen Sohn“.
Laut Roman ähneln der greise Kaiser und sein treuer Diener einander. In dieser Aufführung ist dies ebenso wenig der Fall wie es nötig wäre, dass Johann Adam Oest einen auf Franz Joseph Lookalike machte, um als Sinnbild des Untergangs zu Herzen zu gehen. Die Szenen von Rockstroh und Oest tauchen mit simplen schauspielerischen Mitteln den ganzen bunte Kinderspielplatz in das letzte Licht der Abendröte einer Epoche. Im k.u.k.-Reich wird die Sonne nicht mehr aufgehen.
Steven Scharf ist für die halb dämonischen, halb aufrührerischen Nebenfiguren in diesem Endspiel zuständig, Daniel Jesch für die nur leise zweifelnden Pflichterfüller. Auch Merlin Sandmeyer, Christoph Radakovits und Martin Vischer zeichnen ohne großen Aufwand differenzierte, interessante Figuren, die zu einer starken Gesamtleistung beitragen. Dass Simons nicht nur mit seinen Ballonen alles in Schwebe hält, sich für keine klare Interpretation entscheidet und überwiegend auf episches Theater setzt, in dem die dramatischsten Ereignisse sotto voce nacherzählt werden, dafür können sie nichts. Doch sie schenken uns einige berührende, intime Szenen, die ebenso in Erinnerung bleiben werden wie die bunten Ballone. Der „Radetzkymarsch“ erklingt übrigens nie. Gut so. Freundlicher, nicht übermäßig enthusiastischer Premierenapplaus.
(S E R V I C E - „Radetzkymarsch“ nach dem Roman von Joseph Roth, Bearbeitung von Koen Tachelet, Regie: Johan Simons, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Greta Goiris, Musik und Sounddesign: Warre Simons. Mit Philipp Hauß, Falk Rockstroh, Johann Adam Oest, Daniel Jesch, Andrea Wenzl, Christoph Radakovits, Merlin Sandmeyer, Steven Scharf, Martin Vischer u.a.; Burgtheater, Weitere Vorstellungen: 16., 18., 20., 27.12., 6., 18., 20.1., Karten: 01 / 513 1 513, www.burgtheater.at)