Renate Welsh: „Die Wiedereinführung der Noten finde ich pervers“

Wien (APA) - Aktuell ist Renate Welsh, die mit Büchern wie „Johanna“ oder „Das Vamperl“ zur heimischen Größe der Kinder- und Jugendliteratur...

Wien (APA) - Aktuell ist Renate Welsh, die mit Büchern wie „Johanna“ oder „Das Vamperl“ zur heimischen Größe der Kinder- und Jugendliteratur wurde, mit ihren Weihnachtsgeschichten „O‘ du Fröhliche“ in den Buchhandlungen anzutreffen. Vor ihrem 80. Geburtstag am 22. Dezember sprach sie mit der APA über Bildungspolitik, mangelnde Protestbereitschaft und ihr eigenes Schreiben, das auch manchmal stockt.

APA: Bei unserem Treffen dominieren die Pläne der kommenden Bundesregierung, in den Volksschulen wieder die Noten einzuführen, die Titelseiten. Wie geht es Ihnen mit den bisher präsentierten bildungspolitischen Vorhaben?

Renate Welsh: Die Wiedereinführung der Noten finde ich pervers. Ich hatte mich wirklich gefreut, als man die Kleinen von diesem Druck befreit hat, von diesem Konkurrenzdenken. Ich halte die Rückkehr zu Noten für völlig unsinnig, denn ich glaube nicht, dass die Leistung dadurch größer wird, sondern die Angst. Und Angst ist der schlechteste Ratgeber aller Zeiten, sie ist zutiefst leistungsfeindlich, weil sie den Mut abtötet, sich auf etwas Neues einzulassen. Man muss Angst nehmen, um mehr Leistung zu erreichen. Freude am Entdecken und natürliche Neugier sind unsere Verbündeten, wenn uns daran liegt, dass Kinder ihr Potenzial entwickeln, Noten sind da keine Hilfe, ganz abgesehen davon, dass sie etwas messen, das nicht messbar ist.

APA: Und die anderen Zukunftspläne?

Welsh: Ich weiß, dass man kurzfristig einen 12-Stunden-Tag durchhält, aber das zum Prinzip zu machen, halte ich für verkehrt. Da kommt die Frage auf, wo die Grenze liegt? Schließlich war der 8-Stunden-Tag eine der wesentlichen Errungenschaften für die arbeitenden Menschen. Das infrage zu stellen, halte ich für gefährlich.

APA: Welche Hoffnungen hatten die Wähler aus Ihrer Sicht?

Welsh: Ich glaube, es war - wenn man die allgemeine Entwicklung betrachtet - ein perfides Spiel mit der Angst. Du kannst mit Zukunftsängsten - sowohl persönlichen als auch gesellschaftlichen - wahnsinnig viel Unheil anrichten. Angst führt zur Suche nach dem starken Mann, wobei der starke Mann gar nicht stark sein muss, es genügt, wenn er für stark gehalten wird. Und diese „Kunstfiguren“ sind gefährlicher als tatsächlich starke, weil sie selbst den Verdacht haben, in Wirklichkeit gar nicht stark zu sein. Und je größer der Verdacht, dass ihre Stärke nicht echt ist, umso aggressiver müssen sie sich gegen jegliche Form von Kritik wehren. Da wird die Frage nach den Menschenrechten der Kritiker irrelevant, es geht nur mehr um die notwendige Abwehr einer illegitimen Gefährdung des Ganzen. Wobei alles, was anders, was fremd ist, zu den Feinden zählt und bekämpft werden muss.

APA: Wenn Sie auf Ihr Publikum der vergangenen Jahrzehnte zurückblicken: Wie haben sich die Kinder verändert?

Welsh: Bei den Kindern sehe ich keine so großen Unterschiede. Nur kommt der sozioökonomische Hintergrund der Kinder bei den Kleinen noch eher und stärker zum Tragen als früher. Und bei den Älteren, die ich in meinen Schreibwerkstätten treffe, habe ich das Gefühl, dass ihre Sexualität für sie ein anderes Problem ist als früher. Vor 40 Jahren hatten die 14-, 15-Jährigen Angst vor ihr und wollten sie verstecken. Heute ist es umgekehrt: Es ist uncool, verwirrt zu sein, oder weniger Erfahrung als die anderen zu haben. Auch ist der Druck stärker geworden, dem Leben der Eltern stellvertretend Sinn zu geben. „Ich tu ja alles nur für dich.“ Das ist eine Last, an der man zerbrechen kann.

APA: Hat sich die Sprache der Kinder verändert?

Welsh: Ich habe fast das Gefühl, dass sich manche Jugendliche schämen, wenn sie halbwegs normal reden. Sie tragen eine Sprache vor sich her wie einen Schutzmantel oder eine Maske. Das Schlimmste wäre aber, wenn ich Achtzigjährige versuchen wollte, zu tun, als könnte ich ihre Sprache sprechen. Das wäre so, als würde ich mit bauchfreiem, rosa Angorapullover auftreten. Man kann nur ernsthaft und ehrlich mit der eigenen Sprache umgehen. Ich rede mit Kindern und Jugendlichen nicht anders als mit anderen Menschen, das akzeptieren sie.

APA: Wie sieht es mit der Sprache der Kinderbücher aus? Inwiefern befragen Sie ihre eigene Sprache immer wieder?

Welsh: Meine Sprache ist im Laufe der Zeit sicherlich schlanker geworden, und ich hoffe, dass ich noch kritischer geworden bin. Aber den Versuch, „kindertümlich“ zu schreiben oder ihnen nach dem Mund zu reden, finde ich nur peinlich. Ich sehe nicht ein, dass ich mit dem halben Hirn schreiben soll, wenn ich für Kinder schreibe. Da reicht manchmal mein ganzes Hirn nicht aus. Ich finde es anmaßend, Kinder als eine Spezies sui generis zu betrachten.

APA: Sie haben in Ihren Büchern oft sehr früh Themen aufgegriffen, die später virulent geworden sind. Wie ist das heute? Suchen Sie aktiv nach Stoffen?

Welsh: Ich stolpere über Themen. Ich behaupte, dass einem Kinder ebenso wie Hunde und Themen passieren.

APA: Gibt es aktuell etwas, worüber Sie unbedingt schreiben wollen?

Welsh: Ich möchte etwas über ein schüchternes Kind schreiben, weil Schüchternheit momentan offenbar nicht in ist. Ich bin noch nicht sehr weit mit der Überlegung. Momentan bin ich ein bisschen unglücklich, weil kein Verlag meine Kurzgeschichten für Erwachsene nehmen will, an denen ich sehr hänge. Das hat mir den Wind aus den Segeln genommen. Dann habe ich einen Roman angefangen. Ausgangspunkt war, dass mein Mann Ende März seine Praxis aufgegeben hat, in der ich praktisch aufgewachsen war. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so treffen würde. Ich war plötzlich ortlos. Darüber wollte ich schreiben, aber das wird irgendwie nichts. Im Moment konzentriere ich mich mehr auf die Schreibwerkstätten und die langsam welkende Hoffnung, dass doch noch etwas aus den Kurzgeschichten wird.

APA: Jüngst haben sehr viele Autorinnen mit Kurzgeschichten debütiert.

Welsh: Aber da darfst du keine alte Frau sein, und es darf dir nicht anhängen, dass du jahrelang Kinderbücher geschrieben hast.

APA: Wie sehen Sie da die Rolle der Schulen?

Welsh: Es kommt immer auf die Lehrerin, auf den Lehrer an. Die, die selbst Freude an Büchern haben, können sie auch an die Kinder vermitteln. Bei den anderen sieht es eher traurig aus. Ich höre immer wieder von Lehrerinnen und Lehrern, die es wagten, ihren Klassen ganze Bücher zuzumuten, dass sie damit „Lesemuffel“ animieren konnten, die normalerweise Schwierigkeiten schon mit dem bloßen Buchstabieren hatten. Ich halte mich am Brief eines 12-Jährigen fest, der mir nach einer Lesung schrieb: „Ich habe nicht gewusst, dass es ein Spaß sein kann, über etwas nachzudenken. Ich werde dieses jetzt öfters tun.“

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)